Er war der angesehenste Marschall des französischen Kaiserreichs, hochgewachsen, mutig und hübsch ritt er auf seinem prunkvollen Rotfuchs stets vorneweg. In Madrid und Rom, bei Wien und vor Moskau, auf preußischen und polnischen Ebenen hat er für die Nation – und den eigenen Ruhm – gekämpft. Jetzt sitzt Joachim Murat, einst stolzer König von Neapel, in der Zelle in einem kleinen italienischen Dorf seines einstigen Königreichs (das den halben Stiefel umfasst hat) und wartet auf seine Hinrichtung.

In Frankreich kennt jeder die Feldzüge und Eroberungen Napoleon Bonapartes, sie sind Schulstoff; und so mancher kennt vielleicht noch die Namen der Günstlinge Napoleons, denen er Titel und Königreiche geschenkt hat. Napoleons Schwager, der Marschall Joachim Murat, war so ein Günstling. „In der gesamten Geschichte gibt es wenige Beispiele für einen so rasanten Aufstieg und einen so vollständigen Fall wie seinen“, schreibt François Garde – wenn man vom „General en Chef“ absieht, der, glaubt man dem Autor des Romans Der gefangene König, viele seiner Siege diesem feschen Gastwirtssohn verdankt.

Die Sonne ist gleißend, die Gegend armselig, die von Wärme zitternde Luft, ein großzügiges Feuer, das hassverzerrte Gesicht, leuchtende blaue Augen – Der gefangene König ist ein Fest für Liebhaber edler Männer und abgedroschener Adjektive. „Pistolenkugeln sind ihm um die Ohren gepfiffen und haben seine Kleider durchlöchert, seine Pferde wurden unter ihm getötet.“ Liebhaber von Landserliteratur kommen ebenso auf ihre Kosten wie Freundinnen langer Beschreibungen von luxuriöser Kleidung und ausgefallenem Schmuck. François Garde hat seinen Roman als fiktives Selbstgespräch angelegt. Darin denkt Murat nicht nur an seine Größe, sondern auch an die Demütigungen und Kränkungen, mit denen sein Schwager ihm die Grenzen seiner Macht vorgeführt hat. Und er denkt an Caroline, die er aus taktischen Gründen geheiratet hatte. Sie überstrahlt alle Frauen, zieht alle Männer in ihren Bann und erweist sich sogar als geschickte Diplomatin. Als Napoleon ihren Gatten wieder einmal erniedrigt hat, bleibt sie „reglos am Fenster stehen und glättet mit der Hand das Spitzendeckchen auf der Rückenlehne eines Sessels“.

„Nie hat er es geschafft, den Schatten seines Schwagers zum Verschwinden zu bringen“, und doch liebt er ihn. Als er nach Napoleons Sturz mit den Österreichern verhandelt, um sein Königreich für sich zu retten, leidet er ob des Treuebruchs und erkennt: „Der Ruhm ist überall und das Glück nirgends.“ Als der gestürzte Kaiser von Elba flieht und auf Paris zumarschiert, setzt er aufs falsche Pferd. Er träumt von der Rückeroberung nicht nur seines Königreichs, sondern ganz Italiens. Jubel und Feuerwerk würden ihn geleiten; Caroline wird zu ihm aufsehen, „endlich wird sie ihn grenzenlos bewundern“.

Die politischen Umbrüche, von denen das Schlachtgetümmel begleitet war – bürgerliche Gleichheit, Freiheit, Abschaffung der Feudalrechte, Reform von Verwaltung und Gerichtsbarkeit et cetera rücken bei Garde in den Hintergrund, aber es fehlt nicht an staatsmännischen Einsichten. „Die Macht ist kein sicherer Weg zum Glück“, sinniert Murat oder: „Ein starker Anführer und eine stabile Regierung sind unentbehrlich.“

Manche Passage liest sich wie ein Parteiprogramm, vielleicht weil Garde ein Zögling der berühmten Kaderschmiede ENA und hoher Verwaltungsbeamter war. Das Ende naht und Murat beschließt: „Sein Tod wird würdevoll sein und er wird sich seines Todes würdig erweisen.“ Thematisch passt der Roman als Auftakt in das Napoleon-Jahr. Für Deutschland, wo man Napoleon primär als Bösewicht kennt, wären zumindest ein paar erläuternde Anmerkungen sinnvoll gewesen.

Der gefangene König François Garde Thomas Schultz (Übers.), Beck Verlag 2021, 335 S., 23 €



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Von Veritatis