Er lässt sich nichts sagen. Er hasst es, zu proben. Im Herzen durchaus ein Punk, hat Bill Kaulitz dann doch manches in den letzten Jahren gelernt, ein paar Sachen würde er rückblickend wohl anders machen.

Nicht nur als Geschichte über Männlichkeit ist die Autobiografie Career Suicide interessant, sie ist als Aufsteiger-Story eines ostdeutschen Teenagers aus einer Arbeiterfamilie auch eine Geschichte über Klassenscham. Die sitzt tief bei Bill Kaulitz, der kaum ein gutes Haar lässt an den kaputten Protagonist:innen seiner Kindheit – bis auf Mama. Das Schreiben (während des Lockdowns) wird ihm eine Form der „Selbsttherapie“, der Ton, mit dem er über seine Erfahrungen mit Gewalt, Alkoholismus, Übergriffigkeit schreibt, ist roh, vulgär, es soll wohl lässig klingen.

Manchmal liest sich das unterhaltsam, oft anstrengend und überheblich. Es wird deutlich, dass Kaulitz unter der Armut und ihren sozialen Nebenwirkungen litt und wohl nicht nur wegen seiner früh verspürten Berufung zum Superstar unbedingt die Flucht antreten wollte. Kaulitz macht für das kaputte Umfeld seines Heimatorts Loitsche bei Magdeburg die DDR verantwortlich, die eingesperrt und Verbitterte zurückgelassen habe. Verbal schlägt Kaulitz leider oft allzu abwertend zurück, hat keine Empathie übrig für die „sozial Schwachen“, die in Wirklichkeit vor allem ökonomisch schwach waren, weil sie im Ostdeutschland der 90er Jahre erst nicht mitbestimmen durften, dann um ihre Lebensgrundlagen gebracht wurden.

Vielleicht nachvollziehbar: Mach kaputt, was dich kaputtmacht. Vielleicht wirkte die Aggression als Gegenwehr für erfahrene Aggressionen empowernd. Vielleicht prägt Kaulitz hier ein neues Genre namens Traumaporno, das sich leider durch respektlose Schilderungen von Doktorspielen und „weggefickten“ Muschis auszeichnet.

Das kleine Haus, in dem sie mit der alleinerziehenden Mutter wohnten, sollte niemand sehen, der Ekel und die Scham sind aber unangenehm ausgestellt in dem Buch. Kaulitz dreht erfahrene Abwertungen bloß um, was sich klassistisch und frauenfeindlich liest, obwohl die nötige Sensibilität vorhanden sein könnte, zu verstehen, warum Menschen in Gewaltverhältnissen verharren: Ohne Ressourcen lässt sich schwer ausbrechen.

Versteckt im Buch ist ein Lehrstück gegen neoliberale Mythen, die behaupten, jeder kann, der will. Klar wird: Mutter Kaulitz ist der eigentliche Star dieser heftigen Story. Man erfährt, wie sie sich für ihre Söhne aufopferte, wie sie an den aufrührerischen Zwillingen litt. Und ohne die Unterstützung des Bruders, der ihn managt und produziert, wäre Tokio Hotel eventuell nicht diese Erfolgssaga geworden.

Dass die Väter der Töchter, die den androgynen Rebell verehrten, ihn so hassten, hat wenig mit Neid zu tun. Bill Kaulitz hat das abbekommen, was Menschen abbekommen, die geschlechtlich nicht eindeutig einzuordnen sind. Homo-, Transphobie und eine tief internalisierte Misogynie nennt man das in der Geschlechterforschung.

Er ist dann männlicher geworden. Der „Style“ war „auserzählt“. Kaulitz blendet aus, dass Geschlechtsidentität für viele Menschen keine Stilfrage ist. Und in einer Sache möchte man ihm vehement widersprechen: Menschen können sich verändern. Sie tun es die ganze Zeit. Das müssen sie allerdings wollen und üben, proben. Der mittlerweile 31-Jährige macht jetzt mit seinem Bruder Tom Musik ohne belastende Knebelverträge, bringt mit dessen Frau Heidi Klum über die Show Queen of Drags (Pro 7) bei aller Kritikwürdigkeit des Formats ein bisschen Queerness ins deutsche Fernsehen. Vielleicht hat Kaulitz also gerade erst angefangen, frei, wild und zart zu werden, Rock ’n’ Roll wäre das.

Career Suicide: Meine ersten dreißig Jahre Bill Kaulitz, mit einem Vorwort von Benjamin von Stuckrad-Barre, Ullstein 2021, 384 S., 22 €



Source link

Von Veritatis