Der ZDF berichtete am 1. November 2020, dass der Begriff „Rasse“ endgültig aus dem Grundgesetz gestrichen werden solle. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht erklärte in einem Interview mit dem Sender, dass die Bundesregierung die Streichung unterstütze. Es bestünde „völlige Einigkeit darüber, dass es keine unterschiedlichen Menschenrassen gibt.“ Das Bundesjustizministerium hat nun Anfang des Monats einen konkreten Vorschlag veröffentlicht. Er sieht vor, den Begriff „Rasse“ in Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes durch „aus rassistischen Gründen“ zu ersetzen, um speziell von Rassismus betroffenen Personen Schutz vor Diskriminierung zu bieten. Der Vorschlag wurde am 3. Februar 2021 zur Diskussion online gestellt. Als Ethnolog*innen der Universität Heidelberg begrüßen wir die Streichung des Begriffes „Rasse“ aus dem Grundgesetz. Wir halten diesen Schritt für absolut notwendig, da er wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung trägt und dafür sorgen wird, dass die Verwendung des Begriffes in verschiedenen gesellschaftlichen Diskursen endlich aufhört. Wir unterstützen die Suche nach einem adäquaten rechtlichen Begriff, um Diskriminierung zu ahnen. Ein Fortbestand des Begriffs „Rasse“ im Grundgesetzt halten wir für unhaltbar.

Wir sprechen uns entschieden gegen jegliche Verwendung des Begriffes „Rasse“ für die Beschreibung menschlicher Unterschiede aus. Die Kategorie „Rasse“ ist nicht nur menschenverachtend, sondern auch unwissenschaftlich. Grundannahmen sowie Praxis der modernen Ethnologie sind unvereinbar mit dem Konzept „Rasse.“ Eine Einteilung von Menschen in „Rassen“ ist laut aktueller Forschung in den Naturwissenschaften biologisch und genetisch nicht haltbar. Erkenntnisse in den Sozialwissenschaften zeigen zudem, dass das Wort „Rasse“ nicht von rassistischen Kategorisierungen und Bedeutungen getrennt werden kann. Das im Englischen häufig verwendete Wort „race“ sollte des Weiteren nicht mit „Rasse“ übersetzt werden, da die Wörter „Rasse“ und „race“ nur in historisch und kulturell spezifisch markierten Zusammenhängen verstanden werden dürfen. Sie sind sozio-kulturelle Konstrukte und sollten als solche gekennzeichnet werden.

Als praktizierende Ethnolog*innen fühlen wir uns der langen Tradition einer anti-rassistischen Ethnologie verpflichtet. Diese Ethnologie lehnt die Kategorie „Rasse“ als Unterscheidungskriterium für Menschen ab. Vom 18. bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es leider auch in der Ethnologie durchaus üblich, Populationen von Menschen als unterscheidbare „Rassen“ zu verstehen und diese in Evolutionsmodellen über- und untereinander anzuordnen. Allerdings regte sich gegen diesen „wissenschaftlichen Rassismus“ mit verheerenden gesellschaftlichen Konsequenzen schon früh Widerstand. So stellte sich Franz Boas (1858 – 1942), einer der Gründer der modernen Ethnologie, wissenschaftlich fundiert und öffentlich vehement gegen die Idee von biologischen „Menschenrassen“ sowie gegen „evolutionistische“ Ansätze, die Kulturen nach Entwicklungsstufen hierarchisierten. Inzwischen ist die Idee, dass es biologisch verschiedene menschliche „Rassen“ gibt, unbestreitbar widerlegt.

Ein Produkt des Kolonialismus

In seiner Nachfolge haben eminente Ethnolog*innen wie Ruth Benedict oder Claude Lévi-Strauss bereits in den 1940ern und 1950ern auf internationaler Ebene gegen das Konzept argumentiert. In allen relevanten Wissenschaftsdisziplinen ist seit langem anerkannt, dass Menschen unabhängig von ihrer Herkunft oder Hautfarbe die gleichen Fähigkeiten, Sprachen und Ausdrucks- und Verhaltensweisen erlernen können. Unterschiede bei Verhalten und Charakter sowie unterschiedliche Fähigkeiten können nicht auf vermeintliche biologische Unterschiede zwischen menschlichen Populationen zurückgeführt werden. Vielmehr werden diese von zahlreichen Faktoren wie Erziehung, dem sozialen und kulturellen Umfeld, persönlichen Erfahrungen, familiären Faktoren und vielem mehr geprägt. Die Grundannahme der modernen Ethnologie ist deshalb die fundamentale Gleichheit von Menschen aus allen Gesellschaften. Daraus resultiert auch die Verpflichtung, mit allen Forschungsteilnehmer*innen respektvoll und ehrlich umzugehen und andere Gesellschaften und soziale Gruppen als gleichwertig anzusehen. Das Konzept der „Rasse“ ist ein Produkt des Kolonialismus und trägt in sich die fundamentale Annahme der Nicht-Gleichwertigkeit. Es kann deshalb in der Ethnologie sowie in der Zivilgesellschaft allgemein keinen Platz haben.

Die Einteilung von Menschen in verschiedene „Rassen“ kann nicht von rassistischen Ideologien und ihren Weltanschauungen getrennt werden. „Rasse“ ist keine natürliche Tatsache, die erst im Nachhinein kulturell bewertet wird. „Rasse“ ist selbst eine kulturelle Erfindung. Menschen werden nicht aufgrund ihrer „Rasse“, sondern wegen ihrer „Hautfarbe“, ihres Namens, ihres Akzentes, ihrer Religionszugehörigkeit, ihres Geburtsortes, ihrer Kleidung, oder anderer körperlicher, kultureller oder sozialer Merkmale diskriminiert, die von den Diskriminierenden mit „Rasse“ oder „Herkunft“ in Verbindung gebracht werden. Wir lehnen es daher ab, von der Diskriminierung von „Rassen“ zu sprechen. Rassist*innen ordnen menschliche Diversität willkürlich verschiedenen „Rassen“, „Völkern“ oder „Kulturen“ zu und bewerten Menschen dann auf der Basis dieser konstruierten Wirklichkeit. Genau deshalb stellt die Verwendung der Kategorie „Rasse“ einen Schritt in die falsche Richtung dar. Wer Menschen in „Rassen“ einteilt, um gegen Diskriminierung vorzugehen, übernimmt unbewusst oder bewusst spaltende Kategorisierungen, die von Rassist*innen erfunden wurden. Damit reproduziert er oder sie die Kernannahme aller rassistischen Ideologien – nämlich, dass es objektiv identifizierbare, menschliche „Rassen“ gibt. Die Unterteilung von Menschen in „Rassen“-Kategorien und ihre Ungleichbehandlung aufgrund „rassischer“ Merkmale hängen deshalb zusammen. Sie sind demnach beide auf das schärfste zu verurteilen.

Die weit verbreitete Annahme, dass es biologisch verschiedene „Menschenrassen“ gibt, wurde wissenschaftlich widerlegt. Die genetische Variation innerhalb von Populationen von Menschen ist immer größer als die genetische Variation zwischen Populationen. Etwa 94 Prozent aller physisch-genetischen Variation bei Menschen finden sich innerhalb von Populationen und nicht zwischen ihnen. Phänotypische Unterschiede zwischen Populationen, beispielsweise die Hautfarbe, sind genetisch und physiologisch betrachtet oberflächliche Unterschiede. Diese oberflächlichen Unterschiede bei physiologischen Merkmalen lassen keine kohärente Einteilung in „Rassen“ zu. Eine Unterteilung von Menschen in bestimmte „Rassen“ ist immer willkürlich und wissenschaftlich nicht haltbar. Insbesondere existiert keine Korrelation zwischen physiologischen Eigenschaften, Charaktereigenschaften und spezifischen „Kulturen“. Kultur ist immer erlernt. Die Zuordnung eines Menschen zu einer vermeintlichen „Rasse“ ist deshalb nicht durch Biologie oder Genetik begründet. Vielmehr basiert sie auf einer willkürlichen Zusammenschau von oberflächlichen Merkmalen.

„Rasse“ und „race“

Wenn in anderen Ländern Menschengruppen in „Rassen“ eingeteilt, hat dies historische und politische Gründe. Wir weisen zudem darauf hin, dass das US-amerikanische Wort „race“ und der deutsche Begriff „Rasse“ nicht die gleiche Bedeutung haben. Zunächst ist das Wort „Rasse“ untrennbar mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus verbunden. Es sollte deshalb unter keinen Umständen als beschreibende Kategorie für Menschen verwendet werden. Der Begriff „Rasse“ ist in seiner nationalsozialistischen Verwendung nicht primär an Hautfarbe oder fremde Herkunft geknüpft. Er wurde benutzt, um Menschen als vermeintlich biologisch und charakterlich „überlegen“ oder „minderwertig“ zu kategorisieren. Die Einteilung bildete die Grundlage für die massenhafte Ermordung von Juden oder als jüdisch kategorisierten Menschen sowie von Sinti und Roma bzw. Sinti*zze und Rom*nja. Mit dem Konzept der „Rassenhygiene“ wiederum rechtfertigte der Nationalsozialismus die Ermordung von Personen mit Behinderung und homosexuellen Menschen. Aber schon vor dem Nationalsozialismus spielten Rassismus und das Rassenkonzept in der deutschen Kolonialgeschichte und den damit verbundenen Verbrechen, z.B. in Namibia, eine große Rolle. Primär steht das Konzept „Rasse“ in Deutschland deshalb in Verbindung mit Nationalsozialismus, Kolonialismus, Rechtextremismus, Fremdenfeindlichkeit und der Unterscheidung von wertem und unwertem Leben.

Der Begriff „race“ ist auf ähnliche Weise mit furchtbaren Taten und Ideologien verbunden und sollte bei seiner Verwendung deshalb immer kritisch kontextualisiert werden. Aber anders als in Deutschland stellt „race“ in den USA eine sozio-kulturelle Kategorie dar, mit der im allgemeinen Sprachgebrauch und selbst in offiziellen Erhebungen verschiedene Gruppen von Menschen unterschieden werden. „Race“ ist daher keine biologische, wohl aber eine sozialstrukturelle Tatsache. Bei der sozial- und kulturwissenschaftlichen Darstellung der US-Gesellschaft muss „race“ daher berücksichtigt werden. Dabei verweist der Begriff vor allem auf die Unterscheidung zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“. Dennoch ist das Konzept „race“ im englischen Sprachraum noch immer mit falschen Vorstellungen von biologischer Differenz konnotiert (z.B. Hoffman et al. 2016).

„Race“ und „Rasse“ sind deshalb keine Synonyme. „Race“ sollte nicht mit „Rasse“ übersetzt werden, sondern auch im Deutschen weiterhin als „race“ in Anführungszeichen zitiert werden. Denn „race“ – genau wie „Rasse“ – ist keine universale, analytische Kategorie, sondern muss als gesellschaftsspezifisches, sozio-kulturelles Konstrukt behandelt werden.

Im Zuge der Streichung des Begriffes „Rasse“ aus dem Grundgesetz, empfehlen wir, die Verwendung des Begriffs „Rasse“ auf historisch und kulturell spezifisch markierte Zusammenhänge zu beschränken. Ebenso, wie sich die US-Gesellschaft nicht ohne den Begriff „race“ beschreiben lässt, sind auch die grausamen Taten des Nationalsozialismus, des deutschen Kolonialismus sowie deutscher Rechtsextremisten ohne die Erfindung von „Rassen“ nicht denkbar und darstellbar. Aber es handelt sich hierbei um ein historisches und kulturell spezifisches Wort, das nur in seinem jeweiligen Kontext eine Bedeutung hat. Daher empfehlen wir den Begriff „Rasse“ nur dann zu verwenden, wenn wir seine gesellschaftliche Bedeutung untersuchen und wenn wir Ungerechtigkeiten, die in seinem Namen begangen worden sind oder noch geschehen, aufdecken wollen.

In diesem Schreiben haben wir uns zur Verwendung des Wortes „Rasse“ positioniert und nicht zu verwandten Themen wie Rassismus oder sozialer Ungleichheit und ihren negativen Folgen allgemein. Gegen die Benachteiligung, Ausgrenzung und Unterdrückung von Menschen sowie gegen rassistisch motiviert physische Gewalt wird aber ein wichtiges Signal gesendet, wenn die falsche und fiktive Unterscheidung der Menschen nach „Rasse“ endlich beendet ist.

Auma, M.M. 2017. Rassismus. Bundeszentale für politische Bildung. https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/223738/rassismus

Benedict, Ruth 1947 (1940) Die Rassenfrage in Wissenschaft und Politik. Bergen: Müller & Kiepenheuer. (zuerst: Race: Science and Politics)

Ergün-Hamaz, M. 2016. Doing Race. Wie werden Menschen zu „Anderen“ gemacht? In: Fereidooni K., Zeoli A. (eds) Managing Diversity. Springer VS, Wiesbaden: 19-33.

Fischer, M.S., U. Hoßfeld, J. Krause, S. Richter 2019. Jenaer Erklärung: Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung. Universität Jena. https://www.uni-jena.de/190910_JenaerErklaerung

Gugel, G. 2017. Alltäglicher Rassismus. Doppelseitiges Arbeitsblatt im Abreißblock (31 Stück) und Hinweise für den Einsatz im Unterricht. Bundeszentrale für politische Bildung (Themenblätter im Unterricht/Nr. 110). https://www.bpb.de/shop/lernen/themenblaetter/224136/alltaeglicher-rassismus

Lévi-Strauss, Claude 1972 (1952) Rasse und Geschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp. (zuerst: Race et Histoire. Auch enthalten in: Claude Lévi-Strauss: Strukturale Anthropologie II. Berlin: Suhrkamp.)

Paál, G. 2020. Warum gibt es keine „Menschenrassen“ – Tierrassen gibt es doch auch? SWR Wissen. https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/warum-gibt-es-keine-menschenrassen-tierrassen-gibt-es-doch-auch-100.html.

Balkenhol, Michael, Katharina Schramm 2019 (eds.) Special Section on Race in Europe. Social Anthropology 27,4.

Blakemore, E. 2019. Race and Ethnicity: How are they different? Online abrufbar unter:

https://www.nationalgeographic.com/culture/topics/reference/race-ethnicity/

Kolbert, E. 2018. There’s no Scientific Basis for Race – It’s a Made-Up Label. National Geographic.

https://www.nationalgeographic.com/magazine/2018/04/race-genetics-science-africa/



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Von Veritatis