Zum Vorgang Nawalny werden zwei gegenläufige Geschichten erzählt: 1. Die offizielle Geschichte von Medien und Politik, die wohl auch von der Mehrheit der Menschen geteilt wird, geht so: Nawalny kämpfte jahrelang gegen die Korruption in Russland und vor allem gegen Putin. Er wurde in Russland mit Nowitschok vergiftet, vermutlich auf Geheiß des russischen Präsidenten. Er wurde dann nach Berlin ausgeflogen und gerettet; die Bundeskanzlerin hat sich persönlich engagiert und auch das Gift in einer Bundeswehreinrichtung testen lassen. Nach Wiedergenesung ist der engagierte Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte nach Russland zurückgekehrt. Er wurde rechtswidrig verhaftet und eingekerkert. – 2. Die andere Version: Nawalny ist ein westlicher Agent. Er wurde vermutlich von langer Hand in Russland aufgebaut und mit dem attraktiven Thema Korruptionsbekämpfung ausgestattet. Langfristiges Ziel: Regime Change in Moskau. Die Vergiftung durch staatliche russische Stellen auf Geheiß des Präsidenten ist eine gezielte Erfindung des Westens. Während seines Aufenthalts in Deutschland hat Nawalny im Auftrag und mit Unterstützung einer kalifornischen Filmproduktion ein Video über Putins angebliche Geldverschwendung zum Bau eines Palastes auf der Krim gedreht. Seine Verhaftung und Verurteilung nach Rückkehr ist logisch. – Die Lektüre des Kapitels II 7. „Kleine Mäuse“ in David Talbot „Das Schachbrett des Teufels“ kann dabei helfen zu entscheiden, welche Version die wahrscheinlichere ist, die 2. Version. Albrecht Müller.

In diesem Kapitel wird geschildert, wie die US-amerikanischen Geheimdienstagenten Alan Dulles und Frank Wisner 1949 ff die Umsiedlung des US-amerikanischen Idealisten Noel Field nach Prag und damit in den sogenannten Ostblock und die Reichweite Stalins nutzen, um Chaos zu stiften und Stalin zu einer für viele tödlichen Treibjagd und zur Verschärfung des Kalten Krieges zu veranlassen. Hier ist eine wichtige Passage aus diesem Text:

Warum sollte sich der amerikanische Geheimdienst nicht Fields unbedachte Reise hinter den Eisernen Vorhang zunutze machen? Wisner hatte einen hochgestellten Doppelagenten im polnischen Geheimdienst, ein Mann namens Józef Światło. Man könnte ihn anweisen, von Warschau bis Moskau die Kunde zu verbreiten, dass Field tatsächlich auf einer Geheimmission nach Prag reise, geschickt von seinem alten Führungsagenten, dem berüchtigten Allen Dulles, um sein ausgedehntes Kontaktnetz aus Kriegszeiten zu reaktivieren – die tapferen Kommunisten, Nationalisten und Antifaschisten, denen er bei seiner Arbeit für eine Hilfsorganisation geholfen hatte, zu überleben. Diese Männer und Frauen seien alle Teil des streng geheimen Spionagenetzes von Dulles und Field.

Nichts davon stimmte – aber Wisner und Dulles wussten, dass sie im fragilen Sowjetreich Chaos stiften konnten, wenn es ihnen gelänge, Stalin diese Geschichte unterzujubeln.

Allen Dulles kannte die Familie Field seit langem. Die meisten Menschen würden es nicht über sich bringen, alte Bekannte als Schachfiguren einer geopolitischen Intrige zu benutzen, aber Dulles war nicht wie die meisten Menschen. Sein Plan war so herzlos wie raffiniert. Indem er die nichtsahnende Familie Field zu Mitgliedern eines ausgedehnten amerikanischen Spionagenetzes machte, würde er Stalin – der frisch erschüttert war von der Abtrünnigkeit des jugoslawischen Marschalls Tito – in Panik versetzen und zu einer Hexenjagd veranlassen, unter der die kommunistischen Regime in ganz Osteuropa zerbrechen würden. Wie bei allen kühnen Schachzügen, die er in seiner Karriere unternahm, warf sich Dulles mit großer Verve in die Operation und gab ihr persönlich einen Codenamen: Splinter Factor.

Die Lektüre des Kapitels über diese für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidende Phase wie auch die Lektüre des gesamten Buches von Talbot lohnt sich. Man lernt ungemein viel für heute, auch für die Beurteilung des Vorgangs Nawalny und zu den Hintergründen der neuen Konfrontation des Westens mit Russland.

Der Westend Verlag hat uns das PDF des Kapitels zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank. Hier und hier finden Sie Näheres zum Buch.

Titelbild: JSS DZGN / Shutterstock



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Von Veritatis