Mit ihrer Single Cemalim ist die Künstlerin Michaela Meise in ein eigentümliches Terrain vorgestoßen. Nicht nur der Anlass ist bemerkenswert – das Lied ist den Opfern und Betroffenen des Hanauer Anschlages 2020 gewidmet – sondern auch die Art der musikalischen Aneignung.

Mit Cemalim greift Meise nicht ein beliebiges Stück auf, sondern, mit Anspielung auf die Hanauer Ereignisse, gezielt eine Totenklage. Refik Başaran hat sie um die Mitte des letzten Jahrhunderts gedichtet und eingespielt, in der Tradition der sozialkritischen „Âşık“ fahrender Sänger*innen. Später machte Erkin Koray das Lied auf Elektronik Türküler („elektrifizierte Volkslieder“, 1974) berühmt, einem zentralen Anadolu-Rock-Album, das anatolische Volkslieder mit westlicher Rockmusik verbindet.

Doch statt dem aktuellen Trend des Neo-Anadolu-Rock zu folgen, wie es unlängst Grammy-Gewinner Altın Gün mit ihrer Version von Cemalim (2018) machten, geht Meise weiter zurück. Sie de-elektronisiert das Stück, spielt es nur mit Akkordeon und Stimme ein. Man könnte auch sagen, dass sie das Lied damit re-folkisiert. Denn Başaran nutzte auch nur seine Stimme und das Lauteninstrument Bağlama. Die Rückführung in die Tradition der Âşık-Musik erfolgt mit dem „Aranjman“ auf eine Weise, die selbst typisch für die türkische Popmusik ist. Hierbei werden meist westliche Popsongs in einer Fassung mit neuem türkischen Text aufgenommen. Dieses sehr populäre Vorgehen kehrt Meise um: Sie ist es, die einen neuen deutschen Text zu einem bestehenden türkischen Lied verfasst.

Nun ist das Gebiet deutsch-türkischer Musik, bei der ein Austausch musikalischen Materials stattfindet, recht spärlich besetzt. Vermutlich einzigartig ist dabei der Einsatz eines Akkordeons. Meise hat es bereits für ihre künstlerische Bearbeitung des Klopstock-Kirchenliedes Preis dem Todesüberwinder genutzt. Mit einem ähnlichen Verfremdungseffekt. Denn das Akkordeon genießt nicht den höchsten Ruf unter den Instrumenten im deutschsprachigen Raum. Zu häufig taucht es seit Jahrzehnten im Kontext von Volksmusiksendungen, Bierfesten oder musikalisch ähnlich bedrohlichen Veranstaltungen auf.

Bağlama und Akkordeon

Die fast brüske Verfremdung ist eine mehrfache: Meise holt das Unterhaltungsinstrument in die Klagemusik, sie bricht der üblichen Verbundenheit dieses Instrumentes mit schunkeliger Seichtigkeit das Genick. Und sie führt zusammen, was weit auseinanderliegt und doch letztlich einen gemeinsamen Grund aufweist: türkische Âşık-Musik, volksinstrumentelle Bağlama und quasi spiegelbildlich volksinstrumentelles Akkordeon. Alles verweist gleichermaßen auf eine volksnahe Musik, die dem Ausdruck verleiht, was Menschen betrifft. So kann Meise sprachlich und musikalisch eine Nähe und Verbindung aufbauen, die zwischen türkischen und nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen in Deutschland in vielerlei Hinsicht immer noch fehlt, was letztlich auch zu rassistisch motivierter Gewalt führt.

Die Produktion des Liedes wurde von der Städtischen Galerie Nordhorn und dem NS-Dokumentationszentrum München unterstützt, die beide Meises Arbeit präsentieren. Auch hierin kommt Meises Ambition zum Ausdruck – Kunst als Lern- und Erinnerungsmedium zu begreifen, Fremdheit und Verfremdung zu nutzen, um eine neue Nähe herzustellen.

Cemalim Michaela Meise Martin Hossbach



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Von Veritatis