Ein Gastbeitrag von Joachim Kaune

„BILD in der Corona-Hölle Brasiliens: Volle Strände, volle Gräber“, so titelte die BILD in ihrer gewohnt reißerischen Art aus dem Norden des Landes. Emotionen verkaufen sich, nüchterne Warnungen des Chefredakteurs Reichelt vor der wirtschaftlichen Katastrophe nicht. In der Reihe der Länderberichte zu Corona möchte ich deswegen eine Beschreibung vom Sehnsuchtsort Copacabana in Rio de Janeiro einreihen. Aussteiger wie der Hamburger Innensenator Schill, bekannt als „Richter Gnadenlos“, genießen hier angeblich ein sonniges Leben am Strand.

Anders als von unserer Regierung mit ihrem Aufruf zum Couch-Potato-Helden-Dasein wird in Rio de Janeiro ein Leben mit Freiheit und Lebensfreude geboten. Nur bei einem kleineren Teil der Bewohner sieht man einen Mund-Nasen-Schutz. Ebenso pfeifen viele auf Mindestabstände. Bars, Restaurants und der Strand sind geöffnet, Hotels sowieso. Für den Neuankömmling aus Deutschland erzeugt dies eine Mischung aus Unbehagen und Erleichterung. Eine ferne Erinnerung an das Leben vor 2020 wird wach. An vielen Orten ist ein ungezwungenes und fröhliches Leben selbstverständlich, ohne schlechtes Gewissen, moralisierende Nachbarn oder diffuse Angst.

Beim Gang zum Strand herrscht Normalität, der Strand ist wirklich voll. Es sind keine vollen Särge in Sicht. Lediglich die massive Polizei-Präsenz irritiert, die den Touristen Sicherheit auch in den Favelas suggerieren soll. Am Strand versetzt einen dann die Lektüre der deutschen Leitmedien in eine Parallelwelt. Die resultierende Wut und Ohnmacht entlädt sich dann später im Hotel beim regen Corona-Diskurs mit Touristen aus aller Welt. Professor Ioannidis von der Stanford University ist allen ein Begriff, man kennt die Zahlen zur Sterblichkeit wie bei einer Grippe. Man kennt die Daten der Gesundheitsbehörde CDC aus den USA mit nur 6% der Corona-Toten ohne Vorerkrankungen. Schwedische Mitreisende stellen die deutsche Berichterstattung zur Corona-Politik ihres Landes in Frage. Jedoch keiner hat eine diskursfähige Erklärung, wieso dies alles passiert. Mögliche Erklärungsversuche sind einfach zu ungeheuerlich. Falls wahr, so würden diese einen kompletten Umbau von Politik und Weltwirtschaft erfordern.

Am Abend kehrt man in einem der offenen Restaurants mit Meerblick und Palmen ein. Das zarte 300-Gramm-Filetsteak findet man später auf der Kreditkartenabrechnung zum Preis eines Sparmenüs. Frisch zubereitete Caipirinhas werden ebenfalls digital abgerechnet, hier etwa zum Preis eines Dosenbiers im nächstgelegenen Bütje, Kiosk oder Späti. Die Länge der Kreditkartenabrechnung explodiert wegen der vielen Einzelabrechnungen der Taxi-App, jede Einzelne mit dem Tarif des öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland zu vergleichen. Auch die böse Überraschung bei der Abrechnung des Hotels bleibt aus. Der Preis ist vergleichbar mit einer Monatsmiete in einer A- oder B-Lage einer deutschen Großstadt, Frühstück und Balkon mit Meerblick sind inklusive.

Auch für den Teil der Bevölkerung, der für seinen Lebensunterhalt jeden Monat arbeiten muss, und derzeit ins Homeoffice verbannt wurde, bietet das schnelle Internet vor Ort die entsprechende Infrastruktur. Je nach Bedarf lassen sich Fragen von neidischen oder moralisierenden Kollegen durch einen neutralen Hintergrund beim Video-Telefonat vermeiden. Die Umleitung des deutschen Telefonanschlusses per Voice-Over-IP auf das Handy mit brasilianischer SIM-Karte stellt die Erreichbarkeit sicher. Ein Vertrauter in der Heimat kümmert sich bei längeren Aufenthalten um die Digitalisierung der Post. Der größte Nachteil des Aufenthalts ergibt sich, neben Flügen mit Maske und PCR-Tests, aus der Quarantäne-Pflicht bei der Rückkehr. Aber welchen Unterschied macht das im Lockdown?

Bei dieser paradiesischen Beschreibung mag sich der Leser fragen, wieso man überhaupt auf die Couch in Deutschland zurückkehren sollte. Als aus dem Homeoffice arbeitender Single bietet Brasilien einen tollen Life-Style und die beruflichen Möglichkeiten eines dynamischen Entwicklungslandes. Für den mit seiner Heimat verbundenen Deutschen bleibt wohl nur die Aufklärung seiner Mitmenschen als Gegengewicht zur anfangs zitierten BILD: Den Life-Style als Tourist mit harter Währung verdanken wir dem Unternehmertum, dem Fleiß und der Wirtschaftspolitik unserer Eltern und Großeltern. Wir können uns dieser Werte besinnen und für sie abstimmen. So könnte Deutschland auch in Zukunft den Leistungsträgern und Rentenzahlern unserer Gesellschaft eine bessere Perspektive als die Flucht à la „Richter Gnadenlos“ bieten.



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Von Veritatis