Die Gesellschaft „Friends of Usambara“ will in der gleichnamigen Bergregion 15 Millionen Bäume pflanzen und damit die Gebirgskette in Tansania, unweit der Grenze zu Kenia, aufforsten helfen. Viele endemische Arten – Lebewesen, die es nur hier gibt – sind in einer Höhe von bis zu 2.300 Metern anzutreffen. „Wegen des Artenreichtums erinnert diese Gegend an die Galapagos-Inseln“, meint Charles Tupa, ein Biologe, der zu den „Friends“ gehört. Tatsächlich sind nur noch die Bergspitzen bewachsen, die wie Inseln in einem umgebenden Meer der Zivilisation liegen. Millionen Bäume sollen dort der Natur wieder eine Chance geben. Charles Tupa ist zuversichtlich: „Sieben Millionen haben wir immerhin schon gepflanzt.“

Begonnen hat der Eingriff des Menschen in dieses Naturreservat mit der deutschen Kolonialzeit. Vor gut 130 Jahren, am 1. Januar 1891, übernahm das Deutsche Kaiserreich die Region zwischen Tanganjikasee und Indischem Ozean offiziell als „Schutzgebiet“. Zuvor hatten dort deutsche Abenteurer und Handelsreisende eine Art Privatkolonie betrieben, jetzt wachte die Kaiserliche Schutztruppe, ein Söldnerheer aus Zulus und Sudanesen, über Deutsch-Ostafrika.

Wie Charles Tupa erklärt, seien es in den Usambara-Bergen die Deutschen gewesen, die damit begonnen hätten, den Regenwald zu roden. Bis zu 250 weiße Farmer siedelten einst in den Bergen und wussten das milde Klima wie den fruchtbaren Boden zu schätzen. Auf den gerodeten Flächen bauten sie Kaffee, Tee, Kautschuk und Weißkohl an.

Oder besser: Sie ließen anbauen. Zwar waren die Deutschen offiziell gekommen, um die Sklaverei abzuschaffen, doch behandelten die Siedler Einheimische in der Regel wie Sklaven und zahlten einen Hungerlohn von 75 Pfennigen am Tag.

1895 als Wilhelmstal gegründet, ist Lushoto mit etwa 28.000 Einwohnern die Hauptstadt des Distrikts. Im Ortskern steht eine katholische Kirche, auf dem Friedhof gegenüber ruhen deutsche Siedler. Und das Postamt von damals ist noch immer in Betrieb wie auch das von Deutschen erbaute Gefängnis. „Es ist wichtig, bei der Wiederaufforstung mit den hiesigen Bewohnern zusammenzuarbeiten“, sagt Ibahati Msumary, der ebenfalls zu den „Friends of Usambara“ zählt. In deren Hauptquartier gleich hinter einem ehemals deutschen Gasthof werden Baumsetzlinge gezüchtet. „Zu unseren Pflanzungen laden wir die Einheimischen ein“, so Msumary. Bis zu fünf Euro könne jeder an einem Pflanztag verdienen, bei einem durchschnittlichen Monatslohn von umgerechnet 70 Euro nicht nur ein symbolischer Betrag, aber das Geldverdienen sei keine Grundfrage, glaubt Msumary. „Wir denken und hoffen, dass jemand, der im Schweiße seines Angesichts neue Bäume an den Berghängen pflanzt, künftig illegal kein Holz mehr schlägt.“ Nach wie vor sei die illegale Abholzung ein großes Problem in den Usambara-Bergen.

Einen Teil ihrer Mission finanzieren die „Friends“ durch sanften Tourismus. Die Tagestour auf eine der „Galapagos-Inseln Afrikas“ lässt sich für ein Entgelt ab 60 Dollar buchen, doch ist es möglich und teurer, auch mehrere Tage durch den Bergregenwald geführt zu werden und auf ziegelroter Erde bergauf zu wandern, über kleine Bäche hinweg und an schmalen Lehmhütten vorbei. Auf 1.600 Höhenmetern geraten deutsche Farmhäuser in den Blick, die an bäuerliche Anwesen erinnern, wie sie früher im Thüringer Wald oder Hunsrück standen. In den Gärten wachsen Geranien und Kapuzinerkresse, es gibt wilde Pflaumen- und Pfirsichbäume, die Häuser aber stehen leer.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem vom Versailler Vertrag dekretierten Ende des deutschen Kolonialismus in Afrika waren es zuerst Engländer, danach die Einheimischen selbst, von denen Rodungen in den Usambara-Bergen fortgesetzt wurden. „Nach der Unabhängigkeit war ‚Ujamaa‘ groß gefragt, die Dorfgemeinschaft als Produktions- und Verteilungskollektiv“, sagt Charles Tupa. Tansania schlug mit der Proklamation eines freien, souveränen Staates im Dezember 1961 zunächst einen sozialistischen Weg ein, mit Volkseigentum und Planwirtschaft. Dafür wurden weitere Flächen in den Usambara-Bergen für die Landwirtschaft erschlossen. Das bei Google präsentierte Satellitenbild zeigt die Konsequenzen – grüne Inseln, die hervortreten aus einem braunen Meer.

Foto der Usambara-Berge von 1910

Foto: Haeckel Archiv/Ullstein Bild/dpa

Wenn beim Aufstieg endlich die Grenze zwischen Farmland und Wildnis erreicht ist, folgt der Weg einem schmalen Bach, es wird laut und dunkel. Der Äther ist voller Vogelstimmen, Zikaden und dem Brüllen der Colobus-Affen; mächtige Seidenbäume, oberarmdicke Lianen und Farne, die bis zu drei Meter hoch werden, schirmen ab vom Sonnenlicht. Die Maulbeerbäume können Stämme mit mehreren Metern Durchmesser entwickeln, „aber sie wurzeln nicht sehr tief, denn im tiefen Gebirgsboden gibt es weniger Nahrungsmittel“, sagt Bergführer Tupa. Weshalb die Gewächse kräftige Seitenwurzeln bilden, die einen Baum wie Pfeiler gegen Wind und Unbill stützten.

Charles Tupa stammt aus dem Süden des Vielvölkerstaates Tansania, er gehört zum Volk der Hehe. Im Jahr 1891 besiegten Hehe-Krieger in der Schlacht bei Rugaro die „Deutsche Schutztruppe“, obwohl sie kaum Feuerwaffen besaßen. Hauptmann Emil von Zelewski hatte durch sein herrschsüchtiges Auftreten die Hehe überhaupt erst zum Aufstand provoziert. Er selbst und zwei Drittel seiner 500 Mann starken Truppe zahlten mit dem Leben dafür, den Gegner unterschätzt zu haben – es gab die verlustreichste Niederlage der Deutschen in Ostafrika.

„Dafür haben sich die Deutschen fürchterlich gerächt“, erzählt Charles Tupa. Sie brannten die Dörfer seiner Vorfahren nieder, mordeten und unterwarfen seinen Stamm. „Meine Großmutter erzählte mir, dass sie unseren Sultan Mkwawa aber nicht zu fassen bekamen. Er ging gegen die deutschen Besatzer in den Untergrund.“ Erst sein Selbstmord im Jahr 1898 beendete den Guerillakrieg, Mkwawas Schädel wurde wie vieles andere damals auch wie eine Trophäe zur Vermessung an die Charité nach Berlin geschickt. Der Vorgang spielte später sogar im Versailler Vertrag von 1919 eine Rolle, der die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelte. Artikel 246 verpflichtet zur Rückgabe des Schädels, doch war der in Berlin verschollen und sollte erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Bremer Übersee-Museum wiederentdeckt werden. Heute ist er in einer Gedenkstätte in Tansania ausgestellt.

Die Kaiserflagge flattert

„Ein Ocotea usambarensis.“ Charles Tupa hat die Rinde eines Baumes angeritzt, zu bemerken ist ein wildes, herbes Aroma. Die Einheimischen würden diese Rinde nutzen, um daraus ein Reisgericht namens Pillau zuzubereiten, sagt der Biologe. „Diese Spezies ist nur in den Usambara-Bergen zu finden!“ Charles wird den Satz während der Exkursion noch oft wiederholen, mittlerweile sind hier mehr als 2.800 verschiedene Pflanzenarten bestimmt worden, ein Viertel davon wächst ausschließlich in dieser Region. Es gibt 130 Schmetterlingsarten, die nur in den Usambara-Bergen anzutreffen sind, dazu 25 Reptilienarten sowie ein Dutzend Kleinsäuger.

Wer Glück hat, findet ein Usambara-Veilchen. Das in Deutschland wohl bekannteste Gewächs des Gebirges wurde einst von einem deutschen Kolonialbeamten nach Hannover gebracht und dort mit Hingabe kultiviert. Es geht vorbei an der „German Cave“, Tupa erzählt, dass die deutschen Siedler hier einst Bergbau betrieben hätten, um Kaliumnitrat abzubauen, das für die Fabrikation von Sprengstoff verwendet wird. Der Regenwald hat sich mittlerweile gelichtet, eine Hochgebirgsvegetation ist wahrnehmbar. Mit der Spitze des Kigulu Hakwew wird eine Höhe von 1.840 Meter erreicht, sie bietet dem Betrachter ein fantastisches Panorama, das von den fast zweieinhalbtausend Meter hohen Usambara-Bergen bis zur Ebene des afrikanischen Grabenbruchs reicht.

Beim Abstieg führt der Weg an Rundhütten vorbei, auf einer ist die deutsche Kaiserflagge gehisst. „Leute vom Volk der Schamba“, erklärt Charles Tupa. Einer aus der Familie sei schwer erkrankt, und um die Götter zu besänftigen, solle nun Kontakt mit den Ahnen aufgenommen werden. „Dafür hat jede Schamba-Familie ein ‚Großvater-Bündel‘ – Dinge, die den Vorfahren gehörten. Und weil viele Schambas einst für die Deutschen arbeiteten, ist die Kaiserflagge nicht selten ein Zeichen dafür, dass mit ihnen Verbindung gesucht wird.“ Der Bergführer will sich dem Ritual nicht verschließen und legt Münzen vor die Tür.

Nach acht Stunden Fußmarsch zurück in Lushoto, weist Ibahati Msumary, der sich um das Management der „Friends“ kümmert, noch einmal darauf hin, worin das Besondere seines Vereins besteht. 20 Bergführer und vier Leute in der Verwaltung gehören derzeit zu den Bergfreunden. „40 Prozent unserer Einnahmen fließen direkt der hiesigen Bevölkerung zu.“ Vorrangig in Bildungsprojekte, in die Renovierung von Schulen und die Wiederaufforstung wird investiert. Dabei arbeiten die „Freunde“ auch mit der deutschen Internet-Suchmaschine Ecosia zusammen, die versprochen hat, einen Teil ihres Gewinns für Wiederaufforstungsprojekte zu verwenden. Aktuell gibt das Unternehmen an, pro Suchanfrage etwa 0,5 Cent für Neupflanzungen in Tansania zu spenden. „Ecosia hat bereits einige Millionen Setzlinge finanziert, und es sollen noch mehr werden“, erzählt Ibahati Msumary. Es freue ihn, dass die Deutschen auf diese Weise in die Usambara-Berge zurückgekehrt seien. „Ihr habt euch noch viel zu wenig mit eurer Kolonialschuld befasst. Was hier geschieht, kann euch einen Impuls geben.“

Nick Reimer ist freier Autor. Er recherchierte für diese Reportage vor Ausbruch der Corona-Pandemie in den Usambara-Bergen



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Von Veritatis