Von Christian Euler

Der jüngste Renditeanstieg bei Staatsanleihen hat die Europäische Zentralbank in große Aufregung versetzt. Am Montag vergangener Woche gab Notenbankpräsidentin Christine Lagarde zu Protokoll, man werde die Situation genau beobachten. Ihr Chefvolkswirt Philip Lane betonte: Die Währungshüter werden keine unangemessene Verschärfung der Finanzierungskonditionen dulden. Anders ausgedrückt: Die EZB greift weiterhin aktiv in das Marktgeschehen ein – oder in einer weniger euphemistisch Diktion: Sie manipuliert die Märkte.

Für die Trendwende bei den Renditen der Staatsanleihen gibt es gute Gründe: Die Inflationsrate der Eurozone ist in diesem Jahr deutlich in den positiven Bereich vorgerückt. Gleichzeitig hat sich die konjunkturelle Lage verbessert. Während sich der Dienstleistungssektor aufhellt, befindet sich das verarbeitende Gewerbe bereits im Boom.

Den Währungshütern in Frankfurt hingegen ist die nun eingetretene lehrbuchmäßige Zinsreaktion nach oben ein Dorn im Auge – weshalb sie einmal mehr intervenieren. „Damit setzt sich bei der EZB eine Tendenz fort, das freie Spiel der Marktkräfte bewusst zu manipulieren», so Daniel Hartmann, Chefvolkswirt der Vermögensverwaltungsgesellschaft Bantleon. „Bei den Risikoaufschlägen war die Notenbank bereits erfolgreich. Jetzt rückt auch noch das Zinsniveau in ihr Visier.“

Dabei wäre die Aussicht auf moderat steigende Zinsen ein Segen – vor allem für Sparer und Banken. Schließlich bewegen sich die Renditen deutscher Bundesanleihen bereits seit sieben Jahren an oder unter der Nulllinie. „Aus Sicht der Finanzmarktstabilität (Stichwort: Vermögenspreisblasen) und der Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft (Stichwort: Zombie-Unternehmen) ist es sogar gefährlich, makroökonomisch fundierte Renditeanstiege zu unterdrücken“, meint Bantleon-Ökonom Hartmann. Nicht zuletzt deshalb hätten sic–h die Notenbanken in der Vergangenheit bewusst dazu entschieden, nur den kurzfristigen Zins und eben nicht die langfristigen Kapitalmarktrenditen zu steuern. „Von diesen Grundsätzen, die zu Zeiten der Deutschen Bundesbank sakrosankt waren, entfernt sich die EZB aber immer stärker“, bringt es Hartmann auf den Punkt.

Die Medizin der Notenbanken verstärkt die Krankheit

Diese Politik könnte sich früher oder später rächen. Die großen Notenbanken, allen voran die EZB und die US-amerikanische Fed, haben mit ihren Euro- und Dollar-Billionen die Finanzmärkte und auch die Realwirtschaft vor dem Kollaps gerettet. Doch je höher die Verschuldung, desto größer ist die Krisenanfälligkeit – und umso bedrohlicher wird jede folgende Krise. Ein Teufelskreis, denn die Notenbanken müssen immer stärker intervenieren – was im Gegenzug den Anreiz schafft, weitere Schulden zu machen, weil die niedrigen Zinsen dies erlauben.

Die Lage ist brandgefährlich, rund um die Welt steigen die Staatsschulden schneller als je zuvor. Beispiel Deutschland: Hier führen die Corona-Maßnahmen der Regierung zu einer regelrechten Schuldenorgie des Staates, um den von der Kanzlerin so gern verwendete Begriff einmal zielführend zweckzuentfremden. Der Schuldenstand der Republik stieg im vergangenen Oktober – erstmals in der Geschichte der Republik – um mehr als 10.000 Euro pro Sekunde.

„Jetzt schießen sie mit ihrer Rekord-Neuverschuldung weit über das Ziel hinaus und schaffen sich riesige schuldenfinanzierte Polster für die kommenden Jahre“, mahnte der Präsident des Bundes der Steuerzahler Reiner Holznagel im Herbst. Doch statt die Schuldenlast zu senken, haben die Notenbanken den Schuldenberg weiter aufgebläht. In Zahlen liest sich dies so: Im vergangenen Jahr sind die Schulden um rund 20 Billionen auf ca. 277 Billionen Dollar gestiegen. Laut dem Institute of International Finance (IIF) entspricht dies 365 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der gesamten Weltwirtschaft. Zum Vergleich: Ende 2019 lag die Verschuldung noch bei 320 Prozent des BIP.

Kein Land kann auf Dauer von der Druckerpresse leben, früher oder später droht eine hohe Inflation. Nach Ansicht des früheren Präsidenten des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, könnte die Teuerungsrate anziehen, wenn die Impfstoffe verabreicht sind und die Weltwirtschaft wieder in Schwung kommt. Sollte die Inflation über die Zielmarke von zwei Prozent schießen, könne die europäische Geldpolitik nicht mehr die Spirale bremsen, prophezeit der Ökonom.

Mit anderen Worten: Auch wenn die Europäische Zentralbank immer wieder durch die Ankäufe von Anleihen oder gar Aktien die Kohlen aus dem Feuer holt – das dicke Ende kommt bestimmt. Und dann zahlen vor allem die weniger Wohlhabenden die Zeche.

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Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

 

Dipl.-Volkswirt Christian Euler widmet sich seit 1998 intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt er seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier.
Bild: Angel Soler Gollonet/Shutterstock
Text: ce

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