Es sind nicht nur die Bilder der brennenden Türme des World Trade Center, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, sondern auch der Satz: „Es wird nichts mehr so sein, wie es war.“ Der Islamwissenschaftler, Übersetzer und Publizist Stefan Weidner beschäftigt sich in Ground Zero: 9/11 und die Geburt der Gegenwart mit der Frage, wie die Welt hätte werden können, wenn die USA unter der Präsidentschaft von George W. Bush auf die islamistischen Terroranschläge vom 11. September 2001 nicht mit dem „Krieg gegen den Terror“ geantwortet hätten.

„Von heute aus gesehen, hat der arabische Terroristenführer bin Laden fast alle seine Ziele erreicht“, schreibt der Autor. Er habe den von ihm angezettelten Krieg gegen „den Westen“ gewonnen, dieser „Westen“ sei nicht wiederzuerkennen. „Er taugt in seinem gegenwärtigen Zustand nicht mehr als glaubwürdiges globales Orientierungsmodell, als das er sich vor 9/11 aus nachvollziehbaren Gründen verstanden hat.“ Das proklamierte Selbstverständis des „Westens“ lautet: Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, universalen Menschenrechten und zum Multilateralismus. Der Anschlag, der in diesem Jahr seinen 20. Jahrestag hat, traf allerdings einen „Westen“, der seiner aus Zeiten des Kalten Krieges stammenden Verheißung von Freiheit und Wohlstand nach dem Wegfall des Systemvergleichs immer weniger gerecht werden wollte. Den Begriff des Westens setzt Weidner stets in Anführungsstriche, eine essenzialistische oder identitäre Sichtweise liege ihm fern, sagt er. Weidner sieht sich in der Tradition der Aufklärung. Neu ist die Erzählung von der „Entzauberung des Westens“ nicht, seit der Wahl von Donald Trump avancierte sie zur beliebten Schlagzeile. Weidner selbst verweist auf das Motto der Münchner Sicherheitskonferenz im vorigen Jahr: „Westlessness“. Eine Wortschöpfung, mit der die Veranstalter vermutlich ihre geopolitische Sinnkrise illustrieren und zugleich therapieren wollten.

Die „Achse des Bösen“

Der „Krieg gegen den Terror“ verpasste dem Image der transatlantischen Wertegemeinschaft empfindliche Kratzer. Guantánamo, Abu Ghraib, die Behauptung, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, die Entscheidung für strategisch Verbündete im Krieg gegen „Schurkenstaaten“, die selbst die Kriterien für diesen Begriff erfüllten, ließen die Parole vom „Kampf gegen die Achse des Bösen“ hohl wirken. Weidner beschreibt die Machtkonstellationen im Nahen Osten, die unterschiedlichen Phasen der Kriege im Irak und in Afghanistan, das Scheitern im Partisanenkrieg gegen die Taliban. Er skizziert die Zusammenarbeit mit Warlords und den Wandel der Nation-Building-Konzepte.

9/11 sei das „Geburtstrauma des 21. Jahrhunderts“, „der Urknall der Welt“, diese These nimmt Weidner durchaus wörtlich. Die gesamte weltpolitische Entwicklung wird mit einem Tunnelblick aus der Perspektive von Ground Zero betrachtet. Der „Krieg gegen den Terror“ und dessen Folgen und Rückkopplungen hätten andere wichtige Themen von der Tagesordnung verdrängt, schreibt Weidner. Und so sieht er nicht nur ein Klima von Hass und Intoleranz als Folge von 9/11, was naheliegend ist, sondern auch die immer weiter auseinanderdriftende Schere zwischen Arm und Reich und die Zerstörung von Klima und Umwelt. Allerdings unterläuft er diese These selbst, wenn er später interpretiert, dass 9/11 für Neocons wie Bush und Dick Cheney eine Gelegenheit war, um die Stimmung der US-Bevölkerung in Richtung „neokonservativer Werte“ zu drehen, die globalisierungskritische Bewegung, die 1999 in Seattle noch für internationale Furore sorgte, mit der Einschränkung von Bürgerrechten durch den Patriot Act lahmzulegen und Neoliberalismus und Freihandel auszuweiten. Weidner beschreibt, wie eine „aggressive Wirtschaftspolitik“ als „Mittel gegen den Terrorismus“ empfohlen wurde und 9/11 dazu beigetragen habe, demokratische und rechtsstaatliche Kontrollen der Weltwirtschaft weiter abzubauen. Wenn die USA, wie Weidner suggeriert, den ersten beiden Jahrzehnten unseres 21. Jahrhunderts den Stempel aufgedrückt haben, dann läuft die Überlegung, dass die politische Aufmerksamkeit für andere Themen durch den „Krieg gegen den Terror“ abgelenkt wurde, ins Leere. Die Bekämpfung sozialer Ungleichheit und Klimapolitik gehörten noch nie zum Repertoire einer turbokapitalistischen Agenda. Einleuchtend ist hingegen seine Beobachtung, dass der Globalisierungskritik ein rechtes Framing unter dem Label „Globalismus“ verpasst wurde, bei dem ein Zusammenhang mit 9/11 und dem global agierenden islamistischen Terrorismus besteht. Osama bin Laden hat „den Westen“ wohl nicht besiegt, aber die Diagnose, dass sich viele westliche Demokratien in schlechtem Zustand befinden, trifft zu. Weltweit konnte man den Aufstieg antidemokratischer rechtsextremer Parteien beobachten, die 9/11 als Legitimation für rassistische Stereotype anführten. Die Kritik am „politischen Islamismus“ wurde immer mehr zur Kritik an „dem Islam“ und „den Muslimen“. Das ist in etwa so, als würde man Christen mit Ku-Klux-Klan-Anhängern gleichsetzen. Im Zuge der Flucht vor den Bürgerkriegen im Nahen Osten steigerten sich Hass und Hetze gegen Geflüchtete. Weidner will mit seinem Essay „Denkanstöße“ setzen, das bleibt im Hinterkopf, wenn man über Sätze wie diesen stolpert: „Höchstwahrscheinlich hätten die Anschläge von 9/11 auch stattgefunden, wenn Al Gore die Wahl gewonnen hätte.“ Er stellt die These auf, dass die USA wohl auch unter dem Präsidenten Gore einen Krieg gegen Afghanistan geführt, aber keine Irak-Invasion gestartet hätten. So sympathisch die Verheißung der vom Autor anskizzierten US-amerikanischen Öko-Präsidentschaft ist, der Oberste Gerichtshof erklärte nicht Al Gore, sondern Bush zum Wahlsieger. Der Hinweis, dass Gores Buch Earth in the Balance im selben Jahr erschien wie Das Ende der Geschichte von Francis Fukuyama, soll vermutlich Möglichkeitsfenster aufzeigen. Weidner ist in seinem Essay stets auf der Suche nach einem neuen kosmopolitischen Denken, angelehnt an sein Vorgängerbuch Jenseits des Westens. Klimaschutz als universal verbindende Aufgabe, dazu scheint ihn Fridays for Future inspiriert zu haben, bei denen er nicht vergisst zu erwähnen, dass diese Generation zumindest keine bewusste Erinnerung an 9/11 hat.

Epochenjahr 1979

Kein Buch über 9/11 kommt ohne die emblematischen Bilder der einstürzenden Twin Towers und die mediale Inszenierung des Terrors als Spektakel aus. Weidner nimmt neben al-Qadia auch die „religionsfaschistische Gruppierung“ IS mit ihrem „Höchstmaß von Sadismus und Verachtung für Humanität, Leben und Werte“ dialektisch als andere Seite der Moderne in den Blick. Die Bilder von Enthauptungen, die der IS ins Netz stellte, spielen mit der Ästhetik von Egoshootern, während die Fernsehbilder von 9/11 noch Assoziationen mit Blockbustern hervorbrachten. Weidner selbst, der zahlreiche Preise für seine Übersetzungen arabischer Lyrik gewonnen hat, beginnt sein Buch mit der Tausenundeine-Nacht-Erzählung vom Geist, der als düstere Wolke einer Flasche entweicht. Seine geopolitische Analyse, wie der Geist des militanten Islamismus in die Welt kam, ist stringent durchdekliniert. Von der kolonialen Unterdrückung bis zum Epochenjahr 1979, ohne das die Terrorformation von 9/11 nicht zu verstehen ist. Irans „Islamische Revolution“, die Unterzeichnung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrags nach dem Camp-David-Abkommen, Saddam Husseins endgültige Machtübernahme im Irak, die dschihadistische Besetzung der Großen Moschee in Mekka und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan. Al-Qaida-Gründer bin Laden stand auf der Seite der Mudschahedin, die von der CIA unterstützt wurden. In der islamistischen Mythologie setzte sich die Vorstellung durch, allein der Dschihad habe zum Zusammenbruch der Sowjetunion geführt. Was lag da näher, als sich nun die verbliebene Supermacht vorzunehmen? Weidners Überlegungen zum Spannungsfeld von Interventionismus, Isolationismus und Universalismus dürften sowohl Militaristen als auch Anhänger der Friedensbewegung zum Nachdenken provozieren. Seine Kritik, dass der „Westen“ zehn Jahre nach 9/11 bei der Arabischen Revolution eine Chance verpasst hat, ist berechtigt. Aus Angst vor der Islamisierung der Protestbewegung wurde mit der Unterstützung für säkulare und progressive Kräfte gezögert, bis die Islamisierung der Revolutionen eintrat. Das Ende des Ölzeitalters ist absehbar, vielleicht endet damit auch die Zeit problematischer Verbündeter.

Ground Zero: 9/11 und die Geburt der Gegenwart Stefan Weidner Hanser Verlag 2021, 256 S., 23 €



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Von Veritatis