Die NachDenkSeiten haben stets vor den Kollateralschäden rigider Lockdowns gewarnt und gleichzeitig den mangelnden Schutz der Risikogruppen, insbesondere in den Alten- und Pflegeheimen, kritisiert. Ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, was in diesem Lande in Sachen Corona schiefläuft, lässt sich derzeit in meiner Heimat dem Landkreis Goslar beobachten. Seit Beginn des Winters hat sich die Zahl der coronabedingten Todesfälle hier fast verdreifacht – maßgeblich verantwortlich dafür waren Massenausbrüche in Altenheimen. Dort existieren zwar Hygiene- und Schutzkonzepte auf dem Papier, jedoch wird deren Einhaltung offenbar nicht kontrolliert. Das ist „verständlich“, hat das hiesige Ordnungsamt doch viel wichtigere Dinge zu tun – z.B. die Einhaltung der Maskenpflicht beim Rodeln mit aller Schärfe zu kontrollieren. Man weiß nicht, ob man da bitter lachen oder weinen soll. Offenbar ist unsere Gesellschaft verrückt geworden. Von Jens Berger.

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Einen so schönen Winter wie in diesem Jahr gab es seit ungefähr zehn Jahren nicht. Der gesamte Harz ist reich mit Schnee bedeckt und wenn die Wolken der Sonne einmal Raum lassen, gleicht das Mittelgebirge einem winterlichen Traum. Dumm nur, dass der seit Jahren arg gebeutelte Fremdenverkehr davon nicht profitieren kann. „Wir haben Corona“. Hotels und Gastronomiebetriebe sind geschlossen, Lifte stehen still. Während sonst die lokalen Wirtschaftsverbände samt ihres politischen Arms vor lauter Freude juchzen, wenn sich der Verkehr auf den Zufahrtsstraßen schon früh morgens staut, werden die Tagestouristen aus dem Umland in diesem Jahr wie eine Heuschreckenplage wahrgenommen. Zynisch könnte man sagen: So funktioniert er, der Kapitalismus. Wenn der Tourist Geld in der Region lässt, ist er stets gern gesehen; kommt er nur hierher, um die Natur zu genießen und Spaß zu haben, soll er doch lieber bleiben, wo der Pfeffer wächst. Von „Vergnügungssucht“ ist in den lokalen Foren zu lesen. Dies sei unverantwortlich! Gerade in Zeiten von Corona!

Wer so spricht, hat leicht reden. Im Häuschen im Grünen mit der Natur vor der eigenen Haustür hat man offenbar einen anderen Blick auf die Welt. Und Empathie hat in diesen Zeiten sicher keine Konjunktur. Wer in einer kleinen Mietwohnung in Braunschweig, Salzgitter, Hildesheim, Wolfsburg oder Hannover – dem klassischen Einzugsgebiet des Tagestourismus im Harz – lebt, sieht dies sicher anders; vor allem dann, wenn man seit Monaten in den eigenen vier Wänden eingesperrt und in der Freizeitgestaltung beschnitten ist und den vom Homeschooling genervten Kindern die Decke auf den Kopf fällt. Was liegt da näher, als den Neuschnee auszunutzen und – wie in den Jahren zuvor ja auch schon – zum Rodeln in den Harz zu fahren?

Wer heute noch so normal denkt, hat jedoch seine Rechnung ohne die Truppen des Landkreises Goslar gemacht. Der hat nämlich den „vergnügungssüchtigen“ Tagestouristen den Kampf angesagt und 16 besonders beliebte Ski- und Rodelhänge samt den angrenzenden Parkplätzen zu „Risikozonen“ ernannt, in denen eine generelle Maskenpflicht gilt. Wer dort mit den Kindern rodeln will, muss sich also züchtig vermummen. Zuwiderhandlungen werden mit dreistelligen Strafen und Platzverweisen sanktioniert. Und dass auch ja jeder „vergnügungssüchtige“ Papa und jede „vergnügungssüchtige“ Mama samt ihren „vergnügungssüchtigen“ Kindern diese – in jeder Hinsicht komplett absurde – Regel befolgen, hat der Landkreis seine treuen und gnadenlosen Vollstrecker vom Ordnungsamt auf die Rodelpisten entsandt und ihnen auch gleich eine Polizeieskorte aus Göttingen mit an die Seite gestellt. Wie skurril die Jagd auf unmaskierte Rodler in der Praxis aussieht, zeigt dieser Ausschnitt aus einer NDR-Dokumentation.

Wer sich den ganzen Irrsinn der Corona-Politik einmal konzentriert vor Augen halten will, dem sei die Dokumentation in voller Länge ans Herz gelegt. Man könnte fast glauben, unsere ganze Gesellschaft sei dem Wahnsinn verfallen. Staatsbedienstete, die mit preußischem Diensteifer jede noch so absurde Anordnung exekutieren, auf der einen Seite, die Opfer des Lockdowns auf der anderen Seite … und mittendrin ein tapferer Abschleppfahrer, der den gesunden Menschenverstand behalten hat und noch eine Resthoffnung gestattet, dass „wir“ noch nicht alle komplett durchgedreht sind.

Man weiß nicht, ob man da bitter lachen oder weinen soll. Nun könnte man dieses Zeitdokument als eine absurde Randnotiz abtun. Sind pflichteifrige Staatsdiener nicht schon immer gerne über das Ziel hinausgeschossen? Die deutsche Geschichte ist ja reich an derlei Beispielen. Doch so ist es nicht, wenn man den Fokus einmal erweitert und sich die Zusammenhänge vor Augen führt.

In genau diesem Landkreis Goslar, der seine Mitarbeiter eine vollkommen absurde Maskenpflicht für Rodler kontrollieren lässt, sind seit Beginn des Winters mehr als 50 Menschen gestorben – natürlich nicht beim Rodeln, sondern an oder mit Covid-19; der Großteil davon Hochbetagte in Alten- und Pflegeheimen, wie die Pressemeldungen des Landkreises suggerieren. Das ist kein Wunder, kam es doch seitdem in mindestens vier Altenheimen zu Massenausbrüchen. Wie kann es dazu kommen? Es ist doch mittlerweile Allgemeingut, dass gerade diese Einrichtungen extrem vulnerabel und auch bundesweit für einen großen Teil der Sterbefälle verantwortlich sind.

Die Antwort ist ernüchternd. Zwar haben heute alle Alten- und Pflegeheime auf dem Papier Hygiene- und Schutzkonzepte, jedoch wird kaum kontrolliert, ob und wie diese Konzepte in der Realität eingehalten werden. Den Behörden fehlen halt die Mitarbeiter für diese wichtigen Kontrollen und für die meist privaten Träger dieser Einrichtung ist die Einhaltung der Konzepte mit Mehrkosten verbunden. Der Schutz von Menschenleben lohnt sich betriebswirtschaftlich nicht und so ist es Aufgabe des Staates, hier sanktionierend einzugreifen.

Dann zählen wir doch einmal eins und eins zusammen. Wie viele Menschenleben könnten gerettet werden, wenn die Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Hygiene- und Schutzkonzepte der Alten- und Pflegeheime mit dem gleichen Diensteifer kontrollieren würden, mit dem sie gegen unmaskierte rodelnde Kinder zu Werke gehen? Ja, solche Fragen stellt niemand. Warum auch? Offenbar sind nicht die sterbenden Alten, sondern „vergnügungssüchtige“ Rodler das größte Problem unserer immer verrückter werdenden Gesellschaft. Dem kann man wohl nur noch ein Zitat von Max Liebermann entgegnen: „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.“

Titelbild: NDR



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Von Veritatis