Mit der Forderung nach mehr Sichtbarkeit und Diversität in Film, Fernsehen und Theater haben sich 185 Schauspieler*innen als queer geoutet und für Furore gesorgt. Auch die offen lesbische Schauspielerin und Kabarettistin Maren Kroymann hat das #actout-Manifest unterzeichnet und parallel eine komplette Folge ihrer ARD-Satiresendung Kroymann mit queeren Mitwirkenden gemacht. Über die Gründe und Reaktionen spricht die Berliner Künstlerin im Interview.

der Freitag: Frau Kroymann, warum braucht es heute noch ein solches Manifest?

Maren Kroymann: Dass wir leben können, wie wir sind, sollte eigentlich für alle Menschen gelten. Für Schauspieler*innen gilt das aber nur zum Teil. Unsere Gesellschaft ist ja eh gut in Vertuschungstechniken, und dazu gehört unter Schauspielern oft, eben heterosexuell zu tun, aber queer zu sein. Dieses Vertuschen schwächt. In dem Manifest geht es aber noch um mehr. Zum einen darum, dass wir es zusammen als eine große Gruppe unterzeichnen. Daswar früher gar nicht denkbar, wo wir uns alle einzeln geoutet haben, tapfer, mit Rückschlägen und mit Einbußen. Und ich finde gut, dass von unserem Berufsstand aus argumentiert wird. Wir sind ja Menschen, deren Profession es ist, etwas anderes zu spielen, als wir sind. Und deswegen ist es besonders absurd, dass wir uns selbst verstellen müssen, um etwas spielen zu können.

Aber es geht nicht um Genderfragen allein …

… sondern um die Verlinkung zwischen einem Coming-out alter Prägung und einem größeren gesellschaftlichen Ansatz, der andere Diskriminierungen mit anprangert, gegenüber People of Color, Migrationshintergrund, anderen Religionen, Behinderungen oder Beeinträchtigungen. Wir solidarisieren uns mit all diesen Gruppen und fordern Vielfalt und Sichtbarkeit.

Sie selbst haben sich 1993 im „Stern“ geoutet, als Sie bereits eine bundesweit bekannte Schauspielerin und Entertainerin waren. Wie erlebten Sie das damals?

Die Fragen, die sich heute einige der Kolleg*innen stellen, die dieses Manifest unterschrieben haben, habe ich mir nicht gestellt: Was darf ich? Kann ich das sagen? Habe ich Einbußen in meinem Beruf? Ich hatte damals keinen Agenten. Castings gab es noch kaum. Niemand hat auf mich eingewirkt und gesagt: „Mach es nicht!“, schon deswegen nicht, weil ich es mit niemandem im beruflichen Kontext abgesprochen habe. Ich wollte tatsächlich politisch etwas bewirken. Ich wollte dazu beitragen, die Situation von Lesben in diesem Land etwas zu verbessern. Mein Coming-out kam für die Öffentlichkeit völlig aus heiterem Himmel, denn ich war 20 Jahre mit Männern zusammen, hatte heterosexuell gelebt. Ich sage immer, ich komme über den zweiten Bildungsweg.

Sie waren damals ziemlich allein auf weiter Flur … Wie waren die Reaktionen?

Ich drehte gerade die erste Folge von Nachtschwester Kroymann. Es gab sehr viel negative Presse: „Wen interessiert die Sexualität einer Frau Kroymann?“ In einer angesehenen Zeitung stand: „Ein Gentleman genießt und schweigt.“ Das war der Tenor.

Gab es auch beruflich Konsequenzen?

Meine Satiresendung bei der ARD durfte ich weitermachen. Aber als Schauspielerin bekam ich einige Zeit keine Rolle mehr angeboten. Keiner hat gesagt: „Wir engagieren Sie nicht, weil Sie lesbisch sind.“ Man fällt denen dann einfach nicht mehr ein. Und im Nachhinein haben mir einige Kollegen und auch ein Autor gesagt, dass sie mich öfter vorgeschlagen hatten, aber da ging wohl sofort der Daumen runter.

Wie ging es dann weiter?

Ich hab dann kleinere Rollen gespielt, auch in Kinofilmen. Aber als Protagonistin kam ich offenbar nicht mehr infrage und als heterosexueller Love Interest übrigens auch nicht. Als dann die Nachtschwester abgesetzt wurde, wollte eine Produktionsfirma mit mir eine Comedyserie machen. Aber die stieß zwei Jahre lang überall auf Ablehnung. Also bin ich wieder mit einem eigenen Programm auf die Bühne gegangen, wie zu Beginn meiner Laufbahn. Mein Coming-out hat also zeitweilig meiner Auftragslage etwas geschadet, aber mir selber nicht, denn ich habe daraus gelernt. Als Kabarettistin muss ich mich unabhängig davon machen, ob alle mich mögen. Ich will ja verstören und zum Nachdenken bringen, da darf ich gar nicht so harmoniesüchtig sein.

Jahre später haben Sie nun wieder eine Satiresendung im Ersten, „Kroymann“, und haben die aktuelle Folge fast komplett mit queeren Kolleg*innen besetzt …

Die Frage‚ wie man sich in unserer Branche gut outen kann, beschäftigt mich seit damals. Wieso gibt es immer noch diese Strategie, die total andere Existenz vorzuspielen? Dann kam mir die Idee, mit lauter LGBTQI-Kolleg*innen einen Coming-out-Song zu machen, der das Thema auf souveräne und feinironische Art aufgreift. Im Video singen dann alle „Ich bin kurzsichtig – und das ist auch gut so“, um klarzumachen, dass es genauso absurd ist, jemanden deswegen zu diskriminieren oder nicht zu besetzen. Und dann haben wir alle Figuren in den anderen Sketchen der Sendung mit queeren Schauspielenden besetzt, ganz einfach, um zu zeigen: Es geht! Organisatorisch war das recht aufwendig, aber da hat uns die Queer Media Society, die auch hinter #actout steht, sehr geholfen.

Maren Kroymann, 1949 geboren, in Tübingen aufgewachsen, lebt in Berlin. Sie ist Schauspielerin, Sängerin (In My Sixties) und Kabarettistin. Ihre Satiresendung Kroymann (ARD-Mediathek) erhielt u.a. den Grimme Preis

Bei #actout gab es überwiegend wohlwollende Kommentare, aber auch etliche, die sehr ähnlich klingen wie bei Ihrem Coming-out vor 27 Jahren: „Warum müssen die damit hausieren gehen? Das ist doch Privatsache …“ So viel hat sich also nicht geändert.

Wir sollten nicht immer auf die rückschrittlichen und unreflektierten Leute hören, die vielleicht auch wirklich nicht wollen, dass wir gleichberechtigt sind. In dem Moment, in dem meine Sexualität diskriminiert wird, ist es nicht mehr Privatsache, sondern politisch. Wenn ich mich nicht mit meiner Freundin zeigen kann, ohne berufliche Nachteile zu haben oder aggressive Reaktionen zu befürchten, ist es nicht mehr nur meine persönliche Angelegenheit. Das ist etwas, das viele in der Mehrheitsgesellschaft noch immer nicht verstanden haben.

Wem fällt es denn so schwer, sich vorzustellen, dass Sie glaubwürdig die Geliebte eines Mannes spielen können oder jemand wie Jannik Schümann als romantischer Held durchgeht?

Die Verantwortlichen – also die Redakteur*innen, Agent*innen und Produzent*innen – nehmen eine vermutete Haltung des Publikums vorweg, dem nicht zugetraut wird, zwischen Rolle und Darsteller unterscheiden zu können. Und sie haben auch kein großes Interesse daran, diese Muster aufzubrechen, weil hetero ja die Norm ist. Veränderung bringt immer auch Verunsicherung.

Hilft eine Selbstverpflichtung in Sachen Diversity wie bei der Produktionsfirma UFA Fiction, die deren offen schwuler Geschäftsführer und Produzent Nico Hofmann initiiert hat?

Das ist sehr, sehr wichtig, weil es ganz zentral darum geht: Wessen Geschichten werden vor der Kamera erzählt, welche Drehbuchautor*innen werden dafür engagiert? Nur wenn diverse Geschichten erzählt werden und die Leute wissen, wovon sie schreiben, lassen sich Vorurteile aufbrechen.

Etliche Kolleg*innen haben sich trotzdem davor gescheut, bei Ihrem Video und bei #actout mitzumachen. Warum?

Es erfordert immer noch Mut, auch in der Gruppe. In der Hochkultur zum Beispiel gibt es einige, die im Kollegenkreis sehr offen sind, aber ein öffentliches Coming-out heißt eben auch, dass die Bild dann darüber schreiben darf. Und sie haben Angst, vom bildungsbürgerlichen Publikum in den großen klassischen Rollen nicht mehr ernst genommen zu werden. Sie wollen ihre Chancen nicht reduzieren, irgendwann den Hamlet zu spielen. Sie halten dann lieber die Klappe.

Warum traut sich niemand aus dem „hochkommerziellen Segment“, wie es die Regisseurin Angelina Maccarone nennt, einer der Stars der deutschen Blockbuster-Komödien?

Weil ihm gesagt wird, dass er nicht mehr als Schwarm für die Mädchen taugt, nicht mehr mehrheitsfähig ist. Es ist die Angst, an Popularität zu verlieren, von der Masse nicht mehr geliebt zu werden. Die Leute könnten denken, der ist ja gar nicht so charmant und sexy … Und letztlich geht es natürlich ums Geld.

Eine Reaktion auf #actout in den sozialen Medien sind Forderungen nach ähnlichen Aktionen bei Lehrer*innen und im Profisport.

Alles Berufe, die Vorbildfunktion haben und deshalb besonders kritisch betrachtet werden. Ich finde es ganz toll, wenn Lehrer*innen eine ähnliche Aktion starten. Je offensiver sie damit umgehen, desto weniger angreifbar machen sie sich. Sie haben meine volle Unterstützung.

Das Fußballmagazin „11 Freunde“ folgt nun ebenfalls mit einer Solidaritätsaktion auf dem Titel, bei der 800 Spieler allen nicht namentlich genannten homosexuellen Profis den Rücken stärken …

Die wichtigste Nachfolge-Aktion von #actout wäre in der Tat die im Sport. Besonders im Fußball. Da sind Tabu und Diskriminierung am größten. Natürlich auch, weil es da um das meiste Geld geht.

Zum #actout-Manifest gab es eine Welle der Solidaritätsbekundungen. Was erhoffen Sie sich darüber hinaus konkret?

Mir fiel auf, dass viele, die mit dem Thema nichts zu tun haben, aber solidarisch und aufgeklärt sind, entsetzt waren. Wie der Regisseur Dominik Graf, der sagt, er hätte nicht gedacht, dass es noch solche Erfahrungen gibt. Diese Aufklärung ist einfach der erste Schritt in die richtige Richtung. Man muss die Diskriminierung offenlegen, damit es eine Sensibilisierung und ein Umdenken gibt, damit Änderungen gewollt und umgesetzt werden. Ich möchte einfach, dass sich keine*r von uns mehr verstecken muss.



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Von Veritatis