Als David Wojnarowicz Ende der 80er seinen Film A Fire In My Belly machte, tobte in den USA ein Kulturkampf. Man spürt die Wut des 1992 an Aids gestorbenen Künstlers, wenn er sein Material aneinanderreiht: mexikanische Wrestler, Hahnenkämpfe, Männer, die auf Beinstümpfen in Mexiko-Stadt betteln, ein zugenähter Mund, dazwischen krabbeln Ameisen über einen Plastikchristus am Kreuz. Das steigert sich zu einem psychedelischen Crescendo, einer Bestandsaufnahme der „conditio humana“. Wojnarowiczs Freund und Mentor, der Fotograf Peter Hujar, war gerade an Aids gestorben, die Epidemie dezimierte die Kunstszene in New York. Zugleich kümmerte sich die Reagan-Regierung nicht um angemessene Gesundheitsversorgung, die katholische Kirche agitierte gegen sexuelle Aufklärung, und das konservative Establishment war ganz froh, dass die Krankheit hauptsächlich Schwule und Drogenabhängige traf: die Kunstwelt und ihr Lebenswandel wurden mit der Epidemie gleich mit diffamiert. Gruppen wie ActUp oder die Guerilla Girls engagierten sich gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie, und es reichte nicht mehr, nur Künstler*in zu sein. Die alten Modelle der Avantgarde waren müde, da wurde man eben politisch, so hieß es. Aber die Probleme, mit denen sich Wojnarowicz und seine Kolleg*innen befassten, waren überlebenswichtig. Paranoia machte sich breit.

Wojnarowiczs unvollendeter Film gibt der aktuellen Ausstellung in der Berliner Julia Stoschek Collection ihren Titel. Die von Stoschek und Lisa Long kuratierte Sammlungspräsentation mit über 30 Künstler*innen hat einen Schwerpunkt auf Bewegtbild, aber zu einigen gehören elaborierte Installationen, wie Leila Hekmats Crocopazzo!, eine Rokoko-Groteske über Begehren im Allgemeinen und queeres im Besonderen. Wieder andere bleiben rätselhaft, wie der Spiegel der Künstlerin und Philosophin Adrian Piper, auf dem in Blattgold steht: „Everything will be taken away“.

Dann, grau und kalt, eines der jüngsten Werke: Anne Imhofs Untitled (Wave). Ausschnitte davon kursierten schon in den letzten, dunklen Tagen von 2020 auf Instagram. Die Künstlerin lässt die Malerin und Performerin Eliza Douglas auf einer Betonplatte stehend das Meer auspeitschen, die See am Rande Europas erinnert an Andromeda und Xerxes, aber auch an Migration und Machtlosigkeit.

Ratternde Projektoren

In der Sammlung rattern 8- und 16-mm-Projektoren, manche Räume erinnern an Kinosäle. Die Ausstellung baut Wege, und wie ein Wegweiser steht am Anfang Wojnarowiczs Wut. Die Schau impliziert: Wir sind wieder in einem Kulturkampf. Die direkteste Linie der Radikalität von einst läuft zu Arthur Jafas Video Love Is The Message, The Message Is Death (2016) im großen Kinosaal. Jafa montiert gefundenes Material zu einer Bestandsaufnahme des Schwarzen Amerikas: Obama, Youtube-Schnipsel und LeBron James, Martin Luther King und Angela Davis, historisches und zeitgenössisches Material. Formal kann man schon eine Affinität zu Wojnarowicz feststellen. Aber Jafa lässt Euphorie zu, Kanye Wests ekstatischer Gospelsong Ultralight Beam begleitet die Bilder. Da verkomplizieren sich die Frontlinien, denn manche wollten Kanye aufgrund seiner Affinität zum Ex-Präsidenten Trump canceln, andere verwiesen auf die bipolare Störung des Musikers. Der Kulturkampf ist nicht einfach ein Wir-gegen-die, sondern ein kompliziertes Spiel aus Ironie und Provokation, die von Social Media und Algorithmen verstärkt werden. Die Konstruktion von Feindbildern ist nicht so einfach, und die Rollen von Rebell und Establishment sind flüssig. Der größte PR-Coup der neuen Rechten bestand ja gerade darin, dass sie sich als Tabubrecher und neue Avantgarde inszenieren konnten.

Am Ende des 20. Jahrhunderts regten sich erstmals die gekränkten jungen Männer des Internetzeitalters, und damit befasst sich Mandy’s Piano Solo In Columbine Cafeteria von Bunny Rogers. Eine computergenerierte Figur sitzt in jener Kantine, in der 1999 zwei Schüler zwölf Menschen erschossen. In dem sonderbar friedlichen Raum ist ein prekäres Gleichgewicht von Nostalgie und Trauma eingekapselt, wie ein Safe Space, der zutiefst unsafe ist. Mandy schlürft Rotwein und spielt traurige Songs von Elliot Smith am Flügel, während unerklärlicherweise Schneeflocken von der Decke rieseln – ausgerechnet. Snowflakes, so nennt man auch jene, denen die aktuellen Debatten zu heiß werden.

Vor wenigen Wochen ging im Düsseldorfer Kunstpalast die Ausstellung Empört Euch! Kunst in Zeiten des Zorns zu Ende, die vielleicht noch expliziter über den Zusammenhang von Kunst und Protest nachdenkt. In Museen und Galerien haben neue Kämpfe wieder Konjunktur. Nur manchmal schnappen die alten Kulturkrieger noch einmal nach der Deutungshoheit. Als eine Ausstellung in Washington 2010 Wojnarowiczs Video zeigte, verlangte ein Verband von US-Katholiken dessen sofortige Entfernung. Die Begründung: Es sei eine Form von Hassrede.

A Fire In My Belly Julia Stoschek Collection, Berlin, bis 12. Dezember. Zugänglich, sobald es die Corona-Beschränkungen zulassen. Einige Arbeiten sind online unter jsc.art zu sehen



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Von Veritatis