„Wenn die Legende zur Tatsache wird, druck’ die Legende“, lautet eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte. Der Satz – im Original: „When the legend becomes fact, print the legend!“ – stammt aus dem John-Ford-Western Der Mann, der Liberty Valance erschoss und ist zu einem Aphorismus geworden, der selbst falsch erinnert noch Sinn ergibt. Man versteht ihn intuitiv: Die Legende, heute würde man wohl Narrativ sagen, fühlt sich halt einfach wahrer an als die bloßen Fakten.

Im Film selbst ist es ein Zeitungsmensch, der das sagt und damit eine Art Ursprungsszene des Journalismus nachspielt, weshalb der Satz auch rund um die Relotius-Affäre wieder oft zitiert wurde. Dabei ist der „Fake News“-Aspekt von Liberty Valance weder originell noch schlagend. Viel interessanter ist seine Helden-Dynamik: Da gibt es den von James Stewart gespielten Guten und den von Lee Marvin gespielten Bösen und zwischen ihnen einen Konflikt, der durch das Eingreifen eines Dritten, des von John Wayne verkörperten Antihelden, gelöst wird. Eigentlich könnte der Film auch gut „The Good, the Bad and the Ugly“ heißen, denn so ist die Rollenverteilung: Die „Drecksarbeit“, das Morden, verrichtet einmal mehr der „Ugly“, der Antiheld, damit sich der „Gute“ die Finger nicht schmutzig machen muss und weiter im feinen Zwirn mit geschliffenen Worten die Zivilisation aufbauen kann. Die Fakt gewordene Legende ist nämlich die tiefere Wahrheit: Die Western-Zivilisation ist auf Verbrechen gegründet, die man verdrängt, indem man sie „anderen“ zuschreibt.

James Baldwin hat zu Beginn der 60er Jahre, Liberty Valance war gerade ins Kino gekommen, mit einem ähnlichen Satz die US-amerikanische Popkultur auf den Punkt gebracht: Sie verkläre die Massaker ihrer Geschichte zur Legende, den Mord an der indigenen Bevölkerung genauso wie die Sklaverei. Über 50 Jahre später entwickelte Baldwins Western-Analyse dank Raul Pecks grandiosem Essay-Film I Am Not Your Negro (2017) eine neue Kraft. Einmal darauf aufmerksam gemacht, wird man diesen Gedanken so schnell nicht wieder los: Um einen Western zu genießen, muss man die Tatsache verdrängen, dass man implizit einem Genozid zuschaut. Ist ein Western ohne Verdrängung, ohne „Legend“ überhaupt möglich?

Vertraut, aber modern

Den jüngsten Versuch macht nun Paul Greengrass mit Neues aus der Welt. Tom Hanks spielt darin Kyle Kidd, einen ehemaligen Zeitungsredakteur (!), der, von der Teilnahme am Bürgerkrieg gezeichnet, als Vorleser durch Texas tourt. Die ersten Szenen zeigen, wie er die Nachrichten erzählt: Belehrendes über die Tuberkulose-Pandemie, Informatives über die föderale Politik und Aufbauendes darüber, dass bald die Eisenbahn nach Texas kommt. Es ist eine Art Geburtsstunde des Infotainments.

Kidd, dem Hanks wie vielen seiner letzten Figuren einen würdevollen, vertraueneinflößenden Ernst verleiht, stößt unterwegs auf das Waisenkind Johanna (Helena Zengel, mit Systemsprenger bekannt geworden und nun für einen Golden Globe nominiert), deren Kutsche von einem Lynchmob überfallen wurde. Das Mädchen ist bei den Kiowa aufgewachsen, die zuvor seine Eltern ermordet hatten, und soll zu Verwandten gebracht werden. Weil sich niemand anderes findet, der sich um die „verwilderte“ Kleine kümmert, die nur Kiowa und wenige Brocken Deutsch spricht, nimmt Kidd sich ihrer an. Was folgt, ist ein Western, der seine Genre-Verweise wie eine wärmende Winterdecke überzieht, aber darunter absolut modern sein will.

Vieles erscheint vertraut: Zuerst sind sie sich sehr fremd, der alte, anständige Mann und das wilde Kind. Das gemeinsame Bestehen verschiedener Gefahren – eine Bande von Kinderschändern, ein Kleinstadt-Tyrann, ein Kutschenunfall – lässt sie zusammenwachsen. Gleichzeitig bildet ihr Weg einmal mehr den Prozess der Zivilisation ab, den auch Liberty Valance schon beschrieb: Es muss erst noch gemordet werden, bevor Frieden und Rechtsstaat einkehren. Und wieder ist das eher Sache der „Hässlichen“ denn „Anständigen“.

Das Moderne an Greengrass’ Western reduziert sich letztlich auf die bessere Absicht: Rassismus, Sexismus und vor allem die gewaltsame Verdrängung der Native Americans sollen nicht mehr ausgeblendet werden. Ein Veteran, der ein bei „Wilden“ aufgewachsenes Kind rettet, damit scheint Neues aus der Welt direkt den Faden vonThe Searchers aufnehmen zu wollen, einem der „problematischsten“ der John-Ford-Western. John Wayne will darin das von Natalie Wood gespielte Mädchen, das er nach Jahren der Suche als „Indianerkind“ aufspürt, zunächst töten, um es von seiner „Schande“ zu befreien. Der Tom-Hanks-Figur im Western von heute liegt solches Denken sichtlich fern. Mit rührender Neugier lässt er sich von Johanna Kiowa-Ausdrücke beibringen. Und als sie einmal ganz am Ende sind, erscheint wie magisch ein Stamm von Indigenen und hilft.

Auf der anderen Seite reicht der gute Wille nicht, um die Klischees zu hinterfragen, die mit dem „Aufwachsen unter Wilden“ einhergehen. So muss Zwengels Johanna vor Mädchenkleidern zurückschrecken und Gulasch mit den Händen essen, als wäre sie in einem Film der 1950er. Der in allen Lebenslagen wohltuenden Aura von Tom Hanks und dem atmosphärischen Gespür von Paul Greengrass ist es zu verdanken, dass Neues aus der Welt ein sehenswerter Film geworden ist, gerade weil er paradoxerweise belegt, dass der Western nicht zu reformieren ist.

Neues aus der Welt Paul Greengrass USA 2020, 118 Minuten, Netflix



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Von Veritatis