Der bekannte deutsche Ökonom, Fondsmanager und Bestsellerautor Professor Max Otte hat im Rahmen eines Gesprächs mit dem Philosophen Gunnar Kaiser eine haarsträubende Beschreibung der Intellektuellen präsentiert, die einer Verunglimpfung derselben gleichkommt und zudem eine aberwitzige Verzerrung der gesamten abendländischen Kulturgeschichte impliziert. Auch wenn der Wirtschaftswissenschaftler ganz sicher keine Herabwürdigung der Denker intendierte, ergibt sie sich nun einmal faktisch aufgrund der von ihm vorgenommenen abstrusen Verdrehungen.

Dass ihm seitens des überaus zahlreichen Publikums in den Kommentaren nicht ganz entschieden widersprochen wurde — das am 16. Januar dieses Jahres veröffentlichte Video verzeichnete am 30. Januar 2021 rund 450.000 Aufrufe —, zeigt wie weit Unwissenheit, Ignoranz und Gleichgültigkeit hierzulande schon gediehen sind, wenn es um unser abendländisches Erbe und unsere kulturellen Traditionen geht.

Nach Aussage von Professor Otte bestand die Aufgabe der Intellektuellen in der Geschichte der Menschheit seit jeher darin, die Menschen zu überwachen und einzuschwören. Hier der Originalwortlaut aus besagtem Video ab Minute 40:24 (1):

„Es war im Gegenteil Aufgabe der Intellektuellen in der Geschichte der Menschheit, die Menschen zu überwachen und sie einzuschwören. Die Priester sind doch normalerweise (…) man legitimiert die Macht und (…) erklären die Macht (…) Das heißt, ganz im Gegenteil, die Intellektuellen waren immer schon in Masse die Bewahrer der Macht, die Interpreten der Macht, die Hofschranzen, die Ausleger, die ähm, natürlich gibtʼs auch immer wieder mal kritische, aber das sind dann schon immer wirklich die Ausnahmen gewesen.“

Nun steht Max Otte mit dieser Auffassung durchaus nicht alleine da: Bei einer stichprobenartigen Durchsicht der Kommentare unter dem Video war kein Widerspruch auszumachen, dafür aber eine ganze Reihe von Stimmen, die Ottes Intellektuellencharakterisierung beipflichteten. Was in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden sollte: Einem solchen Intellektuellenbild förderlich ist das Agieren der beiden Philosophen, die gemeinhin als die größten deutschen Denker der Gegenwart gelten: Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk.

Beide stützen die Blockparteien und richten sich gegen die einzige oppositionelle Kraft im Lande; Jürgen Habermas, indem er entschieden für das Postnationale, für die Europäische Union und gegen deren Kritiker, die „Rechtspopulisten“, eintritt; und Peter Sloterdijk kann sich nicht nur vorstellen, dass Jens Spahn einen hervorragenden Bundeskanzler abgäbe, wie er uns kürzlich in einem Interview wissen ließ, er verteidigte auch das Verbot von Anti-Corona-Demonstrationen und kritisiert seit einigen Jahren immer wieder vehement die Alternative für Deutschland, die AfD.

Auch, um dieses „Vorbild“ zu relativieren, sollte die hier in Rede stehende absurde Beschreibung der Intellektuellen auf keinen Fall unwidersprochen bleiben. Wagen wir also eine Gegenrede!

Zunächst einmal ist eine Begriffsklärung erforderlich: Obschon die Bezeichnung „Intellektuelle“ in Frankreich sporadisch schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts auftaucht, ist sie erst im Zuge der Dreyfus-Affäre, die in den 1890er-Jahren die französische Politik und Gesellschaft spaltete, populär geworden. Nachdem der Romancier Émile Zola in einem Aufruf gegen die Verurteilung des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus wegen Hochverrats protestiert hatte, schlossen sich ihm wenige Tage später weitere Schriftsteller und Akademiker an, wie beispielsweise Marcel Proust und Anatole France. Ausgehend von einem Zeitungsartikel wurde diese Petition als „Protest der Intellektuellen“ bezeichnet (2).

„Diese Ursprungskonstellation des modernen Intellektuellenbegriffs hatte mehrere Implikationen. Zum einen wurden die Intellektuellen damit auf bestimmte inhaltliche Positionen festgelegt: Sie gelten in der Regel als tendenziell links, staats- und religionskritisch, unabhängig, als Anwälte der Wahrheit, des Universellen, der Demokratie und der Menschenrechte. Zudem wurde an sie häufig die moralische Erwartung gerichtet, unerschrocken und mit persönlichem Risiko für die als richtig erkannte Position einzustehen; so wie Zola, der (…) wegen Verleumdung verklagt wurde und für ein Jahr ins englische Exil fliehen musste“ (3).

Wenn wir diesem gängigen, klassischen Intellektuellenbegriff folgen, wäre die von Max Otte vorgenommene, diesem diametral entgegengesetzte Charakterisierung des Intellektuellen freilich schon von vornherein vollkommen unsinnig. Es ist dem Autor aber auch dann mit allem Nachdruck zu widersprechen, wenn man den Begriff inhaltlich weiter fasst und unter Intellektuellen geistig schöpferische Menschen versteht, vor allem Philosophen, Schriftsteller, Akademiker, Journalisten und Künstler, die sich öffentlich zu gesellschaftlich oder politisch relevanten Themen/Debatten äußern.

Freilich hat es zu allen Zeiten auch opportunistische Intellektuelle gegeben, die die Macht, die Staatsideologie, ihren Mäzen gestützt haben, weil sie auf diese Weise zu Ruhm, gesellschaftlichem Einfluss und wirtschaftlichem Wohlergehen gelangten oder einfach ihre Haut retteten; und es traten immer wieder auch Dogmatiker auf, die die jeweilige Staatsdoktrin aus tiefster innerer Überzeugung verteidigt haben. Solche symbiotischen Beziehungen zwischen Intellektuellen und Regierenden gab es durchaus in allen historischen Epochen. Einen in dieser Hinsicht extrem seltenen Glücksfall stellt beispielsweise die berühmte Männerfreundschaft zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach dar.

Indes, wenn man die Geistesgeschichte, und zwar sowohl die deutsche und europäische als auch die außereuropäische, Revue passieren lässt, wird man feststellen, dass Max Ottes Verdikt grob falsch ist — der Finanzexperte hat hier in fremdem Garten einen kapitalen Bock geschossen.

Denn es ist mitnichten so, dass Intellektuelle in der Regel Speichellecker sind, die das Volk im Sinne der jeweiligen Regierung indoktrinieren oder gar überwachen. Vielmehr sind es überwiegend Freigeister, die sowohl dem Staat als auch der Religion und der Gesellschaft kritisch gegenüberstehen und aus eben diesem Grunde für die Machthaber unbequem und mitunter sogar brandgefährlich sein können.

Deshalb — und nicht etwa, weil ihnen eine Hofschranzenmentalität eigen wäre — ließ Mao Zedong während der Großen Kulturrevolution Hunderttausende von Intellektuellen verfolgen, foltern und töten; in der Sowjetunion und im ehemaligen Ostblock erlitten unzählige Dissidenten das gleiche Schicksal; und in Deutschland sowie in anderen europäischen Ländern und in bestimmten lateinamerikanischen Staaten sahen sich im 20. Jahrhundert sehr viele Geistesmenschen aus politischen Gründen dazu gezwungen zu emigrieren.

Dass das Bild vom unterwürfigen, auf Machterhalt und Regierungspropaganda fokussierten Intellektuellen die tatsächlichen Verhältnisse in allergröbster Weise verzerrt, zeigt sich auch — und zwar auf äußerst eindrucksvolle Weise —, wenn wir uns auf eine zeiten- und länderübergreifende Reise durch die Menschheitsgeschichte begeben. Dabei wollen wir — da hier keine ausufernde Darstellung und keine endlosen Namenslisten beabsichtigt sind — ausschließlich die bedeutenden Intellektuellen berücksichtigen, also sozusagen die geistige Champions League.

Beginnen wir im deutschsprachigen Raum. Die herausragenden Intellektuellen der vergangenen Jahre und der Gegenwart wie Hans Magnus Enzensberger, Botho Strauß, Peter Handke, Eckhard Henscheid, Roger Willemsen, Rolf Peter Sieferle, Norbert Bolz und Rüdiger Safranski wird sicherlich niemand als devote Regierungstreue, als Hilfstruppen der politischen Führung oder Bewahrer der Macht einstufen.

Und auch ihre „Vorgänger“: Heinrich Heine, Georg Büchner, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Hermann Hesse, Stefan Zweig, Robert Musil, Hermann Broch, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Ernst Jünger, George Grosz und Max Beckmann — um auch zwei hochintellektuelle Maler zu nennen —, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Günther Anders, Hannah Arendt, Max Frisch, Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Odo Marquard, Robert Spaemann …, waren allesamt keine ambitionierten Regierungslakaien, sondern begnadete Geistesmenschen, die offen, ironisch, mal leise, mal laut, scharf oder subtil politische, gesellschaftliche und geistig-kulturelle Missstände thematisierten.

Zwei Zitate sollen genügen: Georg Büchner forderte: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ und Hermann Hesse, der in politischen Dingen wesentlich hellsichtiger war als der mit ihm befreundete Thomas Mann, schrieb schon im Jahr 1919: „Staat ist Staat. Und Politik ist Politik und beide taugen nichts und sind beschissene Einrichtungen. Sie sind da, um uns den Geist zu knebeln (…)“; und vierzig Jahre später konstatierte er: „Die politische Vernunft liegt nicht mehr dort, wo die politische Macht liegt. Es muss ein Zustrom von Intelligenz und Intuition aus nichtoffiziellen Kreisen stattfinden, wenn Katastrophen verhütet oder gemildert werden sollen“ (4). Nach Hofschranzentum klingt das nicht gerade. Und wo sind bloß all die Intellektuellen, die „immer schon in Masse die Bewahrer der Macht“ waren?

Verlassen wir Deutschland und wenden wir uns der Wiege des Abendlandes zu! Einer der größten Denker der Menschheitsgeschichte, Platon, war sowohl von der Herrschaft der Dreißig Oligarchen als auch von der Attischen Demokratie derart angewidert, dass er zu einem vehementen Kritiker der politischen Verhältnisse seiner Zeit wurde und einen von Philosophen regierten Staat forderte.

Auch die Kyniker um Diogenes von Sinope sowie Platons Lehrer Sokrates waren alles andere als Hofschranzen, die um die Gunst der Herrschenden buhlten. Vielmehr wird Sokrates wohl sehr vielen Politikern Angstschweiß auf die Stirn getrieben haben, als er erklärte, dass man die Staatsgeschäfte ausschließlich Bürgern anvertrauen dürfe, die aufgrund ihres Wissens und Könnens dazu qualifiziert seien, und nicht solchen, deren Einfluss sich allein der Gunst der Massen oder ihrer vornehmen Herkunft verdanke. Er wandte sich mit seinen Forderungen also sowohl gegen den Geburtsadel als auch gegen die Demokraten.

Und auch das dritte große Geistesgenie der Antike, Aristoteles, war kein vor der Macht buckelnder Denker. Seine politischen Überzeugungen unterschieden sich radikal von denen seines Schülers Alexanders des Großen; überhaupt hatte der Lehrer des Abendlandes gar keine Zeit für schnöde Staatspropaganda, da er sich bekanntlich sehr intensiv mit höheren Dingen, mit diversen Wissenschaften und Philosophie, befasste. Schließlich sollte auch nicht übersehen werden, dass in der Antike sowohl in Griechenland als auch in Rom Satiren und Schmähreden äußerst populär waren, in denen die führenden Männer des Staates und die Mitglieder der Oberschicht mit beißendem Spott und Invektiven überzogen wurden. Zu den bekanntesten und schärfsten Spöttern zählen die griechischen Dichter Archilochos und Aristophanes sowie die römischen Satiriker Lucilius und Juvenal.

Von den größten Köpfen der Antike nun zum überragenden Autor des europäischen Mittelalters: Dante Alighieri, der Verfasser der „Göttlichen Komödie“, des literarischen Hauptwerks seines Zeitalters, musste alle seine öffentlichen Ämter niederlegen und seine Heimatstadt Florenz verlassen, weil er nicht zu den dezidiert pro-päpstlich gesinnten schwarzen Guelfen gehörte und zu keinem Gesinnungswechsel bereit war. Für den Fall seiner Rückkehr wurde er von den Florentinern zum Tod durch Verbrennung verurteilt.

Nun repräsentiert der italienische Dichterfürst mit seinem aufmüpfigen Verhalten aber keineswegs eine Ausnahme in Bezug auf das Mittelalter. Denn in Deutschland — aber auch in anderen Ländern wie England, Spanien, Frankreich und Italien — ist die politische Lyrik des Hochmittelalters dadurch gekennzeichnet, dass sie neben Lobpreisungen vor allem auch eine harsche Kritik sowohl an den weltlichen als auch an den geistlichen Herrschern umfasste.

So war beispielsweise Walther von der Vogelweide, der als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker dieser Zeit gilt, ein erbitterter Kritiker des Papstes, bedachte gleichzeitig aber auch weltliche Oberhäupter und Würdenträger mit scharfen Spottversen; Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, stand im Dauerkonflikt mit Heinrich II., gegen den er beharrlich „Propagandaschriften“ verfasste, bis er schließlich von dessen Rittern in der Kathedrale von Canterbury ermordet wurde; der Spanier Pedro López de Ayala übt in seinem mehr als 8.000 Verse umfassenden „Reimwerk am Hofe“ äußerst harte Kritik an Papst und Klerus sowie am König und an den Beamten …

Der nach allgemeiner Auffassung größte englische Romancier, Charles Dickens, kritisierte in seinem Werk das viktorianische Gesellschafts- und Staatssystem und tendierte ebenso wenig zur Anbiederung an die Regierenden wie die allermeisten seiner intellektuellen „Kollegen“.

Man denke etwa an Thomas Morus, Jonathan Swift, Rudyard Kipling, G. K. Chesterton, Oscar Wilde, E. M. Forster, Aldous Huxley und George Orwell („all government is evil“). Auch Douglas Murray, einer der führenden britischen Intellektuellen unserer Tage, wäre hier zu nennen.

Und wie stellt sich unsere Intellektuellenfrage im Hinblick auf Frankreich dar? Nun, die Aussage, dass die beiden gegenwärtig wohl einflussreichsten Intellektuellen unseres Nachbarlandes, Michel Houellebecq und Michel Onfray, die Bevölkerung auf den Macronismus einschwören, würde ersteren sicherlich schmunzeln und zum Weinglas greifen und letzteren herzhaft lachen lassen.

Gustave Flaubert, Honoré de Balzac, Louis-Ferdinand Céline, Georges Bataille, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Philippe Muray — um nur einige herausragende intellektuelle Autoren zu nennen — waren weder rückgratlose Diener noch überzeugte Verteidiger der politischen Machthaber ihrer Zeit. Auch Renaud Camus und Alain de Benoist sowie die sogenannten Neuen Philosophen, „Nouveaux philosophes“ wie Alain Finkielkraut, André Glucksmann und Pascal Bruckner lassen sich in keiner Weise als Überwacher der Menschen und Bewahrer der Macht charakterisieren.

Und auch einer der großen italienischen Denker der Gegenwart und überhaupt einer der brillantesten Intellektuellen der westlichen Welt, Giorgio Agamben, ist himmelweit davon entfernt, als systemstabilisierender Handlanger der Politik zu fungieren, was beispielsweise auch für seine ebenso berühmten wie einflussreichen Landsleute Pier Paolo Pasolini und Umberto Eco — einer der entschiedensten Gegner von Silvio Berlusconi — gilt.

Entsprechendes ist für den größten Schriftsteller der spanischen Literaturgeschichte, den Autor des Don Quijote, Miguel de Cervantes, und für die beiden bedeutendsten spanischen Philosophen, José Ortega y Gasset und den außerhalb Spaniens beinahe gänzlich unbekannten Miguel de Unamuno, zu verbuchen.

Begeben wir uns nun ins zaristische Russland! Auch Lew Nikolajewitsch Tolstoi war kein liebedienerischer Stützer der Macht, sondern ein aufgrund seiner Ideen sowohl vom Staat als auch von der Kirche Geächteter, der polizeilich überwacht wurde. Fjodor Michailowitsch Dostojewski wurde aus politischen Gründen zum Tode verurteilt und verbrachte nach einer Scheinhinrichtung mehrere Jahre in einem Straflager in Sibirien. Der größte Dichter Russlands, Alexander Sergejewitsch Puschkin, und auch sein „Vize“ Michail Lermontow hatten den Zarenhof und im Falle Puschkins sogar den Zaren selbst verspottet und wurden deswegen nach Südrussland verbannt.

Was die bolschewistische Sowjetunion anbelangt, wären den Genannten vor allem die als Ausnahmelyrikerin verehrte Anna Achmatowa sowie der überragende Erzähler Iwan Bunin hinzuzufügen, der als erster russischsprachiger Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt. Des Weiteren ist insbesondere auch auf die Vertreter der „Samisdat“-Literatur, der „Selbstverlag“-Literatur“, hinzuweisen, einer systemkritischen, über nichtoffizielle Kanäle verbreiteten Untergrundliteratur, die auch in anderen Ländern des Ostblocks wie beispielsweise in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und in der DDR in nennenswertem Umfang rezipiert wurde. Der bekannteste Name der sowjetischen Samisdat-Literatur ist der Systemkritiker Alexander Solschenizyn mit seinem Hauptwerk „Archipel Gulag“.

Auch jenseits des Atlantiks, in den USA, wollen sich die Intellektuellen partout nicht in das von Professor Otte gezimmerte Prokrustesbett zwängen lassen. Neben unzähligen anderen Namen sind hier vor allem die folgenden Autoren schlagende Beispiele: Henry David Thoreau, einer der größten amerikanischen Schriftsteller und Philosophen, leidenschaftlicher Verfechter des zivilen Ungehorsams und Verfasser des Essays „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“, T. S. Eliot, Mark Twain, Tom Wolfe, Philip Roth, Susan Sontag, Thomas Pynchon sowie der Linguist und Gesellschaftskritiker Noam Chomsky, der ebenso wie der Italiener Giorgio Agamben zu den weltweit angesehensten Intellektuellen zählt.

Wenden wir nun den Blick von Nordamerika in Richtung Süden! Die lateinamerikanischen Schriftsteller sowie überhaupt die Intellektuellen dieses Kontinents gelten insbesondere mit Blick auf das 20. Jahrhundert als in besonderem Maße politisch engagiert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie sich mehrheitlich für die Bewahrung der bestehenden Regierungssysteme einsetzten und das Volk dementsprechend bei der Stange hielten, sondern ganz im Gegenteil.

Ähnlich wie Sartre und seine Mitstreiter in Frankreich bereitete die übergroße Mehrheit von ihnen, die anti-kapitalistisch, sozialistisch orientiert war, jahrzehntelang die Revolution, den Sturz reaktionärer, liberal-kapitalistischer beziehungsweise autokratischer Systeme vor. In den Fällen, in denen dies glückte, wurden sie aber oftmals von den neuen Machthabern über kurz oder lang so sehr enttäuscht, dass sie ihr Engagement aufgaben beziehungsweise sich anderen Ideen zuwandten.

Fassen wir unsere Länder-, Kultur- und Epochengrenzen überschreitende Reise kurz zusammen:

Die Aussage, die Intellektuellen seien schon immer — von seltenen Ausnahmen abgesehen — konformistische Bewahrer der bestehenden Machtverhältnisse, aktive Unterstützer der Regierenden beziehungsweise Überwacher/Einschwörer des Volkes gewesen, ist hanebüchener Unsinn.

Vielmehr zeigen die Intellektuellen im Allgemeinen die Tendenz, die sie auszeichnende Fähigkeit zu eigenständigem und scharfem Denken dazu zu nutzen, das Zeitgeschehen kritisch zu beobachten und zu kommentieren.

Und deshalb ist es ja so erstaunlich, dass sie in der Corona-„Krise“ — wenn wir von punktuellen Ausnahmen wie dem Italiener Giorgio Agamben einmal absehen — so eine erbärmliche Figur abgegeben haben, wofür sich aber durchaus Erklärungen finden lassen (5).

Zum Abschluss sei noch auf ein Phänomen hingewiesen, das der These des machtstabilisierenden Impetus der Intellektuellen ebenfalls eklatant widerspricht, im Rahmen unseres Überblicks aber nicht eigens erwähnt wurde: die Protestliteratur. Ein Beispiel für diese Textgattung ist die von dem französischen Dichter und Philosoph Étienne de La Boétie um das Jahr 1548 verfasste „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“, in der er sich gegen die Monarchie wendet. An einer Stelle betont er, dass man den Herrscher gar nicht umbringen müsse, es würde genügen, wenn man einfach nicht mehr gehorche (6): „Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei!“


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.youtube.com/watch?v=MrFAhZqK0xw
(2) https://docupedia.de/zg/Intellektuelle_und_Intellektuellengeschichte#cite_ref-11
(3) Ebenda.
(4) Volker Michels: „Außenseiter wird man nicht freiwillig“, in: Hermann-Hesse-Jahrbuch, Band 1, Tübingen, Niemeyer, 2004, Seite 37
(5) https://www.rubikon.news/artikel/intellektuelle-bankrotterklarung
(6) Vgl. dazu https://www.deutschlandfunkkultur.de/protestliteratur-frueher-und-heute-aufrufe-zur-revolte-von.1270.de.html?dram:article_id=446890



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Von Veritatis