In die Tiere vermumme sich die Utopie, schrieb einst Theodor W. Adorno. „Das macht sie den Kindern lieb und ihre Betrachtung selig.“ Was hätte der begeisterte Zoobesucher und Tierfreund Adorno also wohl in Zeiten von Corona gemacht? Der Frankfurter Zoo, den Adorno häufig besuchte und dessen Direktor Bernhard Grzimek er regelmäßig Briefe schrieb, ist derzeit geschlossen wie die meisten Zoos und Tierparks in Deutschland. Während im ersten Lockdown alle zoologischen Einrichtungen geschlossen hatten, gibt es diesmal immerhin einige wenige Ausnahmen: In Berlin und im Saarland sind die Zoos geöffnet, in Sachsen-Anhalt ist es je nach Kommune unterschiedlich. So hat der Bergzoo in Halle an der Saale seit vergangener Woche wieder BesucherInnen empfangen. Die meisten Tiere hätten sie bereits vermisst, sagte Zoodirektor Dennis Müller der dpa.

Den Menschen nicht so vermisst haben die Fluchttiere, die sich nun Räume zurückerobern, wie Huftiere oder große Schreitvögel wie Störche und Reiher. Problematisch sei das Fehlen der BesucherInnen hingegen eher für „Selbstdarsteller“ wie Menschenaffen und Raubkatzen, „also jene Tiere, die sich bewusst sind, dass sie gesehen werden“, sagt Sebastian Scholze, Pressesprecher des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ). Er berichtet, dass seine Kollegin in Hannover nicht mehr am Schimpansengehege vorbeigehen könne, ohne die Affen zu begrüßen. Auch bei Tieren in Streichelzoos mache sich der fehlende Kontakt bemerkbar. „Da müssen die Tierpfleger jetzt eben öfter selbst ran.“

Wer bestaunt hier wen?

Die Tiere mögen versorgt sein – doch wer kümmert sich um die Erwachsenen, die nun nicht mehr Kinder vorschieben können, um einen Besuch im Streichelzoo zu rechtfertigen? Denn der ist jener Ort im Zoo, wo sich der körperliche Kontakt zum nicht-menschlichen Lebewesen ohne trennende Gitter und Scheiben erleben lässt. Gerade in der Pandemie, in der das Abstandhalten zur Nächstenliebe erkoren wurde, ist das bitter nötig. Nicht ohne Grund haben Tierheime und Zoohandlungen Andrang, weil zunehmend Menschen auf Hund oder Katze gekommen sind.

Die Lust, sich am Anblick der Tiere zu begeistern, hat auch etwas Selbstentlarvendes. Wie wir auf Tiere schauen, sagt einiges über uns selbst aus. Für Kurt Tucholsky – der sich bekanntermaßen gerne Tiernamen gab und seine Artikel unter Pseudonymen wie Theobald Tiger oder Peter Panter schrieb – spiegelte sich in den Tieren allzu oft die menschliche Gesellschaft wider. Berücksichtigt man dies, lässt sich gar nicht mehr so eindeutig sagen, auf welcher Seite der Gehegegrenze der eigentliche Zoo liegt. Das hat Tucholsky vor knapp hundert Jahren beim Besuch des Berliner Zoos auch erkannt. Am dortigen Affenfelsen beobachtete er die Umstehenden, die aufgeregt feixend herumturnten, um die darin lebenden Paviane zu ebensolchen Gefühlsausbrüchen zu animieren. Bei diesem Anblick müssten die Paviane „glauben, dass die Menschen eine kindische und etwas schwachsinnige Gesellschaft sind“, notierte Tucholsky. „Das Publikum ist leicht enttäuscht, weil wenig Unanständiges vorgeht. Die Affen scheinen vom Publikum gar nicht enttäuscht – sie erwarten wohl nicht mehr.“

Wie ist es nun für uns so nah stehende Tiere wie Affen, wenn der gewohnte Trubel vorm Gehege fehlt? Derzeit kümmert sich ein vierköpfiges Team um die Gorillafamilie im Krefelder Zoo. Was nach Luxus klingt, hat einen tragischen Hintergrund. In der Neujahrsnacht 2020 fing das Menschenaffenhaus durch verbotene Himmelslaternen Feuer und brannte nieder. Mehr als 50 Tiere kamen ums Leben, darunter die fünfköpfige Orang-Utan-Gruppe, zwei Gorillas und ein Schimpanse. Zwei alte Schimpansen überlebten nur mit schwersten Verbrennungen. „Für uns ist die Corona-Pandemie 2020 im Grunde noch das kleinere Übel gewesen“, sagt Petra Schwinn, Pressesprecherin und Biologin. Für die zwei alten Schimpansen, die den Brand überlebten, gehören die PflegerInnen zum sozialen Umfeld. Der enge Kontakt habe ihnen gerade durch die schweren Wochen nach der Katastrophe geholfen. Von Vorteil sei dabei auch das sogenannte Medical-Training gewesen, das sie schon seit eineinhalb Jahren mit den Menschenaffen üben. Dabei werden die Tiere auf ein Kommando konditioniert, um so gegen Belohnung bestimmte Aufgaben zu erfüllen. So mussten bei den beiden Schimpansen die Verbrennungen anfangs mit medizinischen Bädern behandelt werden. „Ohne den engen Kontakt und das intensive Training wäre das nicht möglich gewesen.“ An ihre maskierten PflegerInnen hätten sie sich aber schnell gewöhnt. „Das hat sie höchstens einen Tag lang irritiert“, sagt Schwinn. Bei den Gorillas seien es vor allem die Jungtiere, die den Kontakt suchten. „Die wollen dann sehen, was ich in der Jackentasche habe.“ Natürlich durch Scheiben getrennt, denn auch bei Menschenaffen gilt es in Corona-Zeiten die Hygienevorschriften einzuhalten. Langeweile? „Unsere Gorillas leben in einem intakten Sozialgefüge, da spielt der Silberrücken wie selbstverständlich mit seinem Nachwuchs.“

Fütterung im Livestream

Durch die mehrfachen Schließungen infolge der Pandemie fehlen den Zoos bei gleichbleibenden Kosten die Einnahmen. Mancher Zoodirektor sah sich daher schon zu ungewohnten Maßnahmen gezwungen. So startete der Zoo Neuwied Anfang dieses Jahres einen Spendenaufruf. Ohne finanzielle Unterstützung der Landesregierung wäre der größte private Zoo in Rheinland-Pfalz bis Februar pleite, teilte Direktor Mirko Thiel mit. Während die Politik noch redete, ließen die ZoobesucherInnen Taten sprechen. Innerhalb einer Woche kamen rund 250.000 Euro an Spenden zusammen. Konstantin Ruske sieht in solchen Beispielen den Beweis, welche Bedeutung die Zoos in der Bevölkerung haben, gerade in Zeiten von Corona. Ruske ist Zoologischer Leiter des Tiergartens Delitzsch, knapp 20 Kilometer nördlich von Leipzig gelegen. Für den kleinen Tierpark sei 2020 trotz Corona noch ein recht gutes Jahr gewesen, sagt er. Dennoch merke er, dass den Menschen etwas fehle. „Obwohl bekannt ist, dass die Zoos in Sachsen geschlossen sind, rufen bei uns jeden Tag zwei bis drei Leute an, die fragen, ob der Tiergarten heute geöffnet hat.“ Dass vielen Tieren die ausbleibenden Besucher ebenfalls fehlen, bestätigt auch er. Allerdings gebe es auch Profiteure der Pandemie. „Gerade im ersten Lockdown im Frühjahr 2020, der in die Brutsaison fiel, gab es in verschiedenen Zoos mehrere Zuchterfolge bei kleineren Vögeln in begehbaren Volieren“, sagt Ruske. „In Delitzsch haben die sehr störungsanfälligen Rebhühner erstmals gebrütet und Nachwuchs gehabt, was sie vermutlich bei üblichem Betrieb nicht gemacht hätten.“

Dennoch kann es auf Dauer nur das Ziel sein, so bald wie möglich wieder Gäste zuzulassen. „Viele Zoos haben große Unterstützung durch Spenden erfahren, womit einige sogar die fehlenden Einnahmen wieder ausgleichen konnten“, sagt Ruske. Ewig werde das aber nicht gut gehen. „Die großen kommunalen Zoos werden diese Krise überstehen. Doch viele kleine und vor allem privat geführte Einrichtungen könnten dabei auf der Strecke bleiben.“

Die Zoos versuchen derweil durch digitale Angebote ihre Stammkundschaft zu halten. Etwa indem sie Fütterungen per Livestream abhalten oder Webcams in den Gehegen installieren. Bei all diesen virtuellen Angeboten stellt sich jedoch die Frage, was die Zoos dann überhaupt noch professionellen Tierdokus voraushaben? Oder anders gesagt: Wenn man die Tiere nur noch am Bildschirm sieht – welche Berechtigung haben Zoos dann noch? Zoos beteiligen sich an Artenschutzprogrammen, unterstützen Naturschutzprojekte und sehen ihre Pfleglinge als Stellvertreter für deren bedrohte Artgenossen in der freien und schwindenden Natur. Doch all das ist nur gerechtfertigt, solange die Menschen die Tiere auch hautnah im Zoo erleben können. Die Digitalisierung bietet den Zoos daher nur eine trügerische Gelegenheit, ihre Kundschaft zu unterhalten. Aber sie führt weg vom eigentlichen Sinn des Zoos – dem unmittelbaren Erlebnis des Tieres mit allen Sinnen. Um es mit den Worten Elias Canettis zu sagen: „Wenn die künstlichen Tiere kommen, ist es mit ihrer Verehrung zu Ende.“

Von Jan Mohnhaupt erschien 2020 Tiere im Nationalsozialismus. Sein Buch Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete erscheint im März als Taschenbuch



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Von Veritatis