Nirgendwo ist die Nostalgie für die Zeit des Kalten Kriegs stärker als im Spionage-Genre. Auch wenn es in den 30 Jahren seit dem Fall der Mauer genug neue und alte Feinde in Form von Schurkenstaaten und Terror-Organisationen gab, so ist doch jedem Bond-Film seither, jedem John-le-Carré-Roman eine gewisse Melancholie des Niedergangs eingeschrieben. Ach, was waren das noch für Zeiten, als es diesen Gegensatz der Systeme gab, das Wir-gegen-sie, den einen großen Feind mit seinen eigenen Codes, seiner eigenen Welt, der man immer das spiegelbildlich andere zuschreiben konnte! Der Kalte Krieg, so ähnlich beschrieb es unter anderem die Literaturprofessorin Eva Horn 2007 in ihrem Buch Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion, hatte auch deshalb eine besondere Affinität zum Fiktionalen, weil er eine Projektion war, ein Krieg in den Köpfen.

Die französische Spionage-Serie Büro der Legenden (Le bureau des légendes) macht deshalb schon einiges richtig, wenn sie ihren Figuren ein Erbe des Kalten Kriegs als konkrete Erfahrung einschreibt. Das titelgebende Büro ist ein Dachgeschoss in Paris, von wo aus der französische Auslandsnachrichtendienst DGSE seine Undercover-Agenten dirigiert. In den ersten Staffeln sind vor allem Nordafrika und der Nahe Osten das Einsatzfeld der Agenten. Zentraler Held der Serie ist der von Mathieu Kassovitz gespielte Guillaume Debailly, meist bei seinem Codenamen „Malotru“ gerufen, der in der ersten Folge von einem längeren Einsatz in Damaskus nach Paris zurückkommt. Die erste große Krise, die bewältigt werden muss, sind die Verhaftung und das anschließende Verschwinden eines Agenten in Algier. Parallel dazu wird in Paris mit Marina (Sara Giraudeau) eine junge Agentin für ihren baldigen Einsatz in Teheran präpariert. Später, ab der zweiten Staffel, bewegt sich das DGSE-Team mehr und mehr in der von ISIS beherrschten Region. Marina wird aus dem Iran abgezogen und geht nach Baku, andere Agenten sammeln Informationen unter kurdischen Soldatinnen, bei ägyptischen Terroristen oder saudischen Waffenhändlern. Mehr und mehr rückt schließlich Moskau in den Fokus: als feindliches Machtzentrum genauso wie als konkreter Ort der Handlung. Und mehr und mehr verwandelt sich dabei die Arbeit der Agenten vom klassischen Informationensammeln und Anwerben von Quellen in Cyberspionage, in das Infiltrieren und Auswerten von Computernetzen.

Noch bevor Russland als Akteur im Agentenspiel auf den Plan tritt, treibt es als dunkle Erinnerung in der Serie sein Unwesen: Der Leiter des Büros (Gilles Cohen) erwähnt gerne seine ihn prägenden Jahre als Undercover-Agent in Moskau; seinen damals geführten Codenamen „Moule à gaufres“ (Waffeleisen), von seinen Mitarbeitern liebevoll zu „MAG“ abgekürzt, hat er behalten. In der Biografie des späteren Büroleiters JJA (Mathieu Amalric) spielt Moskau eine noch größere, zutiefst traumatisierende Rolle. Gegen Ende spitzt die Serie ihren Hauptkonflikt auf eine Auseinandersetzung zwischen französischem und russischem Geheimdienst zu. Überhaupt erweist sich, dass hinter der Aktualität von Krieg in Syrien, ISIS-Terrorismus und Stuxnet-ähnlichen Viren die traditionellen Themen des Genres durchscheinen: In den insgesamt 50 Folgen geht es immer wieder um Verrat und Gegenverrat, um Zynismus versus Mitgefühl, um amoralisches Handeln im Namen einer höheren Moral beziehungsweise Loyalität, ganz wie man es aus den Klassikern von le Carré und anderen kennt. Dazu gibt es noch Arbeitsplatzaffären, Eifersüchteleien um Posten und eine große, sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte, die den Meisterspion humanisiert – also im Grunde alles wie gehabt.

Den Feind ernst nehmen

Doch das Besondere an Büro der Legenden ist gerade, dass einem das Formelhafte und Altmodische daran kaum auffällt. Im Gegenteil, in den fünf Jahren ihrer Laufzeit in Frankreich, von der Premiere im April 2015 bis zum Finale im Mai 2020, wurde die Serie immer wieder für ihre große Aktualität und Realitätsnähe gelobt. Zu jedem Staffelauftakt druckten Zeitungen diverse Interviews mit „echten“ Spionen unter Pseudonym ab, die darüber Auskunft gaben, wo die Serie Unwahrscheinliches zeige (auch erfolgreich aus dem Ausland zurückgekehrte Spione können sich kein Apartment im Pariser Zentrum leisten), wo sie nur knapp danebenliege (die Serie zeigt nur etwa acht gleichzeitig geführte Auslandsagenten, die Anzahl liegt in Wahrheit um einiges höher) und wo sie genau ins Schwarze treffe: wenn etwa die frisch aus dem Studium an der École polytechnique angeworbene Marina in einem Café einen Test bestehen muss, bei dem sie von zwei Fremden so viel Informationen wie möglich einschließlich der Telefonnummer einsammeln soll, und das, ohne Aufmerksamkeit zu erregen oder sich den Fremden einzuprägen. Den ersten Teil dieser Standardübung besteht Marina glänzend, nur beim zweiten Teil, dem Unauffälligbleiben, hat sie noch einiges zu lernen.

Die realistische Darstellung der Spionagetätigkeit ist dabei nur eines der Elemente, die von der ersten Folge an so faszinieren. Im Vergleich zu den Hitserien des Genres der vergangenen Jahre, den amerikanischen Produktionen Homeland und The Americans, fällt auf, dass es in Büro der Legenden viel weniger actionbetont zugeht. Weder muss der nächste Weltkrieg verhindert werden, noch tritt die französische Regierung durch prominente Personen in Erscheinung. Stattdessen sieht man viel Büroalltag im bereits erwähnten Dachgeschoss mit seinen Computerarbeitsplätzen in den Fensternischen und den gläsern eingefassten, klangdichten Konferenzräumen. Je länger man guckt, desto vertrauter wird einem das Büro als Arbeitsplatz, vom Aufzug nach oben bis zur Kantine im Erdgeschoss, die mit ihren Plastiktisch-Reihen und der hellen Holzbestuhlung etwas Ureuropäisches hat. Man meint fast riechen zu können, was es heute zum Mittagessen gibt.

Die Vertrautheit wird noch gesteigert durch „liebenswerte“ Details wie etwa die Codenamen: Moule à gaufres, Malotru, Rocambole, Cyclone – die Namen leiten sich aus den Schimpfworten des Capitaine Haddock in Hergés Comicserie Tintin ab, wie Malotru an einer Stelle seiner gerade dem Teenageralter entwachsenen Tochter anvertraut. Die Referenz ergibt fast zu viel Sinn, sind doch Capitaine Haddocks Schimpfworte selbst schon Code: Zum Schutz seiner jugendlichen Leser lässt Hergé seinen alten Seemann nämlich gerade keine Vulgärsprache verwenden, sondern „harmlose“ Ausdrücke, die er erst durch Emphase zu Schimpfworten macht. Es ist an sich schon eine Paraphrase auf das Undercover-Dasein.

Wie in jedem ordentlichen Spionageroman geht es letztlich aber um die ganz großen Fragen: um Wesen und Schicksal des Menschen. Marinas Weg vom naiven, verletzlichen „jungen Talent“ bis zur Veteranin mit PTSD hallt nach, auch wenn ihrer Geschichte ein echter Abschluss fehlt. Und mit Mathieu Kassovitz’ Malotru geht es dem Zuschauer wie dem Rest seiner Kollegen, denen Mathieu Amalrics JJA einmal vorwirft, sie alle seien verliebt in Malotru und würden darüber das Ethos der eigenen Arbeit und des Büros vergessen.

Eine der stärksten Figuren der zweiten Reihe ist Jonas Maury, ab der dritten Staffel Analyst im „Syrien-Büro“. Gespielt wird er von dem französischen Komiker Artus, der seine humoristische Seite nur mit wenigen trockenen Bemerkungen hervorkehrt. Gewohnheitsmäßig möchte man in ihm eine tragische Gestalt sehen: Dick, bebrillt und sozial eher ungeschickt, verkörpert er das Gegenteil eines Spionagetalents. Wo immer er „ins Feld“ geht, ragt er heraus, da hilft kein verkleidendes Palästinensertuch. Und dann zeigt sich, dass dieser Jonas etwas viel Wertvolleres kann als Undercover-Gehen: Er versteht es, zuzuhören, Details zu bemerken. Seiner geduldigen Ausdauer verdankt der fiktive DGSE seine größten Triumphe. Mit seiner Art, den Feind und seine Motive ernst zu nehmen, sie nachvollziehen zu können, verkörpert er gleichzeitig das Erfolgsrezept der Serie.

Büro der Legenden Éric Rochant Frankreich 2015 – 2020, 5 Staffeln verfügbar auf joyn.de



Source link

Von Veritatis