Ziemlich am Anfang und nach der Frage, was für ein Text, was für eine Gattung Camel Travel eigentlich ist – eine kurze, literarisch reduzierte Autofiktion, eine aus feministischer Theorie geschöpfte Rückschau auf das Aufwachsen in Minsk, anekdotenreiche Biografie ihrer Kindheit mit erlittenen Aufenthalten bei Großeltern auf dem Land, Sportdrill in Sommerlagern, Hinwendung zu Musik, Schulalltag? – hält Volha Hapeyeva inne und denkt einen Moment nach. Wir sitzen einander in dieser seltsamen Form gegenüber: Blick auf den Bildschirm, der Laptop stellt die Kamera leicht untersichtig. „Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich die Donau sehen“, hat sie schon erzählt, ihr Fenster aber liegt außerhalb des Bildausschnitts. Und weil ich selbst nicht die Donau bei Krems, sondern ein Arbeitszimmer in Berlin sehe und Volha Hapeyeva in ihrem Writer-Residency-Zimmer still verharrt, wächst Sorge in diese Gesprächslücke, die mit Internetschwierigkeiten, Technikgefummel zu tun hat.

Aber dann wärmt der Weißton bei Hapeyeva auf, der Vorhang hinter ihr strahlt gelb, vielleicht schiebt Wind Kremser Wolken weiter, lässt die Sonne scheinen, so grün sei es vor dem Fenster, hatte sie gesagt, bewegt sich auch schon wieder, umkreist beschwingt die Frage nach der Textgattung mit dem Blick auf ihr Geburtsjahr: 1982 nämlich. Damit waren sie und ihre Freunde noch Kinder beim Zusammenbruch der UdSSR. Der schmale Band ist vielleicht das Zeitbild einer schmalen Generation, Hapeyeva lacht hell zu diesem Begriff, erzählt vom weiß-rot-weißen Tuch der Republik an Schulen und Amtsgebäuden, von der Lehrerin, die sie in belarussischer Sprache und Literatur unterwies und die Klasse ermutigte, Essays zu schreiben. Sie sollten ihre Gedanken zur belarussischen Sprache formulieren, sich fragen, ob daneben auch Russisch von Amts wegen eingeführt werden sollte. Was Hapeyeva damit illustriert, ist klar: Es ging nicht nur um Überlegung zur Amtssprache als Teil des symbolischen Haushalts der Unabhängigkeit, sondern eben auch darum, dass hier Schulkinder ihre Meinung niederschrieben, sich beteiligten, diskutierten. „Unglaublich war das, ein kurzer Moment. Und 1994 wieder vorüber und seitdem undenkbar.“ Also ab dem Moment, als Alexander Lukaschenko die Macht übernahm.

Protest gegen Lukaschenko

Historische Ereignisse bringen stets die rückschauende Suche nach ihren Vorzeichen mit sich, und Volha Hapeyeva, die als Lyrikerin und Übersetzerin, Autorin und Hochschullehrerin arbeitet, hat Camel Travel lange vor dem letzten Wahlbetrug und den Demonstrationen als Dokumentation angelegt. Die Episoden im Leben einer jungen Frau aus der Intelligenzia lassen zumeist den nüchternen Blick der Heranwachsenden intakt, diskutieren keine Politik. Dass Camel Travel dennoch politisch wirkt, hat nicht nur mit dem Aufstand gegen Lukaschenko zu tun. Hapeyeva, die als Icherzählerin auftritt, schaut auf ihre Mutter (der Vater verschwindet früh mit einer Geliebten), ihre Großeltern, sieht Generationen, die mit Zwang und Frustration, mit vorgeschriebenen Lebensläufen und düsteren Aussichten aufgewachsen waren. Planung und Kontrolle drückten ihren Frust in private Nischen, dort fochten sie Schlachten aus, die anderswo keinen Platz hatten.

Zwischen den Beobachtungen entsteht das seltsame Gefühl, dass eine gegängelte Gesellschaft, die die Disziplinarmacht des Staates so konsequent nach innen wendete, zum willfährigen Komplementär von Lukaschenko werden konnte – ohne, dass Hapeyeva das verhandelt. Vielmehr skizziert sie Besuche bei Großeltern, in Dörfern, bei Tanten, und arbeitet eine beengende Stimmung heraus. Gelegentlich folgt eine Bewertung. Damit greift Camel Travel – schon auf Belarussisch erschienen und nun übersetzt – nicht nur den Kosmos jener Kleinigkeiten auf, der den Blick von Jahrgängen ausmachte, die zwischen Sowjetrepublik-Staatszentrismus und Lukaschenko-Diktat eine Republik miterlebten. In der sie sich als Teenager für kurze Momente engagieren, Dinge in die Hand nehmen konnten. Aus dieser Generation rekrutieren sich starke Kohorten für den Aufstand gegen das Regime.

Schon im Frühwinter ist der Band Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution erschienen, in dem 23 Autorinnen die Debatte erweitern. Die Frauen, die gegen Lukaschenko demonstrierten oder sich zur Wahl stellten, hätten weder ein politisches und schon gar kein feministisches Projekt in den Händen, lautet eine strenge und nachvollziehbare Kritik. „Weder patriarchale Mythen noch geschlechtsspezifische Vorurteile, die in Belarus zum gesellschaftlichen Konsens gehören, kamen ins Wanken“, schreibt zum Beispiel Irina Solomatina, Leiterin der Organisation „Working Women“. Gerade in der Performanz, halten andere Essays dagegen, untergrüben die Frauen die traditionelle Geschlechterordnung. Sie würden sogar das Selbstbild der stillen, weiblich konnotierten Nation angreifen – und hätten damit einen „grundsätzlichen moralischen Wandel“ eingeleitet. Hapeyeva denkt wieder einen Moment nach, die Frage ist größer als die persönliche Ebene, mit der Camel Travel den Dingen zu Leibe rückt. In der Bildschirm-Unterhaltung zwischen Krems und Berlin spricht sie von Traumatisierungen – etwas, das im Buch eher mitschwingt, als dass es benannt würde. In Camel Travel resümiert die Erzählstimme gelegentlich, lässt unklar, ob sie dabei allein über die Großeltern spricht oder über die weit darüber hinausweisende Gefahr, den harschen Ton, die Rollenbilder selbst zur Orientierung zu nehmen: „Träume sind gut, aber häufig muss man mit sich selbst und seinem Umfeld ringen, bis sie Wirklichkeit werden können, deshalb ist es einfacher, keine zu haben – dann kann man sich die Enttäuschung ersparen.“

Volha Hapeyeva fand in der Literatur einen Ausweg

So entwickelt die junge Hapeyeva eine Vorliebe für Klavierstücke in Moll, lässt die Bleischwere der Zeit mit Lenin-Fibeln und Buchweizengrütze vorbeiziehen. Alltagskleinigkeiten spiegelten oft das Ganze, Plansoll, die Propaganda des Heroismus: Brot wegzuwerfen, damit zu spielen, hieße die Arbeit der Kornbauern zu missachten. Die Propaganda hinterlässt auch ein konstantes Gefühl von Schuld an der Unvollkommenheit vor dem strahlenden Bild des Sowjetmenschen. Über Verfehlungen durfte sie nicht trauern, vielleicht waren überhaupt Gefühle ein schwieriges Terrain: „Mama erzog mich mit spartanischer Härte und konnte es nicht leiden, wenn ich weinte. (…) Passender fand sie den Spruch: ‚Gleich hol ich den Gürtel, dann weißt du wenigstens, wieso du heulst.‘“

Rolle der Frau: Haare flechten

Die belarussische Gesellschaft – und hier verbindet sich der Hapeyeva-Text mit dem Belarus!-Band – hat klare Vorstellungen, wie Mädchen auftreten, Frauen sich verhalten sollen. Nach außen schmückt sich der Staat gerne mit dem starken Frauenanteil im Parlament: Sie machen 40 Prozent der Abgeordneten aus, weit mehr als der Durchschnitt weltweit. Dass das Parlament in Minsk wenig Macht hat, fällt bei dem Selbstlob unter den Tisch. Vor ein paar Jahren hat Lukaschenko außerdem die beiden wesentlichen Funktionen der weiblichen Abgeordneten geklärt: Ihre Gegenwart solle „die Männer disziplinieren“ und vor allem die Kammer „verschönern“.

Dagegen veranschaulicht Camel Travel, wie Traumata weitergegeben werden, indem sie als Rollenerwartungen – in ihren Anekdoten zumeist von Frauen formuliert – eine beißende Funktion bekommen. Flechten, legen, farbige Bänder, „die Haarfrage stand im Leben von uns Mädchen praktisch an erster Stelle“. Dafür braucht es Mütter und Zeitmanagement – denn auch die Mütter arbeiten, weniger aus Emanzipation, wie Hapeyeva dazulacht, „sondern weil sie mussten“. Also mussten auch die Töchter, und zwar noch in tiefdunkler Nacht, die Haare gemacht bekommen und strenge Ordnung halten – später in der Schule müssen sie einem Bild entsprechen, in der Frisur spiegele sich der Charakter, Schlampigkeit wurde sanktioniert. Wer sich die wundervolle Mühe macht und Karl Schlögels 900-Seiten-Arbeit über Das Sowjetische Jahrhundert (C. H. Beck 2017) durcharbeitet, findet ein breites Spektrum farbenfroher, zumeist literarischer Referenzen im Kapitel über „Das Leben der Dinge“ – aber erst Hapeyevas knapper Text über das Aufwachsen zwischen ihnen lässt einen den täglichen Druck auf Frauen darin erahnen. Damit sie angeln gehen konnte, musste sie den Großvater überreden, allein war das nicht denkbar. Beim Fußballspielen rief ihr die Mutter eines Kameraden zu, dass sie an die Ehe denken sollte. Da bricht es aus ihr heraus: „Wie kann man nach so einer Ansage seine Weiblichkeit und sein Frausein noch bejahen? Nach so etwas willst du mit einem glühenden Eisen alles in dir ausbrennen, was die anderen daran erinnert, dass du ein Mädchen bist, weil du nicht heiraten willst, sondern Ball spielen.“ Sie erzählt, dass der Aufstand wenig mit Feminismus zu tun habe und dass sie die Bilder über die „schönen Revolutionärinnen“ in westlichen Medien ärgern. „Aber die Frauen haben sich auch genau so dargestellt, das war ein Fehler.“ Viele Anführerinnen hatten zu Beginn kaum einen politischen Entwurf, es ging um Frustration, das Gefühl von Erniedrigung. Camel Travel illustriert, wie alltäglich solche Gefühle für Frauen in Belarus sind, schärft den Blick auf den symbolischen Gehalt des Protests – der gerade ohne theoretischen Überbau die Dinge umzuwerfen scheint.

Und dann erzählt sie noch von einem Ausweg nach dem Erzählbogen des schmalen Bandes. Wieder war es die Lehrerin für Sprache und Kultur, die sie animierte und die gerade 15-Jährige zu einer ur-sowjetischen Einrichtung schickte: zum Wochentreffen der Autoren-Gewerkschaft. Anfangs schleppte sie eine Freundin mit, die zwar mit Schreiben nichts am Hut hatte, aber an deren Arm sie sich festhalten konnte. Später war sie die einzige Frau bei den Versammlungen. Ihr Ausweg, sagt Volha Hapeyeva, war die Literatur, „das Glück, dass ich Lyrikerin werden konnte“.

Camel Travel Volha Hapeyeva Thomas Weiler (Übers.), Droschl Verlag 2021, 128 S., 18 €

Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution Andreas Rostek et al. (Hrsg.) Edition.Fototapeta 2020, 272 S., 15 €



Source link

Von Veritatis