Sie sind so etwas wie die Hitfabrik des französischen Kinos. Allein mit der Komödie Ziemlich beste Freunde (2011) über die überraschende Freundschaft zwischen einem querschnittsgelähmten Millionär und seinem franko-senegalesischen Pflegehelfer lockten die Filmemacher Éric Toledano und Olivier Nakache in ihrer Heimat 19 Millionen Zuschauer ins Kino, weitere neun waren es in Deutschland. Seitdem sind sie auf tragikomisches Unterhaltungskino mit sozialen Themen spezialisiert, ob bei Heute bin ich Samba über einen illegalen Einwanderer in Paris, der davon träumt, Koch zu werden, oder zuletzt Alles außer gewöhnlich über zwei Weltverbesserer, die sich um autistische Jugendliche kümmern. Nakache (47) und Toledano (49) hatten sich 1995 als Animatoren in einen Ferienzentrum kennengelernt und begannen bald darauf, als Regie-Team Filme zu drehen, sieben Langfilme haben sie seitdem realisiert und sind dabei von ihrem Erfolgsrezept kaum abgewichen. Doch nun machen die beiden Ernst – und zum ersten Mal Fernsehen. Mit der kammerspielartigen Dramaserie In Therapie, die von psychoanalytischen Sitzungen kurz nach dem Terroranschlag 2015 in Paris handelt, legen sie 35 Folgen lang neben der Handvoll Protagonisten gleich die ganze französische Gesellschaft auf die Couch.

Ein Vorbild aus Israel

Was steht hinter dem Sinneswandel? Éric Toledano steht zum Serienstart per Zoom Rede und Antwort. Schon lange seien sie begeistert gewesen von der israelischen Serie Betipul über einen Therapeuten und seine täglich wechselnden Patientengespräche, erinnert sich Toledano in seinem Pariser Büro. „Wir wollten gerne eine französische Version davon machen. Aber dann kam der völlig überwältigende Erfolg von Ziemlich beste Freunde dazwischen und die Idee der Serie geriet etwas in den Hintergrund.“ Bis zu den islamistischen Terrorattentaten 2015, die sie beide zutiefst erschütterten und für ein Umdenken sorgten. „Das war ein Schock, für uns alle. Unsere gesamte Art zu leben war angegriffen worden, unsere offene Gesellschaft. Wir hatten das dringende Bedürfnis, das filmisch zu verarbeiten.“ So kamen sie auf die Idee der Serien-Therapie zurück und siedelten ihre Variante in Paris nur wenige Tage nach dem Anschlag auf den Konzertclub Bataclan an, bei dem 130 Menschen ermordet wurden.

Dem strengen Therapiekonzept des Originals blieben sie dabei treu: In jeder Folge empfängt der Therapeut montags bis donnerstags jeweils dieselbe Person zur Sitzung, von der jungen Notärztin Ariane (Mélanie Thierry) über den vom Einsatz traumatisierten Elitepolizisten Adel (Reda Kateb) und der suizidalen 16-jährigen Leistungsschwimmerin Camille (Céleste Brunnquell) bis zum kriselnden Ehepaar Léonora und Damien (Clémence Poésy und Pio Marmaï). Am fünften Tag begibt sich Philippe Dayan (Frédéric Pierrot) jeweils selbst in Therapie bei seiner langjährigen Kollegin Edith (Carole Bouquet). Arte strahlt die fünf Sitzungen der Woche immer donnerstags ab 21.45 Uhr aus; in der Mediathek lassen sich alle Folgen bingen, chronologisch oder frei nach Klienten sortiert. Wobei es sinnvoller ist, sich nach dem tatsächlichen Verlauf zu richten, weil es durchaus Überschneidungen gibt, wenn sich etwa der Einsatzbeamte und die Chirurgin begegnen oder Dayan bei seiner Supervision die Ereignisse der Woche und seine eigenen Konflikte damit reflektiert.

In den persönlichen Problemen der Charaktere spiegelt sich wie im Brennglas auch die kollektive Erschütterung. „Die Situation des Landes ist Teil des Lebens dieser Figuren, mal mehr, mal weniger, aber sie können sich der Welt da draußen nicht entziehen, sie müssen sich dazu verhalten.“ Der Angriff auf das multikulturelle Miteinander wird auch in den Figuren gespiegelt, vom algerienstämmigen Polizisten bis zum jüdischen Therapeuten.

Letzterer ist für Toledano, der wie sein Regiepartner selbst Sohn sephardischer Juden ist, auch eine Hommage an die semitischen Ursprünge der Psychoanalyse seit Sigmund Freud: „In der jüdischen Tradition geht es darum, des Wort und damit die Welt immer wieder zu hinterfragen und neuen Sinn zu geben und damit ein narratives Konzept des Lebens zu kreieren“, erklärt er. „Es gibt diesen Spruch: Wenn man einen Juden etwas fragt, wird seine Antwort eine Gegenfrage sein. Denn die Frage ist wichtiger als die Antwort, sie bewahrt uns davor, dogmatisch zu werden, uns zu verschließen. Darum geht es auch in der Therapie. Man sucht nach einem Sinn, einer neuen Sichtweise. Und im Grunde geht es darum auch beim filmischen Erzählen.“ Deswegen sei das Zwiegespräch auch eine so inhärent cineastische Form, glaubt er. „Diese Gespräche in einem Raum, aufgelöst in Schuss-Gegenschuss-Aufnahmen der beiden Figuren, sind für mich reines Kino. Über das meiste wird nur geredet, der Film findet im Kopf des Zuschauers statt.“ Der strenge Minimalismus funktioniert freilich nur, wenn Dialoge und vor allem auch Schauspieler so herausragend sind wie hier. Die Szenen sind selbst in der deutschen Synchronisation dicht, präzise und authentisch, fernab von Seelenklempnerklischees.

Auf den wachsenden Antisemitismus in Frankreich und Europa angesprochen, sagt Toledano, dass er ihn mit Besorgnis wahrnimmt, aber „das waren Anschläge auf uns alle. Die Situation ist weniger schwarzweiß als viele glauben. Religion und Hautfarbe sagen erstmal gar nichts aus über Gut und Böse. Das Leben ist komplexer und komplizierter. Aber um die Nuancen und Grautöne zu erzählen, braucht es mehr Zeit und Raum.“

Auch wenn nicht jede der Figuren unmittelbar von dem Attentat betroffen ist, spiegelt In Therapie doch als Ganzes die Erschütterungen der französischen Gesellschaft wider. „Wir haben verlernt, wirklich miteinander zu reden und uns gegenseitig zuzuhören“, so Toledano. „Und darum geht es, innezuhalten und sich Folge für Folge auf ein persönliches Schicksal einzulassen.“ Der lange Atem sei es dann auch gewesen, der für diese Auseinandersetzung notwendig war. „Im Kino hat man 90 Minuten, maximal zwei Stunden, um eine Geschichte zu erzählen. Bei einer Serie ist sehr viel mehr Zeit, um die Charaktere und was sie umtreibt zu erforschen. Das Setting von wiederkehrenden Therapiesitzungen ist dafür wie geschaffen. Wir wollen für jedes Problem stets sofort eine Lösung, aber so einfach ist es meist nicht. Es ist ein Prozess und oft harte Arbeit, um nicht nur an der Oberfläche und den Symptomen zu kratzen, sondern tiefer zu gehen.“

Muße oder Eskapismus

Die letzte Klappe der Dreharbeiten fiel am 12. März 2020, unmittelbar vor dem ersten Lockdown, den Schnitt mussten sie aus der Distanz schaffen. Trotzdem könnte In Therapie kaum gegenwärtiger wirken. „Die einzelnen Geschichten thematisieren vieles, was sich seit dem Ende des Drehs noch verstärkt hat: die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, das medizinische Personal, das in den Krankenhäusern verheizt wird, oder auch die Schwarzweißmalerei im Ansehen der Polizei, die für einen Einsatz bei Anschlägen gefeiert und zugleich für ihr brutales Vorgehen kritisiert wird.“ Den Serienstart nun im zweiten Lockdown sieht Toledano mit gemischten Gefühlen: „Vielleicht hat das Publikum die Zeit und Muße, sich auf 35 Folgen intensive Gespräche einzulassen. Vielleicht suchen sie aber auch gerade den Eskapismus, wollen keine Auseinandersetzung und raus aus der Realität.“ Ein Experiment mit offenem Ende.

Während andere Kollegen den Lockrufen von Netflix gefolgt sind, wo mit Lupin auch Omar Sy (siehe S. 23), der Star ihrer Komödienhits Ziemlich beste Freunde und Samba, eine neue Heimat gefunden hat, fühlt sich Toledano beim „Nischensender“ Arte gut aufgehoben. „Es ist einfach der beste Fernsehkanal für Kultur, von Kunst über fiktionales Erzählen bis zu Dokumentarfilmen, sehr viel ambitionierter als die Streamingdienste.“ Er versichert am Ende, dass sie dort alle Freiheiten hatten. Und Arte sei als öffentlich-rechtlicher Sender für alle ganz ohne Abo zu empfangen, auch im Internet.

In Therapie Éric Toledano, Olivier Nakache Frankreich 2021, 35 Folgen, Arte



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Von Veritatis