Von Elias Huber

Ein Münchner Kinderarzt spricht Klartext. Seit dem Lockdown behandle er mehr Kinder mit psychosomatischen Beschwerden, sagt Stefan Hammann in einem Interview mit der Münchner Abendzeitung: “Ich sehe viele verzweifelte Eltern und teils extrem verunsicherte Kinder oder Kinder mit Entwicklungsstörungen”. Kürzlich habe er etwa eine Jugendliche mit massiven Bauchschmerzen verarztet. Es stellte sich heraus: Sie habe ihre Freunde nicht mehr getroffen, ging nicht mehr spazieren und habe sich in ihrem Zimmer vergraben, erzählt der Arzt.

Die Gewalt in den Familien habe zugenommen. Er habe zum Beispiel mehrere Kinder notfallmäßig untersucht, die das Jugendamt aus den Familien nehmen musste. “Das hatte ich vorher noch nie”, sagt der 56-Jährige Mediziner.

Auch Migrantenkinder treffe der Lockdown hart, sagt der Arzt, der mit 5500 Karteieinträgen etwa doppelt so viele Patienten hat wie Kollegen in anderen Stadtvierteln. Viele Kitas und Schulen würden Kinder angesichts von Notbetreuungsbedarfs-Regeln nicht einlassen, wenn die Mutter zuhause sei. “Wo sollen sie jetzt Deutsch lernen?”, fragt Hammann. In zwei Jahren würden die Kinder in die Schule kommen und kein Wort verstehen.

Kinder mit Infekten, einschließlich Covid-19, sind offenbar eine Seltenheit in der Praxis des 56-Jährigen geworden. Vor einem Jahr habe er während der Grippewelle bis 19 oder 20 Uhr gearbeitet, erzählt Hammann. 80 bis 90 Patienten seien pro Tag gekommen. Derzeit verzeichne er gerade einmal 40 Patienten pro Tag. Vorwiegend beschäftige er sich mit Warzen, eingewachsenen Nägeln oder Attesten für die Kita. “Jetzt ist die Infektsprechstunde leer”, berichtet der 56-Jährige.

Er mache sich große Sorgen um die Kinder, sagt er in dem Interview weiter. Die allerersten Lebenserinnerungen begännen mit 2,5 bis drei Jahren. “Das heißt zum Beispiel, dass ein heute vierjähriges Kind sein ganzes erinnerliches Leben unter Pandemiebedingungen verbracht hat”, so Hammann. Am schlimmsten seien die Zehntklässler dran, die mit der Schule fertig seien und keinen Arbeitsplatz fänden. Und die Vorschulkinder, die noch den letzten Schliff zur Schulreife bräuchten.

Sollte der Lockdown noch länger dauern, würden viele Kinder den sozialen Anschluss verlieren, prognostiziert der Kinderarzt. Eine einfache Rückkehr zur Tagesordnung sei nicht möglich. “Wir müssen erkennen, dass wir eine Verpflichtung haben, nachzuholen, was in dieser Zeit verlorengegangen ist. (…) Ein Erwachsener kann ein oder 1,5 Jahre abhaken. Ein Kind nicht”, sagt Hammann.

Hammann ist offenbar für eine Öffnung der Schulen und Kitas. Zwar sei nicht ganz klar, welche Rolle Kinder im Pandemiegeschehen spielten: “Aber ich habe noch nie gehört, dass ein Kind einen Erzieher oder Lehrer angesteckt hat”, sagt er. Die Kinder hätten ein Recht auf Betreuung. “Das ist doch nichts, worum man betteln muss. Wo leben wir denn?”, fragt er.

Entscheidungen der Politik kann der Kinderarzt “nicht nachvollziehen”. Etwa sollten in Entscheidungsgremien mehr Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter sitzen, nicht nur Virologen und Epidemiologen. “Wir müssen viel mehr Leute hören, das ist Demokratie”, stellt er klar.

Bild: Antonio Guillem/Shutterstock
Text: eh

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