Was Buchleser in den nächsten Wochen erreichen wird, sind viele Bücher, die einzig wegen des Lockdowns verfasst worden sind. Plötzlich Zeit ohne Ende zu haben als Verführung, ein Buch zu schreiben. Thea Dorn ist es wohl auch passiert, dass ein kreativer Geist nicht stillhalten kann. Die Romanautorin, gewesene Philosophiedozentin, Gastgeberin vom Literarischen Quartett, meldet sich aus dem Lockdown mit Trost. Briefe an Max zurück. Ausgerechnet sie, die 2016 mit Die Unglückseligen (Albrecht Knaus Verlag) einen Roman über die Sehnsucht nach Unsterblichkeit veröffentlicht hat, beschäftigt sich in ihrem neuen Buch mit dem Gegenteil: der Sterblichkeit, die durch Covid-19 auf dramatische Weise in unser Leben gekommen ist.

Eine Frage, und Wut spritzt

Den Hintergrund muss sie nicht erfinden, nämlich die Pandemie, aber das andere schon: die Hauptfigur, eine 40-jährige Feuilletonjournalistin und deren Mutter, die gerade an Corona gestorben ist – und zwar verdammt einsam, nur in der Umgebung der Krankenhausmaschinen. Das Buch will – trotz der aktuellen Umstände und medialen Debatten, die das Thema begleiten – ein Roman sein. Er gibt sich als Briefroman aus, ist es wohl eher nicht, zumindest keiner, in dem Briefe hin und her gehen. Nur Johanna schreibt Briefe. Der Empfänger ist ihr ehemaliger Philosophiedozent Max, der sich auf der griechischen Insel Patmos eingeigelt hat. Ohne Medien weiß er – scheint’s – nur in Umrissen von dem, was auf dem europäischen Festland wütet, nämlich eine Pandemie mit dem Namen Corona. Etwas weltfern schreibt er Anfang Mai vergangenen Jahres auf die Postkarte mit sommerlichem Küstenmotiv an Johanna nur einen einzigen Satz: Wie geht es dir? Weiter nichts.

Für philosophisch geschulte Menschen ist dies kein einfacher Satz. Und für Johanna, deren Mutter an Corona gestorben ist, ist dieser Satz geradezu eine Provokation. Wut spritzt aus Johanna heraus: „Wie barbarisch darf ein Staat werden, der sich so viel darauf zugutehält, ein Rechtsstaat zu sein? Einer Tochter verbieten, bei der sterbenden Mutter zu sein? Die grassierende Staatsräson ist um kein Haar weniger brutal als die von König Kreon, der Antigone verbieten will, ihren toten Bruder zu bestatten. Nur dass unser Staatsfeind Nr. 1 ein Virus ist.“

Die Autorin holt viele LeserInnen genau da ab, wo sie sich mit ihrem eigenen Zorn befinden. Sie erleben eine Bevormundung, die fragen lässt, ob das mit humanen Staatszielen vereinbar ist und nicht Unrecht genannt werden muss. Mit dieser Position beginnt das, was Trost. Briefe an Max wohl im Kern wirklich ist: ein philosophisches Streitgespräch. Es gibt romanhafte Momente wie eine Nacht totalen Ausschweifens gegen jede Lockdown-Regel. Erzählerisch wird uns der Weg Johannas in das Bett eines Unbekannten erspart, zu erleben ist nur der Kater danach. Es gibt ein paar anekdotische Einzelheiten aus dem Leben der Mutter, die Italien liebte und eine Schauspieleragentur betrieb. Heraus kommt glücklich eine Form, in der sich die Schriftstellerin und die studierte Philosophin treffen. Nach dem zornigen Anfangsreflex strebt die Autorin auf den 170 großzügig gesetzten Seiten einer größeren Frage als der nach staatlichem Unrecht zu. Sie will zu einem ganz anderen „Unrecht“: dem Tod als dem größten Unrecht des Lebens.

So wächst ihr Buch über die Aktualitäten hinaus und ist bald weniger eines über die Pandemie als über das Sterben. Leidenschaftlich klagt sie den griechischen Philosophen Sokrates an, der an sich selbst mit dem Schierlingsbecher die Todesstrafe vollziehen musste, und den römischen Philosophen Seneca, der ebenfalls zur Selbsttötung verurteilt war und diese vollzog. Johanna protestiert gegen die stoische Hinnahme des Todes. Der Mensch muss den Tod als größte Beleidigung, die ihm das Leben zufügen kann, hassen und abwehren. Auf der abfallenden Seite dieser Kurve des Zorns erscheint ein ganz anderer Gedanke: Vielleicht ist die Annahme des Todes doch keine Schicksalsergebenheit? Der Weg dahin führt über neue Fragen. Warum heißt „nicht bei Trost sein“, nicht bei Verstand zu sein? Wo gibt es den sprachlichen Zusammenhang? Können wir nicht sterben, weil wir das Leben zu sehr lieben?

Sinn verebbt, Angst steigt

Johanna, die Briefschreiberin, greift den Hyper-Individalismus an, der kein anderes Ziel mehr kennt, als das Leben ad ultimo zu verlängern: „Je weniger Spurenelemente von Sinn dem Tod aber verbleiben, desto größer wird die Angst vor ihm.“ Aber Angst hat nicht das letzte Wort. Thea Dorn demaskiert den gesteigerten Individualismus im Moment der Todesangst: „Ergo: Ist unser Leben bedroht, zwingt uns unser Individualismus, unseren Individualismus preiszugeben.“

Nun mögen Philosophen dies schon gedacht haben – was ist nicht schon alles gedacht –, aber im Zusammenhang mit der Pandemie-Diskussion, die Thea Dorn in schriftstellerische Fahrt gebracht hat, ist dieses Ergo überzeugend und hilfreich. Freilich bedeutet es gegenüber dem Buchanfang einen Salto.

Es ist in der Literatur immer schwierig, am Ende einer Geschichte ein Anderer zu sein als am Anfang. Das klingt nicht nach Leben, sondern nach Absicht des Autors. Thea Dorn geht dieses Wagnis ein. Und besteht es. Einzureihen ist Trost. Briefe an Max nicht in die Kategorie Roman, sondern ist als etwas anderes anzuerkennen: als äußerst temperamentvoller, kluger Diskurs mit keinesfalls abgenutzten Gedanken. Ein Text, der Corona in die Gegenwartsliteratur aufnimmt: als existenzielle Prüfung unseres grenzenlosen Selbstverständnisses.

Trost. Briefe an Max Thea Dorn Penguin Verlag 2021, 176 S., 16 €



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Von Veritatis