„Auch in der Unionsfraktion wurde Ihnen gestern vorgeworfen, dass Sie sich einseitig beraten ließen. In der Expertenrunde waren zwei Vertreter der Null-COVID-Strategie, es war aber kein einziger expliziter Kritiker dabei. Als Wissenschaftlerin müssen Sie doch immer beide Seiten hören. Woher kommt der Glaube, wie das Ihre Sprecherin ausdrückte, wenn viele Wissenschaftler auch andere Meinungen haben?“ Diese Frage stellte ich Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. Januar auf der Bundespressekonferenz (anzusehen hier)

Merkel antwortete: „Zu den Wissenschaftlern. Wissen Sie, das überrascht mich ein bisschen. Erstens wählen wir die Wissenschaftler immer nach der Frage aus: Was steht im Zentrum der Beratung? Diesmal stand die Mutation im Zentrum. Da hatten wir sehr interessante Wissenschaftler, zum Beispiel Herrn Apweiler, der für Großbritannien die Sequenzierung durchgeführt hat, Herrn Professor Nagel von der Technischen Universität Berlin, der genauso wie Herr Meyer-Hermann Modellierungen macht, und Professor Krause vom Helmholtz-Zentrum in Braunschweig, der dezidiert in vielen Fragen anderer Meinung ist.“

Ausgerechnet das ZDF hat nun herausgefunden, dass die Kanzlerin mit dieser Antwort nicht nur mich in die Irre geführt hat – sondern auch die gesamte Öffentlichkeit. In der Sendung „Berlin direkt“ vom Sonntag wird über den Wortwechsel der Kanzlerin mit mir berichtet, und ihre Antwort wird auch eingeblendet – wie immer, ohne meinen Namen zu nennen oder mich zu zeigen: „Immer mehr Menschen hegen Zweifel, ob der Art, wie mit Fragen, wie mit Kritik umgegangen wird. Beispiel eins: Die wissenschaftliche Beratung. Es kämen nur die zu Wort, die ihre Linie ohnehin stützen, so der Vorwurf. Stimmt nicht, sagt sie, verweist auf das letzte Treffen“. Sodann wird ein Ausschnitt von Merkels Antwort auf meine Frage gezeigt: „Wir hatten Professor Krause vom Helmholtz-Zentrum in Braunschweig, der dezidiert in vielen Fragen anderer Meinung ist.“  Weiter sagt der Sprecher: „Doch wegen dieser dezidiert anderen Meinungen war er nicht geladen, sondern für einen Vortrag über eine Software. Sprich: Man schmückte sich mit einem Kritiker, ohne sich mit seiner Kritik ernsthaft zu befassen. Selbst Mitregierende sind irritiert“.

Ansehen können Sie sich die Passage hier. Aufmerksame Leser hatten die Sendung gesehen und schrieben mich an. Wie sie den Sachverhalt kommentierten, ist teilweise nicht druckreif.

Ich weiß nun nicht, ob ich mich freuen soll, oder mich ärgern. Ärgern, dass hier der Verdacht im Raum steht, dass mir die Kanzlerin einen Bären aufgebunden hat. Freuen, dass ich hier als Journalist nicht nur Themen setzen und zur Aufklärung beitragen konnte. Sondern sogar für „Irritation“ bei den „Mitregierenden“ sorgen konnte.

Bemerkenswert ist aber auch, dass die Fehlinformation der Kanzlerin offenbar in den meisten Medien tunlichst verschwiegen wird – obwohl es eigentlich ein großes Thema sein sollte. Und auch das ZDF hat die Aufklärung faktisch eher versteckt – denn man hätte das auch ganz anders aufgreifen und akzentuieren können. Stellen Sie sich mal für eine Minute vor, was los gewesen wäre, wenn man Bundeskanzler Helmut Kohl bei so einer Irreführung ertappt hätte? Wetten, dass ihm das ganz, ganz breit unter die Nase gehalten worden wäre in den großen Medien? Damals, als es noch Konsens war unter Journalisten, dass man die Regierung kritisiert, statt mit ihr zu kuscheln….



 


Bild: Boris Reitschuster
Text: br




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Von Veritatis