Ein so kurzes wie schönes Gedicht von Reiner Kunze namens „Silberdistel“ lautet: „Sich zurückhalten/an der Erde/Keinen Schatten werfen/auf andere/Im Schatten der anderen/leuchten.“ Dies könnte auch eine treffende Einordnung von Jewgeni Samjatins dystopischem Roman „Wir“ sein, vollendet 1921, der — obwohl er so vieles, was uns heute durch eine unnormale „neue Normalität“ droht, vorausgesehen hat — im Schatten der dystopischen Klassiker von Orwell, Huxley und Bradbury steht. Bedauerlicherweise gibt es dieses wegweisende und maßgebende Werk fast nur noch in zumeist unzulänglich übersetzten Ausgaben, miserabel gesetzt mit Trennungsfehlern, fehlenden Buchstaben, willkürlichen Trennstrichen und vielfach präsentiert in obskuren Covern. Insgesamt unwürdig eines avantgardistischen Buchs von solch überragender literarischer Qualität und beklemmender Hellsichtigkeit. Zum hundertjährigen Jubiläum des Romans eine mehr als notwendige Würdigung eines großartigen Werkes und seines Autors.



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Von Veritatis