Mehrfach schon haben die NachDenkSeiten psychologischen Sichtweisen auf die „Pandemie“ Gehör verschafft. Zuletzt hatte sich Jane-Anna Spiekermann dem Angst-Phänomen während der Pandemie gewidmet. Auch Andrea Wolf-Schuler hatte sich schon einmal zu Wort gemeldet, mit durchaus kritischen Tönen in Richtung ihres eigenen Berufsstandes. Nun lässt sie uns an ihren Gedanken zum Themenkomplex Propaganda und Totalitarismus teilhaben, einerseits wissenschaftstheoretisch begründet, andererseits auch von subjektivem Charakter. Ein langer Text von Andrea Wolf-Schuler, der erschreckende Parallelen zur Geschichte aufzeigt und am Ende dennoch Visionen für eine andere Zukunft beschwört. Nach einer ernüchternden Analyse der derzeitigen Situation mag diese Vision etwas blauäugig erscheinen, aber: Welche Alternative haben wir denn sonst, als auf eine Verständigung zu hoffen und für sie zu werben? Anette Sorg.

2020 – Psychologische Mechanismen im Dienste von Totalitarismus
Wissenschaftstheoretisch begründete und subjektive Thesen

Januar 2021. Die Welt hat sich verändert, oberflächlich betrachtet hat sich alles, das vor einem Jahr sicher und normal schien, aufgelöst. Aufklärung, Eigenverantwortung, Moral. Welchen Wert haben schöne Worte, wenn sie sich nicht am eigenen Handeln im Angesicht einer tatsächlichen Herausforderung messen müssen?

Es scheint in Form einer strategischen Meisterleistung gelungen, das Analysieren und klare Benennen der aktuellen Vorgänge um die „Corona-Krise“ zu „verunmöglichen“: jegliche Kritik, jegliche Warnung vor totalitaristischen Tendenzen und entsprechenden Mechanismen zu tabuisieren, zu diffamieren. Wer dies versucht, ist ein „Verschwörungstheoretiker“, „narzisstischer Psychopath mit Sendungs- und/oder Allmachtsfantasien, letztlich gar ein „Holocaust-Verharmloser“, ein „Antisemit“ und damit ein potenzieller Gefährder der Demokratie und der zwischenmenschlichen Solidarität, gleichzusetzen mit rechtsradikalen Extremisten, islamistischen Terroristen, Mördern (z. B. Metag, 2020; Piorowski, 2020). Zumindest ist eine solche (Un-)Person ein Fall für die Psychiatrie, jemand, von dem man sich als im Sinne der Solidargemeinschaft verantwortlich handelnder Bürger deutlich abgrenzen muss. Jemand, mit dem man sich nur psychologisch geschult befassen sollte.

Ich habe mich 2019 intensiver mit der Frage beschäftigt, wie es zu den Gräueln der Nazizeit kommen konnte – insbesondere zur passiven und aktiven Zustimmung der Massen, der einfachen Bevölkerung, der „Intelligenz“, der „Täterschaft“ von Ärzten, Anwälten, Lehrern, Nachbarn (siehe hierzu Gustave le Bon, Hannah Arendt). Ich nehme nun erschreckend ähnliche Mechanismen wahr. Wie werden diese Mechanismen ihre Wirkung entfalten? Ich möchte es nicht zurückschauend analysieren, möchte nicht erleben, dass diese Mechanismen ihr „Potential voll zur Geltung bringen“! Und das verlangt, die Dinge klar zu benennen. Klarsprech statt Wolkensprech. Denn die Tabuisierung ist schon Teil der Strategie und die Gefahr selbst: weg von der freiheitlichen Demokratie, in deren Illusion wir uns wiegten, mit offenem Diskurs, Wissenschaftlichkeit, Kritikfähigkeit, Pluralität, Eigenverantwortung, kritischem Infrage-Stellen… hin zu „dies darf niemals hinterfragt werden“, allumfassend verbreiteten Feindbildern, einer medial perfekt inszenierten, sozial erwünschten Einheitsmeinung im Sinne des von Regierung und Macht-Eliten propagierten „Pandemie-und-Gefährder-Narrativs“.

Die Kenntnis der im Folgenden aufgezählten Mechanismen gehört zum Basiswissen jedes Bachelorstudenten im Fach Psychologie. Die entsprechenden Begriffe, eingebettet in sozialpsychologische Theorien, fußen auch auf Experimenten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit denen man zu erklären suchte, warum und wie es zum „banalen Bösen“ des Nationalsozialismus kommen konnte. Es zeigte sich, dass die Gehorsamkeit der Massen eben nicht ein irgendwie rein deutsches Problem war: Die Mechanismen des willfährigen Gehorsams, der Manipulierbarkeit, beruhen allesamt auf grundlegenden psychologischen Prozessen. Und diese sind unabhängig von Nation, Bildungsstand, Berufsgruppe oder Geschlecht des handelnden Einzelnen.

Psychologische Manipulationstechniken der alten Welt

Ich möchte zunächst jene „einfachen“ psychologischen Mechanismen darstellen, mit denen wir im sozialen Alltag konfrontiert sind – wahrnehmungsgebundene sprachliche Mechanismen (z.B. sprachliche Manipulation), sozial wirksame Mechanismen (wie Konformitätsdruck) und taktische Vorgehensweisen (z.B. Erzeugen von Stress und Angst). Diese beeinflussen meist unbemerkt unsere Wahrnehmung, unser Fühlen, Denken und Handeln.

  1. Wahrnehmungsgebundene sprachliche Mechanismen

    Verarbeitungsbias, z. B. Negativbias: Wir nehmen Negatives stärker wahr als Positives. Vereinzelte seltene/sehr unwahrscheinliche, besonders negative Geschehnisse bleiben „blitzlichtartig“ in unserem Gedächtnis haften und wiegen stärker als sich aufsummierende „alltäglichere“ negative Geschehnisse.

    • Beispiele: Bilder von den einstürzenden Türmen des WTC, Bilder von sich stapelnden Särgen, die von Militär-LKWs wegtransportiert werden, „Bergamo-Bilder“

    Festhalten am bisherigen Weltbild: Menschen nehmen ihre Welt subjektiv wahr auf der Basis ihrer Vorstellungen über die Welt. Die individuelle Erzählung (das „subjektive Narrativ“), die sich im Laufe des Lebens bildet, ist die Grundlage der Interpretation des individuell wahrgenommenen Ausschnitts der Vielzahl möglicher Eindrücke (z.B. Seth 2013). Dieses Vorhersagemodell ist sehr robust, eine eingehende Information wird auf seinem Hintergrund interpretiert und eingeordnet.

    • Beispiel: In der aktuellen Situation ist es einfacher, kritische Stimmen als Lügner einzuordnen und damit das eigene Weltbild zu schützen, als in Erwägung zu ziehen, manipuliert und betrogen zu werden (und dies zuzulassen).

    Selbstrechtfertigung und selbstwertdienliche Prozesse zur Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbilds: Wird „kognitive Dissonanz“ erlebt, muss das eigene Handeln gerechtfertigt werden. Dies geschieht entweder durch eine Veränderung der eigenen Einstellung oder indem man sich auf äußere Gründe beruft. Stellt sich eine handlungsleitende Norm nachträglich als „falsch“ heraus, kann die eigene Tat gerechtfertigt werden durch eine Abwertung derjenigen, die durch die eigene Tat geschädigt wurden (siehe Punkt 11).

    • Beispiele 2020: Abwertung von Kritikern der „Regierungsmeinung“, obwohl sich die Befürchtungen, z.B. zu erneutem Lockdown, Maskenpflicht in den Schulen, steigenden Suizidzahlen und zum Thematisieren von Vorteilen für Geimpfte gegenüber Nicht-Geimpften erfüllt haben.

    Manipulation mittels Sprache: u.a.

    1. Reduktion komplexer Sachverhalte auf einfache Zuordnungen, bevorzugt unter Gegenüberstellung von Gegensätzen (Schwarz-Weiß-/Gut-Böse-Denken).
        Beispiele: Maßnahmenkritiker/Demonstranten werden kategorisiert als „böse“ („Corona-Leugner“, „Wirrköpfe“, „Reichsbürger“, „rechtsoffen“, „psychopathische Narzissten“) und Menschen, welche die Maßnahmen kritiklos befolgen, als „gut“ („Solidarische“, „Verantwortungsvolle“, „Helden“)
    2. Orwell‘scher Neusprech (jeweils in Anführungszeichen): Maske als „Instrument der Freiheit“, Impfen als „Liebe“, soziale Isolation und freiwillige Quarantäne und soziale Isolation als selbstloses Opfer (mit Vergleich der Aufopferung der Mutter für das Neugeborene als „Hingabe“ bei Wirth 2020)
    3. Zu weiteren sprachlichen Manipulationsstrategien siehe auch Müller (2009; 2019).

    Emotional induzierte Einstellungen (z.B. Bedrohlichkeit des neuartigen Virus transportiert durch emotionale Bilder von Särgen aus Bergamo und von überfüllten Krankenhäusern) lassen sich selbst mit stimmigen Argumenten (Relativierung an der Testanzahl oder Vergleich mit der Situation in den Vorjahren…) nicht effektiv verändern.

  2. Sozial wirksame Mechanismen

    Konformität: Aufgrund von sogenanntem „informationalem sozialen Einfluss“, besonders in mehrdeutigen (Krisen-)Situationen, glauben Menschen (vermeintlichen) „Experten“ und Vorbildern oder sie richten sich an der Mehrheitsmeinung aus. Diesem Einfluss zu widerstehen, gelingt nur, wenn man die Botschaft und den Sender aktiv hinterfragt. Hinzu kommt der „normative soziale Einfluss“ dem wir uns unterordnen, um innerhalb der Gemeinschaft anerkannt zu werden. Dazu zählen Konformitätsdruck, Autoritätengehorsam und Gruppendenken:

    1. Der Mensch als soziales Gemeinschaftswesen ist besonders anfällig für Konformitätsdruck. So schlossen sich in den berühmten Linienstudien von Solomon Asch (1951/1956) 76% der Probanden in mindestens einem Durchgang dem eindeutig falschen Urteil von sieben ihnen fremden Mitprobanden an. Intensität und Wirkmächtigkeit dieses Konformitätsdrucks sind abhängig von der Stärke und Bedeutung der Meinungsgruppe, ihrer räumlichen/zeitlichen Unmittelbarkeit und der Anzahl an Mitgliedern.
    2. Autoritätengehorsam: Starker sozialer Druck, ausgelöst durch eine Autoritätsperson, führt dazu, dass unbescholtene Menschen wissentlich Andere schädigen können, sie nehmen sogar deren Tod in Kauf. So verabreichten im Rahmen der Milgram-Experimente (Milgram 1963, 1974, 1976) 80% der Versuchsteilnehmer ihren „Schülern“ schmerzhafte, potenziell tödliche Stromschläge, selbst als diese sie anflehten, aufzuhören. Es genügte, dass eine durch Kleidung und Auftreten gekennzeichnete Autoritätsperson ihnen die Anweisung gab, fortzufahren.
    3. Gruppendenken: Es kann zu fehlerhaften oder moralisch verwerflichen Entscheidungen kommen, wenn in einer Gruppe der Erhalt des Gruppenzusammenhalts und das Solidaritätsdenken über die realistische Betrachtung der Tatsachen dominieren. Dies ist besonders wahrscheinlich, wenn die Gruppe hoch kohäsiv ist, alternative Standpunkte nicht aufkommen, es direktive Leiter gibt, ein Bedrohungsszenario existiert und keine gegensteuernde Methodik (wie z.B. systematischer Einbezug von Alternativen/Kritik) angewendet wird. Dieses Gruppendenken führt bei den Gruppenmitgliedern zur Illusion von Unverwundbarkeit und Einmütigkeit und zum Glauben an die moralische Richtigkeit ihrer Entscheidungen. Daneben führt es auch zur stereotypen Sicht auf „den Gegner“, zu Selbstzensur und Anpassungsdruck und zum Schutz der Leitung vor gegensätzlichen Meinungen (Theorie nach Janis, 1972, 1982). Zudem fallen Gruppenentscheidungen extremer aus als die ursprüngliche einzelne Entscheidung der Mitglieder (Gruppenpolarisierung, vgl. Rodrigo & Ato, 2002).

    Sündenbockmechanismus: Bei erlebter Frustration sind Menschen geneigt, Aggression gegen eine umschriebene, unterlegene (als anders/fremd definierte) Gruppe von Menschen zu richten.

    • Beispiele: verbale Aggressionen gegen Kritiker der Maßnahmen oder der einseitigen Darstellung (kritische Ärzte, Wissenschaftler, Demonstranten)

    Entmenschlichung des „Gegners“: Indem einer Gruppe der „Anderen“ der Status als gleichberechtigte Menschen abgesprochen wird, wird es möglich, diese Menschen zu schädigen. Wird jenen „Anderen“ ein Gefährdungspotential gegenüber den Mitgliedern der eigenen Gruppe zugeschrieben, lässt sich deren „Unschädlichmachen“ als „gute Tat“ rechtfertigen (Studie von Osofsky, Bandura & Zimbardo 2005).

    Fragmentierung der Tat und der Verlust persönlicher Verantwortung: Nicht ein Einzelner entscheidet, sondern die Entscheidung erfolgt hierarchisch gegliedert: Der Ausführende ist nicht der Entscheidende und kann so die Verantwortung nach oben abgeben, wobei die „da oben“ die Tat selber nicht ausführen müssen. Ähnliches geschieht durch die Fokussierung auf Prozesse und Verordnungen, wenn dadurch die Bewertung von deren Sinnhaftigkeit und Angemessenheit ausgeblendet wird.

    De-Individuation der Täter: Die Lockerung der Verhaltenszwänge beim Einzelnen (Enthemmung) ermöglicht Handlungen, die der Einzelne alleine nicht begehen würde; das individuelle Verantwortungsgefühl ist reduziert. Dazu gehört der Aufbau eines „Wir“.

    • Beispiele: Ku-Klux-Klan-Morde; aktuell als verbales Phänomen in den sozialen Medien (Facebook/Twitter); Aufbau eines „Wir“ als Gruppe der solidarischen Verfechter des Pandemie-Narrativs

    Schweigespirale (nach Elisabeth Noelle-Neumann): Widerspricht die eigene Meinung einem als vorherrschend empfundenen Meinungsklima, so entwickelt man aus Angst vor beruflichen oder persönlichen Nachteilen Hemmungen, diese zu äußern.

  3. Taktische Vorgehensweisen

    Salamitaktik: Durch die stufenweise Steigerung der schädigenden Maßnahmen ist es schwer, einen festen Zeitpunkt bzw. eine moralisch klare Grenze auszumachen, an der die Teilnehmer (Anordnende und Ausführende) sinnvoll aussteigen können oder sollten.

    • Beispiel: Maskenpflicht in Geschäften, im Treppenhaus in der Schule, in der weiterführenden Schule im Unterricht, dann auch in der Grundschule im Unterricht, dann auch auf dem Parkplatz, dann im Privaten…: verordneter Lockdown: „Ende“ wird immer nur sukzessive nach hinten verschoben, trotz vorangehender gegenteiliger Beteuerungen.

    pars-pro-toto: Einzelne, nicht repräsentative oder unverbundene Fälle werden medial aufgebauscht und durch geschickte Platzierung als repräsentativ oder zusammengehörend dargestellt (ohne Kontextualisierung).

    • Beispiele: „Reichsbürger“ im Kontext der Großdemo am 29.8.2020 in Berlin; Beispiele von jungen Menschen mit COVID-19, die besonders schwere Symptome schildern (ohne Differentialdiagnose und ohne Hinweis auf ähnliche Verläufe bei anderen Viruserkrankungen)

    „Teile und herrsche“: Spaltung (als Ablenkung):
    Der potenzielle Widerstand gegenüber z.B. der Agenda einer nicht demokratisch legitimierten Gruppe von Wenigen kann geschwächt werden, indem Subgruppen innerhalb der Zielgruppe (z.B. der restlichen Bevölkerung) gegeneinander aufgebracht werden.

    • Beispiele: Alte gegen Junge, Frauen gegen Männer, Familien gegen Kinderlose, Klimaaktivisten gegen C-Maßnahmenkritiker gegen Friedensaktivisten, aber auch Einteilung der Gesellschaft in „Maßnahmenbefürworter“ und „Maskenverweigerer“…)

    Erhöhung des Stressniveaus und Aufbau von psychologischem Druck (Folge: Reduktion von Kapazitäten, Erhöhung der psychischen, physischen und auch immunologischen Verwundbarkeit)

    1. durch das Erzeugen von diffuser und konkreter Angst (vor Krankheit, Tod, sozialem Ausschluss, Arbeitslosigkeit, Unfreiheit; Mausfeld 2019; dazu auch Spiekermann, 2021)
      • Beispiele: Das Ausrufen einer Pandemie und die Verbreitung des Narrativs einer massiven Bedrohung, die jeden Menschen zur lebensbedrohlichen Gefahr für seine Mitmenschen werden lässt; die Einschüchterung mittels Zwangs zum Tragen symbolhaltiger und den Organismus beeinflussender Mund-Nase-Bedeckungen; die manipulative Darstellung von Zahlen (kumulierte positive PCR-Testergebnisse als „Neuinfektionen“), Sprache („Krieg“, „Gegner“); Drohung mit sozialer Ächtung und Arbeitsplatzverlust bis Berufsverbot für Impf-Unwillige, auch in Kombination mit Einteilung in „Gut“ und „Böse“, siehe Blome, 2020; Neubacher, 2021)
    2. durch das Bedrohen existenzieller Basisbedürfnisse (Bedürfnispyramide nach Maslow; siehe 1. physiologische Bedürfnisse, 2. Sicherheit; 3. soziale Bedürfnisse, z.B. nach Zugehörigkeit) werden „höhere Bedürfnisse“ (4. Individualbedürfnisse inkl. Selbstwert, v.a. 5. nach Selbstverwirklichung) diesen untergeordnet.
      • Beispiele: Die Bedrohung des existenziellen Basisbedürfnisses nach guter Sauerstoffversorgung durch das Tragen einer Maske (mit Atemwiderstand), die Nicht-Befriedigung des Bedürfnisses nach sozialen Kontakten und sozialer Anerkennung durch soziale Isolation und Ausgrenzung
  4. Informationsbias: Die einseitige Darstellung in den öffentlichen Medien mit dem Tabuisieren und Diffamieren von Gegenstimmen und Kritik (gepaart mit Schweigen und Lügen) und entsprechender Zensur führt zu einem massiven Ungleichgewicht in der Kenntnis, Verbreitung und Verfügbarkeit von Informationen.

  • Beispiel aktuell: Informationspolitik in den Medien und Zensur von kritischen Inhalten auf den großen Internetplattformen (Google, Facebook, YouTube), Steuerung der medialen Informationskommunikation entsprechend dem Strategiepapier des Bundesinnenministeriums und gemäß dem nationalen Pandemieplan

Zu weiteren Mechanismen von Propaganda sei auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel verwiesen sowie auf die thematisch ähnlichen Artikel von Matuschek (2021) und Begerow (2021; u.a. zu Zensur, Desinformation, Tatsachenbehauptungen, Framing, Glorifizierung, Veränderung der Akzeptanzgrenze, Kontaktschuld, Missbrauch der Statistik…).

Psychologische Manipulationstechniken der neuen Welt-(Um-)Ordnung

Die modernen Gesellschaften im 21. Jahrhundert unterscheiden sich in zwei Aspekten deutlich von jenen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts:

  1. in der „Degradierung“ der Institution Kirche von einer vormals moralischen Instanz auf ein quasi-inhaltsleeres Relikt, das lediglich zu besonderen, weitgehend sinnentleerten „Events“ (Taufe, Hochzeit, St. Martinsumzug, Weihnachtsfeier) in Anspruch genommen wird und
  2. in der Rolle der Medien mit ihrer allgegenwärtigen Präsenz und Verfügbarkeit

Die Kirche ist NICHT mehr DIE moralische Instanz, welche Verhaltensnormen vorgibt und nach derem Maßstab die Gläubigen „Gut“ und „Böse“ benennen und unterscheiden (können). Vielmehr demonstrieren die Enthüllungen um Missbrauch von Abhängigen (Kindern und Nonnen) weltweit systemimmanente Machtstrukturen und tiefste Abgründe – inklusive massivem Widerstand gegen eine öffentliche Auseinandersetzung. Gleichzeitig wurde jegliche alternative Spiritualität als esoterischer Unsinn gebrandmarkt. So fehlten den „Post-68er“-Generationen heute mangels sozial akzeptierter Alternativen religiös begründeter Lebenssinn und spirituelle Einbettung ebenso wie moralische Instanzen, identitätsstiftende und die Welt erklärende Schemata und Heilsversprechen.

Etwa zur gleichen Zeit, als die Kirche ihre Macht in der Gesellschaft offensichtlich einzubüßen begann, zogen die elektronischen Medien mit der Öffnung von Funk und Fernsehen für private Anbieter in den Alltag der Bevölkerung ein (Müller 2019; S. 124). Heute begleiten uns diese vom Aufstehen über die Hintergrundberieselung am Morgen und dem eingeschalteten Radio während der Autofahrt bis zum Fernsehen am Abend – Nachrichten, Filme, Reportagen (Einschlafen bei laufendem Fernseher dürfte dem Einen oder Anderen vertraut sein). Für die jüngeren Generationen nimmt die Hyperinformation durch die Nutzung digitaler Medien zunehmend Lebenszeit in Anspruch, wobei in den Sozialen Medien dank entsprechender Algorithmen und zensierender Mechanismen diese Information auf die eigene, gesellschaftlich favorisierte Meinung zugeschnitten, eingeengt und so letztlich kontrolliert wird.

Aus diesen Überlegungen und Beobachtungen leite ich die These ab, dass die etablierten Medien die Lücke füllen, welche die religiösen Institutionen hinterlassen haben: bis Anfang 2020 weniger sichtbar und eher unterschwellig, im Zuge der „Corona-Krise“ aber offensichtlich und allumfassend.

Die „etablierten“ Medien fungieren heute als DIE gesellschaftlich anerkannte Informationsquelle, welche für den Empfänger das Denken – Einordnen, Bewerten und Interpretieren der übermittelten Informationen – übernimmt. Durch ihre Allgegenwärtigkeit bei zunehmender Monopolisierung und Machtkonzentration können ihre Protagonisten Inhalte und Schwerpunkte auswählen und Meinungen gezielt steuern (z.B. anhand der Quantität der Informationsvermittlung, der Platzierung, der Art der Darstellung; dazu Müller, 2009, 2019, 2020). Ergo sind die etablierten Medien DIE Instanz zur Vermittlung von Normen und Formung von öffentlicher und privater Meinung; sie vermitteln ihrem Publikum, was „gut“ ist und was „schlecht“, und haben somit die Kirchen als (vermeintlich) moralische Instanz, als „Erklärerin der Welt“ abgelöst und deren Informationsmonopol übernommen.

Wir leben heute in einer Welt, in der wir mit einer scheinbar kaum zu bewältigenden Flut an Informationen unterschiedlichster Art überschüttet werden. Gleichzeitig fehlt es im stressigen, gehetzten Alltag an Fähigkeit, Zeit und Muße, Originalinformationen zu suchen und sich selber aktiv und eigenverantwortlich mit den Rohdaten auseinanderzusetzen. Führt die heterogene Informationsflut sowie deren verzehrfertige Aufbereitung zu einer Art „Lähmung des Verstandes“? Es ist nicht notwendig, nachzuforschen und die Botschaften anzuzweifeln, wenn man den prominenten Überbringern der Botschaft vertraut. Hätten wir es in dieser Medienumwelt verlernt, selber zu denken und zu hinterfragen, so könnte die Meinungsmanipulation mittels Propaganda besonders gut ansetzen – und liefe nicht Gefahr, als solche entlarvt zu werden.

These: Werden die aufgeführten psychologischen Mechanismen gebündelt eingesetzt und über eine omnipräsente Medienumwelt im Sinne einer etablierten, anerkannten moralischen Instanz verbreitet, so handelt es sich um den bewussten Einsatz von Propaganda.

Propaganda im historisch vergleichenden Kontext: „Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen“ oder „Was geschah im Dritten Reich?“

Im Lehrbuch „Sozialpsychologie“ (Aronson, Wilson & Akert, 2008) geben die Autoren eine prägnante Zusammenfassung zu den Mechanismen der Propaganda im Dritten Reich (ebd. S. 258f): Die Propaganda wurde über gleichgeschaltete Medien (Radio, Fernsehen, Zeitungen) verbreitet, die von den Nazis kontrolliert wurden. Das Ziel war dabei unter anderem, bei den Massen dienliche Gefühle wie Patriotismus und Loyalität zu wecken. Die dogmatische Propaganda durchdrang selbst die Bildungseinrichtungen und Schulen, um schon die Jüngsten frühzeitig zu indoktrinieren, bis hin zum Aufruf, die eigenen Eltern zu denunzieren. Botschaft war die Notwendigkeit des Handelns, um eine Bedrohung abzuwehren, wobei auf bereits existierenden Vorurteilen (Antisemitismus) aufgebaut wurde. Die Sündenböcke für mögliche Beeinträchtigungen waren klar definiert: die Juden und der politische Gegner. Diese wurden entmenschlicht als „Schädlinge, Parasiten, Blutsauger“. Die Parole lautete: Der Staat hat (immer) recht, ihm ist immer zu gehorchen – entsprechend waren Kritik, Diskurs, kurz: jegliches Hinterfragen verboten.

Da der Staat immer präsent (Überwachung) und zugleich im alleinigen Besitz des Wissens („der Wahrheit“) war, konnte er seine Fakten verbreiten und Gegeninformationen sowie deren Austausch umfassend bekämpfen (durch Bücherverbrennungen, Verbote, Einschüchterung, Verhaftungen, Mord). Besonders wirkmächtig zur Aufrechterhaltung, Verbreitung und Festigung des propagierten Narrativs waren die durch diese allumfassende Propaganda ausgelösten sozialen Einfluss-Prozesse innerhalb der Bevölkerung: Zunächst wurde eine Krisensituation geschaffen und ein Bedrohungsnarrativ aufgebaut. Dies ermöglichte die Beeinflussung der Bevölkerung durch den besonderen informativen Einfluss der propagierten „Experten“. Neben der offenen Anstiftung, nicht-loyale Mitmenschen zu denunzieren, erfolgte die öffentliche Bestrafung derselben, wodurch auch mögliche Kritiker wirkungsvoll abgeschreckt wurden. In der Folge erhöhte sich der Druck zur normativen Konformität und die öffentliche Zustimmung nahm zu. Sollte die Beteiligung an Taten gegenüber Mitmenschen kognitive Dissonanz auslösen, konnte diese durch externe oder interne Rechtfertigung (mit Einstellungsänderung und Abwertung der Opfer!) gemildert werden.

Fassen wir zusammen: Der Treiber dieser umfassenden Konformität, welche erst die folgenden Gräueltaten im Alltäglichen und in den Fängen des Systems ermöglichte, war die umfassende Propaganda eines herrschenden Narrativs mit der Tabuisierung und Abschaffung des eigenverantwortlichen Hinterfragens und mit der umfassenden Bekämpfung von Gegenstimmen!
Übrigens war auch damals ein bedeutsames Argument für die Maßnahmen die Sicherung der „Volksgesundheit“ im Sinne der Vorgaben von Regierung und von durch ebendiese berufenen Experten (siehe dazu auch die Ausführungen von US-Anwalt und Rabbi Yitzchok Dovid Smith, 2020).

Klarsprech: Die historisch-vergleichende Einordnung der aktuellen Situation

Im Frühjahr 2020 wurde der Öffentlichkeit (sofern sie daran interessiert war) ein Strategiepapier des Bundesinnenministeriums zugänglich, in welchem ausgeführt wurde, mit welchen Mitteln das Pandemie-Narrativ zur Bekämpfung des Corona-Virus in Deutschland propagiert werden sollte. Hier wurde eine Vielzahl der oben aufgeführten Mechanismen umschreibend und verhaltensnah erläutert.

Anfangs wurde nach dem Publikwerden noch vereinzelt Kritik geübt (z.B. in der heute show). Umso mehr erstaunt, dass diese kurze Zeit später vollends verstummte und stattdessen die geforderten Strategien allumfassend umgesetzt wurden: Auf sämtlichen Fernsehsendern in allen Formaten durch Medienvertreter – darunter, wie gefordert, vertrauenswürdige, beliebte Prominente wie Fernsehstars, Moderatoren, Comedians, vormals kritisch sich äußernde Leadsänger von beliebten Bands, aber auch Wissenschaftsjournalisten beliebter Sendungen und vorher eher ein Nischendasein führende Fernsehphilosophen (Beispiele mag sich der Leser selber vergegenwärtigen) sowie bislang medial unbeachtete Fachleute verschiedener Fachbereiche (auch aus der Psychologie).

Ebenso erstaunt, dass dieses Papier in der breiten Bevölkerung weitgehend nicht ins Bewusstsein geriet, obwohl es mit wenigen Eingaben in den Internetsuchmaschinen aufgerufen werden konnte. Die brisanten Inhalte eines weiteren Dokuments aus dem Bundesinnenministerium, die Risikobewertung eines Mitarbeiters des Referats KM 4 (Krisenmanagement), wurden ebenfalls totgeschwiegen. Gleichzeitig wurde sich von offizieller Seite (Seehofer) von der Risikoanalyse distanziert. Diese Darstellung des Ministeriums sowie der Umstand, dass der Verfasser vom Dienst entlassen wurde, wurde von den Medien weitergegeben, auch die Person des Verfassers thematisiert, nicht aber auf die Inhalte seiner Arbeit eingegangen. Obwohl diese Analyse in seinem konkreten Arbeitsbereich lag, er selbst sie intern weitergeleitet hatte und sie erst durch eine dritte Person nach außen getragen wurde (Bhakdi, S. et al. 2020).

Seither ist fast ein Jahr vergangen. Früh äußerten sich Stimmen, welche eine andere Sicht formulierten, Bedenken, Kritikpunkte an der offiziellen Darstellung äußerten, die um einen Diskurs bemüht waren (z.B. Offener Brief von Prof. Dr. S. Bhakdi an Kanzlerin Merkel vom März 2020). Wurde, wie es in einer unvorhergesehenen Krisensituation angesichts einer neuen Bedrohung geboten wäre, im Sinne des Erkenntnisgewinns und zum Zwecke der Bewertung und Anpassung von Handlungen versucht, verschiedene Sichtweisen zusammenzubringen, kritische Fragen ergebnisoffen und diskursiv zu diskutieren? Nein.

Stattdessen wurden die oben und im „Strategiepapier“ aufgeführten Manipulationsmechanismen von den Akteuren in den öffentlichen Medien und von den Politikern geradezu vorbildlich angewendet: Das gewünschte Narrativ wurde und wird als „alleinige Wahrheit“ aggressiv propagiert und Gegeninformationen und kritische Menschen werden ebenso aggressiv bekämpft. An die Stelle der Bücherverbrennungen sind dabei im digitalen Zeitalter das Totschweigen, das unsachgemäße Diffamieren und die Zensur getreten (Google, Facebook, YouTube, Twitter… dazu Häring 2020), wobei diese Vorgänge vorteilhafterweise nur jene registrieren, die aktiv kritische Meinungen suchen und konsumieren. Um möglichst viele Konsumenten der etablierten Medien davon abzuhalten, mit entsprechenden Inhalten neutral in Kontakt zu treten, werden Gegeninformationen und kritische Meinungen isoliert, als „böse“ deklariert und Vertreter und Konsumenten von unerwünschten Informationen massiv diffamiert (Übersicht dazu Riegel, 2020).

Alle diese aktuell deutlich erkennbaren Mechanismen charakterisieren in gleicher Weise die Propaganda im nationalsozialistischen Deutschland – nur treten sie in modernisierter Form auf. Hinzu kommt – und hier fällt es mir schwer, nicht das Wort „Perversion“ zu benutzen – dass eben dieses kritische Hinterfragen und insbesondere jeder vergleichende Hinweis auf Geschehnisse im Kontext totalitärer Systeme, insbesondere der Vergleich mit dem deutschen Trauma des Nationalsozialismus, frühzeitig durch eine Gleichsetzung mit „Antisemitismus“, „rechtsoffen“, „Holocaust-Verharmlosung“ tabuisiert wurde (Beispiele: Metag, 2020). Eine solche Einordnung einer abweichenden Meinung oder eines sich kritisch äußernden Menschen, beispielsweise durch (noch?) angesehene Formate wie „Wikipedia“ und „Psiram“ oder auch „Faktenchecker“ oder den „Volksverpetzer“ kommt in der Wahrnehmung des gehorsam-unkritischen Bürgers einem absoluten Ausschluss aus der Gesellschaft gleich. Ein solcher Mensch ist fortan aussätzig, ein „Schwurbler“, das Irrationale und Böse schlechthin, seine Ideen sind entsprechend zu meiden wie Hexen im Mittelalter oder der Teufel in der christlichen Überlieferung.

Den oben genannten Formaten obliegt es, Äußerungen zu kategorisieren und zu bewerten, unliebsame Informationen und Ideen als Fake-News und Verschwörungtheorien zu klassifizieren und damit die Autoren der Hetze (und bislang noch verbalen Verfolgung in den sozialen und in den offiziellen Medien) feilzugeben. Betroffen sind neben den nunmehr schon bekannten Themenbereichen Lockdown, Schulschließungen und Maskenpflicht nun auch die Themen Impfung und – so deutet sich an – Reisefreiheit, Bestrafung versus Belohnung, soziales Kreditierungssystem, digitaler Identitätsausweis, „Green New Deal“ und „Great Reset“, Planspiele (wie z. B. Dark Winter, Clade X, Event 201, siehe dazu Schreyer 2020), „Lobbyismus, Gewinnler und Interessenskonflikte“ sowie „personelle Verflechtungen“, aber auch die Themen „Therapiealternativen“ und „Risiko-Nutzen-Abwägung“.

Ist ein vergleichender Hinweis auf Propaganda im Dienste totalitärer Systeme unzulässig, weil bislang die Protagonisten nicht verhaftet, interniert, umgebracht werden? Wie ist der Verlust der Reputation, des gesellschaftlichen Status, von Freundschaften, dem Arbeitsverhältnis oder der psychischen Gesundheit zu bewerten?

Gleichzeitig werden die Protagonisten des (Pandemie-)Narrativs zu „Helden“, Heilsbringern, allwissenden Instanzen erhoben, deren Meinung, deren Urteil und deren Beschlüsse, auch wenn nicht demokratisch legitimiert, bindenden Charakter haben sollen – eben „niemals hinterfragt“ werden dürfen oder gar können (Drosten erhält Bundesverdienstkreuz, siehe Fritsch 2020, Aussage des RKI-Chefs Lothar Wieler auf der Pressekonferenz vom 28.7.2020, siehe ZDF heute Nachrichten, 2020). Denn: Sie sind „im Besitz der alleinigen Wahrheit“.

Abschließend deuten alle Indizien (unabhängig vom Wahrheitsgehalt von Detailaspekten) darauf hin, dass es sich bei dem „Pandemie-Narrativ“ um eine Propaganda handelt, welche aggressiv von den etablierten Medien verbreitet wird und von der Mehrheit(?) der sich äußernden Bevölkerung zumindest nach außen hin übernommen und so passiv oder aktiv unterstützt wird.

Entsprechende Entwicklungen waren de facto auch in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirksam und bereiteten den Boden für die Gräueltaten von Funktionären und „gehorsamen Bürgern“ im Nationalsozialismus. Dies in Abrede zu stellen, ist mir persönlich nach Auseinandersetzung mit der Thematik und Analyse des aktuellen Geschehens nicht möglich.

Und nun?

Die uniforme, ständige Wiederholung der gleichen Informationen, ungeachtet ihrer Bewertung durch den gesunden Menschenverstand und durch das damit verbundene intuitive Gefühl oder durch wissenschaftliche Evidenz im strengen Sinne, führt im Zusammenwirken der beschriebenen Mechanismen dazu, dass das Narrativ geglaubt und gelebt wird. Nicht nur von den direkt profitierenden Funktionären und von den Schöpfern des Pandemie-Narrativs, sondern insbesondere vom „gemeinen Fußvolk“, den selbst vielfältig betroffenen Mitmenschen, ungeachtet Bildung, Religion und sonstiger Gruppenzugehörigkeit.

Die aktuelle Entwicklung MUSS NICHT zwangsläufig in einen neuen Totalitarismus, einen neuen Sündenfall, münden. Denn anders als zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es heute eine rückblickende Reflexion, gibt es ein weit verzweigtes Netz des Widerstands, gibt es insbesondere die Erfahrung, dass jede noch so perverse Idee von Psychopathen, wenn diese über genügend Macht, Einfluss und Unterstützung verfügen, auch umgesetzt werden kann. Wenn die Massen es zulassen. WENN.

Noch können wir es verhindern. Noch steht keine „Gesinnungspolizei“ an den Türen, noch werden „Abweichler“ nicht als „Gefährder“ verhaftet, isoliert, „zwangsbehandelt“. Noch scheint es möglich, ein Grundgesetz oder eine Menschenrechtscharta zur Geltung zu bringen, auch entgegen einer schwächelnden Justiz, einer scheinbar weitgehend in ihrem Handeln uniformen Politik und einer nach außen gehorsam und obrigkeitstreu agierenden Zivilgesellschaft.

Jetzt ist die Zeit, der Dystopie einer technokratischen, naturfeindlichen, von Algorithmen gesteuerten, totalitären Herrschaft und ihrem mechanistischen Menschenbild entgegenzuwirken.

Wir, die Bevölkerung westlicher Industrienationen, haben den Planeten geschädigt, die Umwelt zerstört. Das Wohlergehen der Schöpfung der egoistischen Gier weniger privilegierter Menschen geopfert. Aus Nächstenliebe? Aus Solidarität? Aus christlichen Werten? Oder eher aus perversem Narzissmus, aus Hybris und aus absoluter Verantwortungslosigkeit? Warum sind wir nicht vorher aufgestanden? Aus Bequemlichkeit? Eingelullt, narkotisiert, infantilisiert im Konsumwahn und vom unreflektierten Fortschritts- und (Wirtschafts-)Wachstumsglauben?

Dies ist meine persönliche Bewertung, mein Fazit der Erfahrungen des letzten Jahres. Ich möchte damit ausdrücklich niemanden angreifen oder verurteilen. Ich versuche, die subjektive Interpretation der aktuellen Geschehnisse klar zu benennen und somit die Tabuisierung im Sinne der Propaganda zu durchbrechen. In der Hoffnung, in dieser schmerzhaften Konfrontation den Grundstein für eine heilsame Entwicklung legen zu können.

Ergreifen wir die Chance, die sich uns bietet: das weltweite Anhalten, auch wenn es eben nicht aus hehren Zielen geboren sein sollte. Den Schlamm betrachten und uns unseren eigenen Traumata, unserem eigenen Täter-Sein stellen. Aufeinander zugehen. Im Kleinen, lokal, in den Familien, in den Gemeinden. Und global. Aber nicht heimlich, mit Hintergedanken und hinter falschen Masken. Sondern offen, selbstkritisch, kritikfähig, diskursiv. Klarsprech statt Orwell‘schem Doppeldenk.

Es braucht Ideen für die Zukunft, für das Jetzt, eine Vision für ein besseres Miteinander: Lasst uns als Menschheitsfamilie zusammenkommen, friedvoll, sich der Probleme bewusst, lasst uns die Lösungen ergreifen, die es schon gibt! Aber nicht auf Kosten einer unterdrückten finanzschwachen Minderheit, sondern im Rahmen echter demokratischer Entscheidungsfindung. Lasst uns uns selber verändern: wieder Zuhören lernen, Empathie, Affekt- und Uneindeutigkeitstoleranz schulen, die Fähigkeit zur Trauer wertschätzen und fördern. Lasst uns eine neue Fehlerkultur entwickeln, um aus unseren Fehlern zu lernen. Lasst uns wieder das selbstständige Denken fördern, die Reflexion und das Hinterfragen der eigenen Haltung und der eigenen Handlungen vor dem Hintergrund der eigenen Werte. Eine echte Solidarität leben, die dem anderen ehrlich und wahrhaftig begegnet und seine wie die eigenen Schwächen und seine Not anerkennt. Lasst uns Gemeinsames schaffen, miteinander und füreinander, unter dem Primat, niemanden zu schädigen. Finden wir wieder zu einer ganzheitlichen Sicht auf uns und unsere Mitschöpfung! Mit Respekt vor der individuellen Einzigartigkeit unter Anerkennung der Gleichwertigkeit des Verschiedenartigen.

Titelbild: PHOTOCREO Michal Bednarek/shutterstock.com

Quellen:

Anmerkung:

Nicht eingegangen wurde auf „komplexere“ psychologische Mechanismen, z.B. im Rahmen der Weißen Folter, da die Komplexität dieses Themengebiets eine getrennte Analyse rechtfertigt. Daher sei an dieser Stelle nur auf entsprechende Quellen verwiesen, z.B.:

Biderman, A. D. (1957). Communist Attempts to Elicit False Confessions from Air Force Prisoners of War. Bulletin of the New York Academy of Medicine, 33(9), 616–625.

Mausfeld, R. (2010). Foltern ohne Spuren. Wissenschaft und Frieden, 2010–1, 16–19.

Übersetzung des KUBARK-Handbuchs der CIA durch Ulla Jelpke (2007). KUBARK Nachrichtendienstliche Vernehmungen. 1963. ulla-jelpke.de/wp-content/uploads/2007/09/Kubark_neue-%C3%9Cbersetzung.pdf

Titelbild: PHOTOCREO Michal Bednarek / Shutterstock



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Von Veritatis