So also geht Wahlkampf in Zeiten der Pandemie. Der Grünen-Politiker Andreas Schwarz sitzt in seinem Fraktionsvorsitzendenbüro im Stuttgarter Haus der Abgeordneten mit Drahtlos-Earphones und hört stundenlang vor allem zu: LandrätInnen, die sich für die Naturparks im Südwesten starkmachen, einer sozialpolitischen Runde, die viele Themen von Corona bis Flüchtlingsintegration an ihn heranträgt; später geht es um die Wiederbelebung der Innenstädte nach der Pandemie oder die Bedeutung des Dialekts in der globalisierten Welt. Das ärgert die Schwarzen besonders, wie die Grünen ausgerechnet dieses Thema besetzt haben, gehört Heimat doch zum Markenkern der Union. Und der bundesweit berühmteste Image-Slogan eines Landes „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ geht auf einen der Ihren, auf Erwin Teufel, zurück.

Aber die Zeiten haben sich geändert seit Ende der Neunziger. „Wir haben viele Chancen“, sagt Schwarz mit Blick auf den 14.März in einer der kurzen Pausen des Bildschirmmarathons, „weil wir vieles vorweisen können.“ Schon nach dem Wahlsieg 2016 hatte Winfried Kretschmann die Grünen zur neuen Baden-Württemberg-Partei erklärt. Die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie schreitet tatsächlich voran, wenn mehr Geld in den Schienen- als in den Straßenbau fließt, wenn mit Förderprogrammen Milliardeninvestitionen zur energetischen Sanierung von Fabrikbauten, Geschäfts- und Wohnhäusern angestoßen und Volksabstimmungen erleichtert werden, wenn Naturschutz wie Biodiversität ins landespolitische Zentrum rücken oder der Wärme- und Verkehrssektor deutschlandweit CO₂-bepreist ist. Zusammen mit Kalifornien hat Baden-Württemberg unterhalb der Ebene der Nationalstaaten die Under2-Koalition zur Begrenzung der Erderwärmung gegründet, der inzwischen 220 Regionen beigetreten sind, die für 1,3 Milliarden Menschen und rund 43 Prozent der Weltwirtschaft auf sechs Kontinenten stehen. Mit einem Wort: Grüne Ideen schrecken niemanden mehr in den Chefetagen der Global Player, der Hidden Champions oder der Mittelständler, für die früher das Kreuz hinter der FDP oder CDU sich von selbst verstand.

Weder Lyrik noch Blasmusik

Schwarz weiß genau, dass das Dauerhoch der Grünen vor allem Kretschmann zu verdanken ist. Also hatte der 41-Jährige bisher kein Problem mit seinem Stammplatz im Schatten des beliebten Ministerpräsidenten. Allerdings, seit dem 12. Februar ist manches anders: Winfried und Gerlinde Kretschmann machten eine Brustkrebserkrankung öffentlich, der Fraktions- nimmt dem populären Regierungschef einige Termine ab, damit der seiner Frau beistehen kann. Großveranstaltungen mit dem Landesvater gibt es ohnehin keine, wegen Corona.

Der ungeplante, verstärkte Einsatz im Wahlkampf ist für den bundesweit eher unbekannten Wirtschaftsjuristen kein Problem, denn Schwarz verfügt über große landespolitische Erfahrung. Nach zehn Jahren im Kirchheimer Gemeinderat zog er 2011 mit 23 Prozent in den Landtag ein, sattelte 2016 sieben Prozent drauf, wurde daheim Wahlkreiskaiser und in Stuttgart geräuschlos Fraktionschef. Der digitale Wahlkampf liege ihm, sagt er. Redenschwingen ist hier nicht gefragt und Polemik fehl am Platze, wenn alle Beteiligten in eine Kamera sprechen und Gesprächspartner auf Briefmarkengröße schrumpfen. Deutlich komprimierter seien die Termine, weiß er nach ungezählten virtuellen Erfahrungen, „deshalb fällt die Lyrik weg, aber auch die Stimmung, die Empathie und der Dank“.

Und die Blasmusik. Gerade die CDU wäre am Aschermittwoch zur Hochform aufgelaufen. Stattdessen hat Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann eine Diskussion über verunglückte Sprüche auf ihren Großflächenplakaten am Hals („Wollen wir nicht alle beschützt werden?“ oder „CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit der Ausrüstung von morgen jagen“). Die 56-jährige Stuttgarterin kämpft nach wie vor mit niederschmetternden Persönlichkeitswerten. Laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen gäben bei einer Direktwahl 60 Prozent der CDU-Anhänger dem Grünen Kretschmann ihre Stimme, nur 22 Prozent der eigenen Kandidatin. Obendrein haben sich SPD und FDP immer wieder und ziemlich unverblümt in ihren Talks und Tweets, Podcasts oder Postings gegen eine CDU-geführte Koalition entschieden. Anders als vor fünf Jahren, als die FDP partout nicht mitmachen wollte, würden die Liberalen in ihrem Stammland diesmal gemeinsam mit den gerade noch zweistelligen Sozialdemokraten den Grünen in den Sattel helfen.

Auf Gerlinde Kretschmanns Erkrankung reagiert Eisenmann mit Empathie: „Es gibt Momente, in denen die Politik in den Hintergrund rückt.“ Trotzdem rauchen in der CDU-Geschäftsstelle die Köpfe. Hauptfrage: Wie kann es gelingen, zu verhindern, dass die CDU auf die dritte Wahlpleite in Folge zusteuert?

Die erste Hoffnung, künftig die Ministerpräsidentin zu stellen, war bereits im vergangenen Herbst zerstoben. Der Wahlkampfmanager der Schwarzen, Generalsekretär Manuel Hagel, und die Seinen freuten sich mächtig, als die neue Klimaliste Baden-Württemberg über den Horizont zog. Ihre Kandidat:innen wollen den Grünen so richtig Ärger machen mit ihrer bissigen Kritik an der „Kretschmannisierung“ der Umweltpolitik und deutlich radikaleren Forderungen beim Thema Erderwärmung. Bei der Landtagswahl vor fünf Jahren waren etwa 20 der 70 Mandate besonders hart umkämpft. Sie fallen nach Baden-Württembergs eigensinnigem Ein-Stimmen-Wahlrecht direkt an die jeweils stimmenstärksten Bewerber. Schlussendlich eroberten die meisten davon die Grünen. Die CDU will nun wenigstens einige davon zurückholen und baute dabei vor allem auf die Konkurrenz im Öko-Lager. Doch in allen Umfragen findet sich die Klimaliste seitdem nur in der Kategorie „Sonstige“ wieder. Weil ein Teil der Klimaliste den Schwarzen doch nicht in die Hand spielen wollte, spaltete sich zudem der Vorstand. Und die Kleinpartei, die viele junge Leute, gerade aus der Fridays-for-Future-Bewegung, mit viel Leidenschaft weiter vorantreiben wollen, steht immer noch ohne Wahlprogramm da: Der entscheidende digitale Parteitag musste aus technischen Gründen abgebrochen werden.

Die zweite Hoffnung, den Wahlkampf doch noch zu drehen, poppte am vergangenen Wochenende auf. Der Chef der Grünen-Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, hatte im Spiegel-Interview eine eigentlich simple Wahrheit verkündet: „Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr.“ Das Interview weckte Erinnerungen an die Forderung der Grünen nach einem fleischlosen „Veggie-Day“. Einige Strategen der politischen Konkurrenz schlugen sofort zu. „Ich erwarte von den Grünen in Baden-Württemberg, dass sie das von ihrem Parteifreund Hofreiter geforderte Verbot von Einfamilienhäusern verbindlich ablehnen“, plustert sich FDP-Landeschef Michael Theurer auf. Schade nur, dass Hofreiters Forderung auch von Fachleuten unterstützt wird. „Einfamilienhäuser verbrauchen schlicht zu viel Bauland je Einwohner, das ohnehin sehr knapp ist“, kommentierte zum Beispiel Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, „das Gebot der Stunde heißt deshalb: nicht noch mehr Fläche verbauen.“

Modell Müntefering?

Bleibt noch der Versuch der CDU, dem 72-jährigen Kretschmann, der in diesen Tagen ohne den üblichen akkuraten Bürstenschnitt und mit privaten Sorgen zerzauster und gebeugter als sonst daherkommt, eine Debatte über seine Nachfolge ans Bein zu binden. „Ob er darüber nachgedacht hat, es wie einst Franz Müntefering zu machen, wird vorerst sein Geheimnis bleiben“, spekulierte sogar die eigentlich zur Neutralität verpflichtete Nachrichtenagentur dpa, „der SPD-Mann war 2007 als Vizekanzler und Arbeitsminister zurückgetreten, um seiner damaligen krebskranken Frau beizustehen.“ Bei ihren vielen digitalen Terminen säen CDU-WahlkämpferInnen seit Wochen Zweifel, ob der Ministerpräsident seine Ankündigung wahrmacht, bei einer Wiederwahl tatsächlich die ganze Legislaturperiode bis 2026 im Amt zu bleiben.

Ob diese Strategie beim Wähler zieht, darf bezweifelt werden. 2016 hatte sich die Junge Union in die Nesseln gesetzt mit dem alsbald zurückgezogenen Slogan „Kretschmann wählen bedeutet Özdemir bekommen“. Und fünf Jahre zuvor durfte schon der damalige CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus erleben, wie dünn das Eis wird für Strategen, die vermeintliche Vorteile gegen den als verlässlich und bodenständig geschätzten Grünen nutzen wollten: Die persönlichen Attacken auf ihn trugen dazu bei, dass die CDU nach 58 Jahren ununterbrochenen Regierens auf den harten Bänken der Opposition landete.

Andreas Schwarz ficht das alles nicht an. Natürlich kennt auch er die in Baden-Württemberg geltende Regel, nach der seit Lothar Späth in den 80er Jahren noch jeder Ministerpräsident zuvor Fraktionschef gewesen ist. Aber er konzentriert sich ganz auf den laufenden Wahlkampf, klärt vor dem Computerbildschirm sitzend mit seinem Wahlkreisbüro Kampagnendetails und Interviewtermine ab. Dann bereitet er sich auf die Veranstaltung zum Dialekt vor. Das passt zu dem, wofür die Grünen weiter stehen wollen: Bewährtes transformieren ins dritte Jahrtausend. Seinen Gesprächspartner kennt er seit mehr als 20 Jahren. Der trägt einen bekannten Namen, will noch größeren Fußstapfen jedoch ausweichen. Er heißt Johannes Kretschmann, hat Religionswissenschaften und Linguistik studiert, schwätzt Schwäbisch wie der Vater und hat den Start in seinen ersten Wahlkampf noch vor sich: Im September will der 41-Jährige in den Deutschen Bundestag gewählt werden. „Wir“, sagt der Fraktionschef und schmunzelt, „wir sind die nächste Generation.“ Auf dem Flur zu seinem Büro hängen viele alte Plakate aus den vier Jahrzehnten, die die Grünen nun schon im Stuttgarter Landtag sitzen. Ein Spruch ist heute sogar noch aktueller als damals: „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.“

Johanna Henkel-Waidhofer lebt und arbeitet als freie Journalistin in Stuttgart



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Von Veritatis