Die erste Serie von Luca Guadagnino ist eher ein langer Film – über queere Kids auf einer Militärbasis in Norditalien

Bei Alfred Hitchcocks Filmen entsteht Suspense durch den Wissensvorsprung des Publikums vor den Protagonisten, die nichts von der tickenden Bombe unter der Tischplatte ahnen. Luca Guadagnino dagegen liebt es, Spannung aufzubauen durch Verzögerung und Zurückhalten von Informationen. Er ködert in kleinen Häppchen, mit einem Blick oder einer Geste, und insinuiert damit scheinbar beiläufig ein Verlangen, das unter der Oberfläche brodelt.

Dieses Spiel mit Andeutungen hat er auf der Leinwand in mittlerweile sechs Spielfilmen perfektioniert, wenn etwa der Teenager Elio (Timothée Chalamet) in der Sommerromanze Call Me By Your Name verstohlen den älteren Oliver (Armie Hammer) anschmachtet oder sich die Berliner Tanzakademie im Kunsthorrorfilm Suspiria durch die Augen der jungen Aspirantin (Dakota Johnson) erst nach und nach als Ort übersinnlicher Rituale entpuppt. Mit herantastend, elliptisch erzählten Filmen wie diesen wurde der 49-Jährige zu einem der wichtigsten Regisseure seiner Generation. Nun hat er erstmals eine Fernsehserie inszeniert, We Are Who We Are. Darin lässt er den 14-jährigen Fraser (Jack Dylan Grazer), der gerade mit seiner Familie von New York in einen norditalienischen Küstenort umgesiedelt ist, so neugierig wie scheinbar ziellos seine neue Umgebung erkunden. Die Serie folgt Fraser und weiteren queeren Jugendlichen, die mit ihren Familien auf einer amerikanischen Militärbasis leben. Das Suchende dieser Kids fügt sich organisch in den fließenden, sich konventionellen Dramaturgien immer wieder entziehenden Erzählrhythmus und Stilwillen Guadagninos.

Da verwundert es nicht, dass sein eigenes Auftreten ebenfalls nach diesem spielerischen Prinzip funktioniert. Beim verabredeten Zoom-Call, um über seine Serie zu sprechen, bleibt das Display zunächst schwarz. Nur seine Stimme ist zu hören. Sie klingt verbindlich, er sagt nicht bloß „Hello“, er begrüßt seinen Gesprächspartner mit Vornamen und erkundigt sich nach dem Befinden. Auf die Nachfrage, ob seine Kamera ausgeschaltet ist, weil ihm ein klassisches Telefonat lieber wäre als ein Videochat, überlegt er kurz und sagt dann mit unnachahmlich italienisch gerolltem „r“-Laut: „If you prefer …?“ Einige Sekunden später erscheint ein schlaksiger Mann mit Vollbart auf dem Display, mehr liegend als sitzend, die Kamera aus Untersicht und mit angeschnittenem Bild. Wie viele Szenen in We Are Who We Are wirkt zufällig, was auch wohlkalkulierte Nonchalance sein könnte.

Schnell erweist sich die Dandy-Haltung aber als mehr denn als reine Pose. Guadagnino antwortet blitzschnell und eloquent, kann im selben Atemzug über Popmusik und Philosophie parlieren. Dasselbe Denken ist auch eine grundlegende Qualität von We Are Who We Are, in der sich die Kids in Frasers Clique zwischen wilden Partys und gechillten Nachmittagen am Strand ausprobieren, mal sexuelle Identitäten debattieren und Grenzen überschreiten, mal Ocean Vuongs queeren Debütroman Auf Erden sind wir kurz grandios lesen, oder einfach über Klamotten plaudern oder Jungs abchecken. „Ich wollte eine Geschichte über das Erwachsenwerden erzählen“, erklärt Guadagnino, „über Transformationen und Identitätssuche. Nur eben auf meine Art.“ Deshalb habe ihn als Handlungsort dieses US-Militärcamp gereizt, „als sehr eigene Welt und Fremdkörper in dieser Gegend“.

Fluide Radikale

Frasers Mutter Sarah (Chloë Sevigny) wird nach Italien versetzt, um als Colonel die Leitung eines US-Stützpunkts zu übernehmen. Fraser, mit Baggyshorts, gelben Haaren und punkig lackierten Fingernägeln, ist dort in mehrfacher Hinsicht ein Alien. Er geht zunächst auf Abstand zu seiner Umgebung und beobachtet: das Treiben an der Highschool, die Posen und Codes der Gleichaltrigen, während er sich einen Reim zu machen versucht auf das unbekannte Soziotop, seine Regeln und Hierarchien. Bald wird Britney (Francesca Scorsese) auf ihn aufmerksam und nimmt ihn unter ihre Fittiche. Es ist das Jahr 2016, und viele der Teenager sind queer, nicht festgelegt, genderfluid, freie Radikale in einer strengen, ritualisierten Struktur. Draußen herrscht amerikanischer Präsidentschaftswahlkampf, überall plärrt ein organgefarbener Clown aus den Bildschirmen, den zu dem Zeitpunkt keiner ernst nimmt, auch die wahlberechtigten Erwachsenen wie Sarah und ihre Lebenspartnerin Maggie (Alica Braga) nicht.

Die Szenen mäandern, fließen ineinander, bilden Ellipsen. Manches taucht an anderer Stelle erneut auf, nur aus der Sicht einer anderen Figur. Wenn man sich auf diesen Flow einmal eingelassen hat, entwickelt We Are Who We Are einen hypnotischen Sog, der nichts von der Aufgeregtheit des Bingewatching hat. Dass Guadagnino damit seine erste Serie inszeniert, ist schon deshalb bemerkenswert, weil er selbst gar kein TV-Gerät besitzt. „Es hat mich einfach nie besonders interessiert. Ich habe auch keinen der Streamingdienste abonniert.“ Aber es gibt zwei Serien, die ihn so beeindruckt haben, dass er selbst Filmemacher werden wollte. „Das waren David Lynchs Twin Peaks und Rainer Werner Fassbinders Berlin Alexanderplatz, auch wenn ich sie eher als episodische Filme denn als klassische Serien verstehe.“

Auch Guadagnino freilich macht nicht einfach „nur Fernsehen“, sein queeres Generationenporträt ist nicht nur woke in Bezug auf Gender- und Identitätsdiskurse, die eklektische Jugendkulturmischung von Musik (Blood Orange, Klaus Nomi, Prince) über Games bis Bücher wirkt ebenso authentisch und „gelebt“ wie ihr Style. Eine gewisse postpunkige Coolness zeigt sich auch in der Besetzung, von Indie-Ikone Chloë Sevigny als lesbischem Colonel über den Rap-Star Kid Cudi bis zur lässig-aufsässigen Cliquen-Anführerin Britney, die von Martin Scorseses Tochter Francesca gespielt wird. „Mein Glück war, dass mir alle kreativen Freiheiten eingeräumt wurden“, erklärt Guadagnino. „Das fing mit der Auswahl der Darsteller an, ich wollte Persönlichkeiten und Intelligenz, keine Marionetten.“

Um jugendliche Selbstfindung und sexuelle Identitäten ging es auch in seinen früheren Filmen, ihn interessiert „die Reibung zwischen den unzähligen Möglichkeiten, etwas werden zu können, und der Unmöglichkeit, dabei einen Idealzustand zu erreichen. Dieser Konflikt ist Teil unserer Identität und ein sehr filmaffines Thema. Die Serie soll im besten Fall das Publikum dazu anstoßen, sich selbst etwas mehr wahrzunehmen.“ Und er könnte sich durchaus vorstellen, die Serie irgendwann einmal fortzusetzen, den Kids beim Erwachsenwerden zuzuschauen. „Das ist eines der größten Geschenke des Kinos“, sagt er am Ende. Aber wie so oft bei Guadagnino wird sich sein Publikum in Geduld üben müssen. Er bestimmt den Flow.

Info

We Are Who We Are Luca Guadagnino Italien/USA 2020, 8 Folgen, Starzplay

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Von Veritatis