Schrieben wir das Jahr 2021, würden wir heute auf 100 Jahre Frauenkampftag am 8. März zurückblicken. Das tun wir aber nicht. Denn wir schreiben das Jahr 2121. Heute wird nicht mehr gefeiert. Das Geschlecht: zu unwichtig. Noch. Denn nach Jahrzehnten der Gleichberechtigung sind es nun die Männer, die sich organisieren und die alte Welt zurückholen wollen. Was tun? Eine 26-Jährige befragt die Tagebücher ihrer Vorfahrin, und die befragt ihre Zukunft. Eine Kurzgeschichte, inspiriert von der belgischen Künstlerin Marie-Jo Lafontaine, die 1989 schrieb:

Ich bin in einer Welt geboren, in der Frauen lieber unter sich sind. Eine Welt, in der Männer Frauen immer unterlegen waren, aber in der jetzt, wo man das weiß und sieht, alles aus dem Ruder läuft. Der Mörtel, der unsere Festungen zusammengehalten hat, löst sich auf. Vielleicht steigt eine neue Welt aus ihren Ruinen. Nach den Tränen.

: Meine Tagebücher sind brüchig und vergilbt. Sie haben ihr Hundertjähriges hinter sich. Dafür waren sie gar nicht gemacht. Du.

: Ich?

: Du. Bist doch meine Ururenkelin, wenn ich es richtig sehe. Du kannst nicht von Glück reden, dich noch mit diesen alten Kladden rumzuschleppen. Meine Tagebücher sollte es nicht mehr geben. Sie waren für mich und meine Tochter bestimmt. Deine Urgroßmutter. Wenn überhaupt. Eigentlich nur für mich. Denn spätestens unsere Enkelinnen sollten über uns hinwegfegen und keinen Stein auf dem anderen lassen. So mein Wunsch. Du.

: Ich?

: Bist eine Jahrhundertaufgabe, die ich nicht bewältigen kann. Ich habe dir nicht viel zu geben. Was ich erzähle, liegt einhundert Jahre zurück. Für dich. Meine Gegenwart ist für dich abgeschlossene Vergangenheit.

: Aber es scheint wieder von vorn zu beginnen, deshalb lese ich deine Tagebücher. Meine Mutter sagt, die letzten fünfzig Jahre seien nur die Vorbereitung gewesen, alles erneut infrage stellen zu können.

: Alles heißt alles? Ein Rollback? So haben wir das genannt. Vor einhundert Jahren. Von dir aus betrachtet. Hat mich eine Zeitung gebeten, etwas darüber zu schreiben, dass es bereits seit einhundert Jahren den Internationalen Frauentag gibt. Das muss 2021 gewesen sein. Und wie weit wir doch auch gekommen seien, sollte ich beschreiben. Gibt es den Frauentag noch? In deiner Jetztzeit?

: Das ist überholt. Zu wenig. Nur Frauen. Heute ist fast alles anders als zu deiner Zeit. Es gibt so viele Möglichkeiten, zu sein. Irgendwann sind uns die Worte und Buchstaben dafür ausgegangen und wir haben aufgehört, die Unterschiede zu feiern. Stattdessen. Der Zustand, die Situation. Was soll ich sagen. Wir sind ganz schön hinüber. Greta Thunberg hatte recht. Ich habe ein bisschen Geschichte studiert, bevor ich in die Biologie gewechselt bin. Protestbewegungen des 21. Jahrhunderts waren mein Thema. Ob sich daraus etwas lernen lässt. Aber jetzt ist so viel Krise. Dir war die Thunberg ja eine Hoffnung, entnehme ich deinen Tagebüchern. Du hast viel über diese Generation geschrieben. Die mit den drei großen F.

: Die war uns eine einzige Anklage. Aber so viele junge Frauen und Mädchen. An manchem Freitag bin ich mit und dachte dann immer, gleich werden die mich rausschmeißen. Erkennen, dass ich eine von denen bin, die ihnen das Ganze eingebrockt haben. Alles war seltsam widersprüchlich. Die vierjährige Enkeltochter hat sich zum Fasching als Eiskönigin Elsa verkleidet und war eine von sieben Königinnen und Prinzessinnen. Die Neunjährige bestand darauf, dass wir freitags alle streiken. Dagegen kamen auch die Mütter nicht an. Beides musste akzeptiert und bedient werden.

: Geschichte ist nur selten ein Trost. Sie sagen, die Zeit der Männer sei wiedergekommen. Klingt irgendwie lustig – als sei die jemals wirklich vorbei gewesen. Aber fünfzig Jahre lang. Ich glaube meiner Mutter das. Saßen sie nicht mehr an allen Schalthebeln. Allerdings an ausreichend vielen, uns bis an den Punkt zu bringen, an dem wir jetzt sind.

: Wie würdest du den Punkt nennen? An dem ihr seid?

: Wir kippen. Und haben es immer noch nicht geschafft, den Mars zu besiedeln. Drei Versuche sind fehlgeschlagen. Vielleicht, weil wir immer so getan haben, als könnten wir uns einfach einen neuen Planeten kaufen, wenn wir den alten kaputtgespielt haben. Ihr hattet doch so einen Größenwahnsinnigen, der mit dem Schwachsinn angefangen hat. Urlaubsreisen auf den Mars oder so.

: Elon Musk. Ein typisches Beispiel unserer Zeit. Bezos, Gates, Musk, Zuckerberg – denen haben sie alles geglaubt und ermöglicht. Größenwahn braucht immer eine Gesellschaft, die ihn trägt. Unser unausrottbarer Glaube an Führer und Führungspersönlichkeiten.

: Es spielt eigentlich keine Rolle mehr, ob wir es irgendwann noch auf den Mars schaffen. Ich lebe in einem Habitat, das Natur imitiert, wie es sie vor fünfzig Jahren noch gegeben haben muss. Es geht mir ganz gut hier, ich bin privilegiert.

: Und du hast offensichtlich Zeit, meine Tagebücher zu lesen. Als ich sie füllte, habe ich gedacht, Papier ist ausdauernder als eine schnöde Courier, die als digitales Imitat einer Schreibmaschinenschrift wenig taugte. Morgens, wenn ich die Augen aufschlug und mich vom Verwirrspiel elender Träume zu befreien versuchte, habe ich nach dem kleinen Notizbuch gegriffen und angefangen zu schreiben. Vor hundert Jahren war dieses Aufschreiben sehr nützlich. So schien es mir. Man wird des Lebens nicht überdrüssig, wenn man schreibt.

: Vor fünfzig Jahren hatten wir es ein bisschen in der Hand. Sagt meine Mutter. Ich bin sechsundzwanzig, ich kann es nicht wissen. Den Männern war die Ewigkeitsklausel abhandengekommen. Der Zustand von fast allem so schlecht, dass sie auch gar keine Lust mehr hatten, der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Die Männer waren zermürbt von der Anstrengung, alles gegen die Wand zu fahren.

Das Habitat, in dem ich hier bin, ist wirklich hübsch. Ich arbeite in einem Forschungslabor, das Impfstoffe entwickelt. Ich hätte auch in die Reproduktionsforschung gehen können. Aber da ich für mich beschlossen habe, das Stammbuch der Familie zuzuschlagen, interessiert mich das nicht so. Außerdem haben wir schon viel zu oft versucht, Gott zu spielen.

: Impfstoffe klingt nach einem vernünftigen Vorhaben. Vor hundert Jahren hatten wir die Pest an Bord. Sie war nicht tödlich, hat aber viele umgebracht. Vor allem Alte. Wenn es einer gut ging. Im Globalen Norden.

: So habt ihr das genannt?

: Globaler Norden, Erste Welt. Gibt es die noch?

: Wir nennen es nicht mehr so. Es gibt Habitate und noch halbwegs intakte Regionen und den Rest.

: Wenn es einer gut ging, konnte man das Virus wegstecken. Am Ende haben sie es hinbekommen. Einigermaßen. Im Globalen Norden. Ich fand übrigens den Begriff Erste Welt besser, er hat sachlich und zynisch zugleich alle anderen auf ihre Plätze verwiesen. Und wir standen nun mal ganz oben auf dem Treppchen. Aber damals, während dieser ersten Pandemie, kam alles irgendwie ins Stocken. Die Expertengremien sehr männlich. In den Banktürmen die Männer, auf den Straßen die Frauen. Weißrussland. Ich erinnere mich. Die Frauen dort. Haben sich schlagen, einsperren und quälen lassen. Für etwas mehr Spielraum und Freiheit. Wir waren zu der Zeit nur mit uns beschäftigt. Wir haben jeden Tag auf unsere Art an Land gebracht und die übers Meer wollten zu uns, haben es nicht an Land geschafft. Irgendwie ist uns. Sind wir uns abhandengekommen in dieser Zeit.

: Deine Tagebücher sind voll davon. Immer die gleiche Frage. Wer hat den Kerlen eigentlich so viel Macht gegeben und wann hören die auf, so zu tun, als sei es die natürlichste Sache der Welt, so viel Macht zu haben? Jetzt wollen sie wieder. Ist ja ziemlich viel kaputt. Da braucht es zwar erst mal Trümmerfrauen, aber auch Schalthebel. Das Wort Trümmerfrauen habe ich auch aus deinem Tagebuch. Klingt schön. Immerhin, ihr habt ziemlich viel miteinander geredet damals. Im Lockdown. Wir haben jetzt übrigens jedes Jahr mindestens zwei Mal das, was ihr Lockdown genannt habt. Es gibt drei Warnstufen, jeweils unterlegt mit einem Verhaltenskodex und einem Strafkatalog bei Zuwiderhandlung. Die Pandemien bekommen immer exotischere Namen. Das macht uns ein wenig locker. In eurer ersten Pandemie – hieß die COVID? – haben sich deine Tagebücher viel schneller gefüllt. Du hattest mehr Zeit.

: Ich hatte mehr Zeit. Das stimmt. Hin und wieder trafen wir uns bei mir in der Wohnung. Gegen die Regeln. Zu viert oder zu sechst. Paritätisch besetzt, wie es die Welt sonst nicht war. Die Sitzordnung an meinem großen Tisch war eine Wissenschaft für sich. Eine Alterskohorte, ein halbes Jahrhundert und ein paar Jahre mehr hatten wir schon hinter uns. Was vor uns lag, war ungewiss, wurde aber immer überschaubarer, was seine Dauer anbelangte.

Wir haben an meinem Tisch nie um eine Hierarchie gewürfelt. Für Hierarchien war die Gesellschaft zuständig. Wir waren eine Gruppe, die das anerkannte und im Wohnzimmer versuchte, dagegen anzukommen. Wir bekochten uns in verschiedenen Konstellationen. Ein von Männern gekochtes Essen hinterließ in der Küche mehr Spuren, Frauen spülten ein benutztes Küchenutensil sofort ab und hängten es wieder an seinen Platz. Sie hatten Jahrhunderte gebraucht, sitzen bleiben zu können, während der Mann das Essen aufträgt, und konnten sich noch nicht abgewöhnen, bewundernd mit den Zungen zu schnalzen, wenn die Männer kochten. Dabei war Kochen nun wirklich eine der leichtesten Übungen, wenn es darum ging, dem anderen Geschlecht zu signalisieren, dass man lernfähig ist. Zumal es ja schon immer, wenn es sich beim Kochen nicht um Essen machen handelte, eine Domäne des Mannes gewesen ist. Die weißen Mützen der gut bezahlten Gourmetsterneköche ragten in meiner Zeit noch in den Himmel wie ein sauber gebügeltes und fesch gestärktes Phallussymbol. Und im Restaurant kellnerten die Weiber. Spitzenkoch musste vor einhundert Jahren immer noch nicht gegendert werden.

: Das mit dem Kochen … Unwichtig.

: Wir änderten hin und wieder die Sitzordnung. Mal schauten die Männer die Frauen an, eine kleine Reihe Gleichstarker und eine Reihe Gleichgesinnte. Mal platzierten die Frauen die Kerle neben sich und brachten das fragile Gleichgewicht ins Schwanken.

Wir waren in einem Alter, bei dem die Lernfähigkeit abnahm und nur noch vermeintliche Gewissheiten der Boden waren, auf dem wir schwankten. Wenn wir diskutierten, dehnte sich eine gewisse Müdigkeit in den Raum. Die versuchten wir durch Lüften, das uns dieses Virus auferlegte, loszuwerden.

: Lüften gegen Viren. Lustig. Hattet ihr keine technischen Anlagen, um die Innenräume virenfrei zu halten?

: Wir hatten Fenster, Liebes. Die haben wir aufgerissen und der Feinstaub der Stadt legte sich wie Patina auf unsere Bücher. Obwohl der Lockdown eine gewisse Sauberkeit mit sich brachte. Die Stadt konnte aufatmen.

Die Männer waren müder als die Frauen. In den Jahren zuvor war viel passiert, was nicht zu ihren Gunsten sprach. Sie hatten an Spannkraft verloren. Es konnte vorkommen, dass sie zugaben, sich nicht mehr zurechtzufinden. Sie sagten so Sätze wie: Ihr wollt uns aber nicht erzählen, dass Frauen die besseren Menschen sind? Und warteten darauf, dass wir es doch erzählen mochten. Es hätte ihnen die Möglichkeit gegeben, einen Beweis zu erbringen, um den es nicht ging. Sie nannten Namen von Frauen und kamen schnell an ein vorläufiges Ende. Margaret Thatcher, immer wieder gern.

Wir ersparten ihnen jedes Mal einen langen Abend, den wir hätten mit dem Nennen von Männernamen verbringen können. Dem Trump hatten sie gerade erst den Koffer mit dem roten Knopf wegnehmen können. Und er war nur einer von vielen Idioten mit Macht. Das Aufzählen von Namen wäre ein zu leichter Sieg gewesen, der das Problem nicht einmal touchierte. Es hätte uns nur einen Tag gekostet, Fotos von wichtigen Gremien zu sammeln und nebeneinanderzulegen. Entscheidende Gremien, Machtverteilungen, Hierspieltdiemusikveranstaltungen. Die darauf abgebildeten Männer durchzuzählen und auszurechnen, wie hoch in dieser und jener Gruppe jeweils der Anteil der Frauen ist. Oder gar anderer Menschen, die nichts mehr damit anfangen konnten und wollten, Mann oder Frau zu sein – als sei die ganze Welt damit umfasst. Was bist du eigentlich?

: So stellt man die Frage nicht mehr. Es tut gar nichts zur Sache.

: Mir könntest du es sagen. Ich bin deine Vorfahrin.

: Wenn uns etwas gelungen ist, dann das. Wir werden nicht mehr auf unser Geschlecht zurückgeworfen oder darüber definiert. Wobei. Das stimmte bis vor einigen Jahren. Es gibt Gegenbewegungen. Die Söhne Jakobs.

: Sag mir nicht, dass Margaret Atwood immer noch gelesen wird.

: Von den falschen Leuten. Ja. Die Söhne Jakobs, erst vor Kurzem haben sie einen von denen des Habitats verwiesen. Sie stellen all die Fragen wieder, die wir glaubten, beantwortet zu haben oder zumindest nicht mehr hören zu müssen. Nur, dass wir noch kein demografisches Problem haben. Die Zahl der Weltbevölkerung sinkt zwar, aber langsam. Unfruchtbarkeit ist nicht unsere Sorge. Kürzlich wurde von so einer Jakobs-Truppe eine Ausstellung gestürmt und verwüstet. Malerei. Artemisia Gentileschi.

: Judith und Holofernes. Zur nicht allzu großen Begeisterung meiner Männer hatte ich lange einen Zeitungsausschnitt über meinem Schreibtisch hängen, auf dem dieses Bild von ihr zu sehen war. Unglaublich. Brutal. Ich fand es. Großartig. Tatsache, bei euch gibt es immer noch solche Ausstellungen?

: Es scheint, als wäre das nicht mehr lange möglich. Bilderstürmerei ist wieder ziemlich in Mode gekommen. Die neuen Männer.

: Nennen die sich so?

: So oder eben Söhne Jakobs, es gibt aber auch leichtfüßigere Formen der männlichen Renaissance. Ich vermute mal, ihr habt euch damals nicht ausreichend angestrengt.

: Mag sein. Oder ist sicher so. Wir haben uns die kleinen, trügerischen Erfolge schöngeredet. Die quotierten Vorstände und Aufsichtsräte, der langsam, aber doch kleiner werdende Gender-Pay-Gap, die Gesetzgebung in den Demokratien, die Aufstände der Frauen in den Autokratien, die öffentlichen Debatten über Care und sexualisierte Gewalt, die Kanzlerinnen und Präsidentinnen, der Frauenstreik, 8. März ein Feiertag. Und die Diskussionen an unseren Tischen. Die machten uns zwar manchmal elend, weil wir das Gefühl hatten, im Kreis zu gehen. Aber es waren Diskussionen. Und wir trösteten uns damit, dass erst die nächsten Generationen Männer an einem Punkt sein werden, da sie sich nicht mehr bedroht, stattdessen erleichtert fühlen. Und manchmal, wenn wir unter uns waren, haben wir uns gefragt, ob dann vielleicht auch etwas fehlt. Denn ich muss gestehen, dass in einem angstfreien Raum die Unterschiede auch wirklich gefeiert werden können. Glaube ich.

Nach welchen Kriterien werden die Menschen ausgesucht für ein Habitat, wie das deine da?

: Nach Nutzen und Nützlichkeit. Hier sind die notwendigen Gewerke versammelt, um den Pandemien der Gegenwart vielleicht Herrin zu werden.

: Nennt ihr das große Ganze immer noch Kapitalismus?

: Wie sollten wir es sonst nennen? Das Danach ist nicht gekommen. Hattest du schon in deinen Tagebüchern befürchtet. Es fehle an einer wirklich vernünftigen Vorstellung, steht da. Wenn ich dich mal zitieren darf.

: Tu das nicht, bitte.

: Du warst nicht sehr optimistisch. Die vier Geißeln des Kapitalismus werden so schnell nicht verschwinden, hast du notiert. Welche Seuchen waren denn damit gemeint?

: Kommerzialisierung, Monetarisierung, Utilitarismus, Ökonomismus. Aber das klingt zu hochgestochen. Halt dich damit nicht auf. Es ist einfach ein unglaublich überlebensfähiges, starkes System, wandelbar wie ein Virus, kann ständig neue Mutationen bilden. Während wir Frauen uns damit auseinandersetzten, hockten sich die Männer zusammen. Auch zu meiner Zeit. Ich dachte damals: Nur das Faktische kann dem Einhalt gebieten. Eine sinkende Profitrate durch irreversible Umweltschäden verfügt allemal über eine größere Deutungshoheit als irgendeine Ungerechtigkeit oder Ungleichheit. Und die Gespräche an unseren Tischen werden höchstens drei Männer ein wenig verunsichern, aber grundlegend sicher nichts ändern.

Was macht ihr denn jetzt? Kommst du aus deinem Habitat auch mal irgendwann raus?

: Vorerst nicht. Wir stehen kurz vor der Zulassung des Impfstoffs. Andere arbeiten an vielleicht erfolgversprechenderen Methoden. Eingriffe ins Erbgut, um Resistenzen zu schaffen. Das klingt ihnen vielversprechender, als in immer kürzeren Abständen neue Impfstoffe entwickeln zu müssen. Viren sind einfach höllisch gut.

: Gibt es immer noch Patente?

: Natürlich. Was glaubst du? Dass hundert Jahre reichen, solche Eigentumsrechte abzuschaffen, wenn das ganze System seit nun schon sechshundert Jahren genau darauf aufbaut? Aber lass mich mal sagen, wenn wir schon Gelegenheit dafür haben: Ich finde ja, dass du ein zu düsteres Bild gemalt hast.

: Es ist nicht gelungen, Geschichte umzuschreiben.

: Diese drei Black-Lives-Matter-Frauen.

: Lieb von dir. Ja, drei Frauen haben es losgetreten und es ist eine große Bewegung daraus geworden. Das Ding ist nur, wenn ich es mal so schnöde sagen darf: Dieser Kapitalismus, dieses Patriarchat – mir ist das ja immer wie eine Tautologie vorgekommen – hat so viele große Bewegungen entweder überlebt, ausgesessen oder einfach verstoffwechselt. Und nie sind wir darüber hinausgekommen, wie mal eine von uns geschrieben hat, dass bei Frauen, die laut sind und kämpfen, auf das Bild der Medusa zurückgegriffen wurde. Schon allein deshalb sollte man Versace nicht tragen, falls es das Label heute noch gibt.

: Nie gehört.

: Nicht wichtig. Wir haben natürlich über Macht geredet, auch an meinem Tisch. Aber, während die Weiber damit etwas Gemeinschaftliches meinten, haben die Männer nie aufgehört, über Führer und Führungsqualitäten zu sprechen. Trotzdem taten mir die Kerle in meiner Alterskohorte auch leid. Die waren mit so klaren Rollenverteilungen groß geworden, das steckte doch in jeder Faser ihres Körpers. Unsere Söhne.

: Da ist ein Foto in einem deiner Tagebücher. Dein Sohn sieht ein bisschen aus wie Jesus.

: Hm, wenn du meinst. Auf jeden Fall schon anders, diese Generation. Viele jedenfalls. Aber gleichzeitig wuchs da auch toxische Männlichkeit heran. Misch das mit Religion oder dem, was die dafür halten, und du hast einen Elefanten im Raum, der nicht zu übersehen ist.

Du musst weiterarbeiten und unsere Zeit ist gleich um, deshalb frage ich mal direkt: Kämpft ihr noch?

: Wen meinst du?

: Na, euch Frauen oder wenn du sagst, das sei vorbei mit den klaren Zuschreibungen und damit verbundenen Erwartungshaltungen, ihr, die ihr nicht Männer seid.

: Wir werden wohl müssen. Die alten Begehrlichkeiten werden wieder formuliert und angemeldet. Zuerst haben wir gedacht: Diese Leiche werden die nicht noch mal schminken. Aber nimm eine Krise, die groß genug ist, hol die Rezepte von früher vor und verkauf sie als alternativlos, schon besteht die Möglichkeit, die Verhältnisse zu kippen. Deshalb lese ich doch deine Tagebücher.

: Hast du keine ermutigendere Lektüre gefunden?

: Die lagen halt hier und sind zumindest nützlich für die Fehleranalyse. Auch ein Neustart braucht ein Betriebssystem. Und ehrlich gesagt: Viele von uns sind wild entschlossen, neu zu starten. Weil wir nicht ganz von vorn anfangen müssen, ist Neustart vielleicht nicht das richtige Wort. Ich habe gelesen, was du über deine Mutter schreibst und wer du warst. Nicht, dass ich Tagebücher mit Realität, Aufgeschriebenes mit Wahrheit verwechsle. Aber schon erstaunlich, wie weit ihr kommen konntet. Du.

: Ich?

: Du. Ihr seid nicht unbedingt gescheitert. Über viele Steine, die euch im Weg lagen, seid ihr hinweggestiegen. Oder habt sie weggeräumt. Trotzdem verlässt mich das Gefühl, dass wir uns im Kreis drehen, nicht. Ist nicht so einfach mit der Ermutigung.

: Ich kann dir nichts raten. Peter Høeg – den wirst du nicht kennen – hat mal geschrieben, es sei denkbar, dass wir gar nichts ausrichten können. Aber wolle man aushalten, in seine eigene Machtlosigkeit zu schauen, dann müsse man eines getan haben: Sein Äußerstes.

Das haben wir nicht getan. Aber viele waren nahe dran. Und schließlich lag zu meiner Zeit die Guillotine noch gar nicht so lange zurück, mit der sie Frauen wie Olympe de Gouges geköpft haben.

: Klingt schön, aber auch ein bisschen kitschig. Hast du den Text, den du für die Zeitung – Gott, Zeitungen, uns trennen wirklich Welten – schreiben solltest, geschrieben? Vor einhundert Jahren?

: Ich weiß es nicht mehr genau. Wahrscheinlich.

: Wieso reden wir eigentlich miteinander. Das ist doch eine ziemlich verrückte Angelegenheit. Uns trennt ein Jahrhundert. Ich hocke in meinem Habitat. Du bist Geschichte.

: Wir reden gar nicht. Wir sind erfunden. Also du bist erfunden. Mich gibt es. Noch.

Kathrin Gerlof ist Autorin und Schriftstellerin. Auf unseren Wunsch hin schrieb sie diese utopische Kurzgeschichte zum 100. Jubiläum des Frauentags für den Freitag



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Von Veritatis