Die Beziehungen zwischen „dem Westen“ und Russland sind angespannt. Wie betrachtet die ehemalige Russland-Korrespondentin der ARD Gabriele Krone-Schmalz die aktuelle Entwicklung? Im zweiten Teil des NachDenkSeiten-Interviews ordnet die Journalistin und Buchautorin den Fall Nawalny ein, spricht über Doppelstandards in der Berichterstattung über Russland und verrät, was sie meint, wenn sie in ihrem neuen Buch davon spricht, dass in Deutschland ein „aggressives Klima der Intoleranz“ vorherrsche. Den ersten Teil des Interviews finden Sie unter diesem Link. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Frau Krone-Schmalz, Medien bauen schon seit Jahren das Feindbild Russland auf. In unserem letzten Interview haben wir über Probleme in der Medienberichterstattung gesprochen, wenn es um Russland geht. Jetzt sind über zwei Jahre vergangen. Hat sich an der Vorgehensweise der Medien etwas geändert? Oder anders gefragt: Was fällt Ihnen auf, wenn Sie die Berichterstattung verfolgen?

Alles, was ich damals beschrieben habe, ist heute noch ganz genauso. Auf jeden Fall nicht besser geworden. Der Kabarettist Dieter Nuhr hat das mal so formuliert: „Wenn sich Journalisten als Influencer betrachten statt als Berichterstatter, wird’s problematisch.“ Genau das ist das Problem. Viel zu viele scheinen sich berufen zu fühlen, ihre Kundschaft auf den „richtigen“ Weg zu führen, was immer das sein soll. Das ist wahrlich nicht die Aufgabe von Journalisten. Wir sind keine neutralen Maschinen, das geht auch gar nicht, aber zum Qualitätsjournalismus gehört auf jeden Fall, sich losgelöst vom eigenen Kosmos in die Lage derer zu versetzen, über deren Lebensrealität man berichtet und all diese Facetten offen auszubreiten. Schlicht und einfach deshalb, damit der Mediennutzer besser versteht, was da woanders vor sich geht. Auf dieser Grundlage kann er sich seine eigene Meinung bilden und die muss nicht unbedingt mit der des Journalisten übereinstimmen.

Haben Sie Beispiele?

In all meinen Büchern zum Thema Russland habe ich immer ausführlich über Doppelstandards berichtet. Im Grunde vergeht kein Tag, an dem sich nicht mindestens ein Beispiel finden lässt. Das geht ja weit ins Sprachliche hinein, wenn Putin mit anderen Politikern „feilscht“ statt verhandelt und jede russische Aussage mit Worten wie „angeblich“ eingeleitet wird.

Was kann man einem Mediennutzer, der die „Berichterstattung“ zu Russland in deutschen Medien verfolgt, raten? Was sollte einem als Mediennutzer bewusst sein?

Ich tue mich mit einem Rat offengestanden sehr schwer. Der Idealzustand wäre vermutlich: Der Mediennutzer vertraut „seinem“ Medium oder „seinem“ Korrespondenten und kann das alles so hinnehmen und für sich verwenden. Denn permanentes Misstrauen ist nicht nur anstrengend, es führt auch substanziell nicht wirklich weiter. Bei Mediennutzern sollten auf jeden Fall alle Alarmglocken läuten, wenn sie feststellen, dass jemand nur moralisch argumentiert. Moral ist wichtig, keine Frage, taugt aber nicht als alleiniger Maßstab für die politische Analyse. Das kann man nicht oft genug wiederholen. Darüber hinaus ist es hilfreich, russische Sichtweisen unvoreingenommen zur Kenntnis zu nehmen, und dann erst zu entscheiden, ob es sich um Propaganda, nachvollziehbare Argumentationen oder auch ein bisschen von beidem handelt.

Lassen Sie uns bitte auf den Fall Nawalny eingehen. Die Person Nawalny ist in deutschen Medien sehr präsent. Wie ordnen Sie die Auseinandersetzung um Nawalny ein?

Für all diejenigen, die Russland nach wie vor oder schon wieder für das Reich des Bösen halten, ist die Auseinandersetzung um Nawalny ein willkommener Anlass, ihre Konfrontationspolitik zu rechtfertigen. So verabscheuungswürdig das Verbrechen an Nawalny auch ist, so problematisch ist eine allzu naive Vermischung von moralischer Empörung und Außenpolitik. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Vermischung mit Blick auf andere Staaten ganz selbstverständlich nicht stattfindet. Im Fall Nawalny können die Sanktionen nach Ansicht führender westlicher Politiker gar nicht hart genug sein. Im Fall Kashoggi waren Sanktionen aus geopolitischen Gründen – Moral hin oder her – nicht opportun.

Was meinen Sie, was hat es mit Nawalny auf sich?

Es ist schwierig, der vielschichtigen Persönlichkeit Nawalnys mit ein paar Sätzen gerecht zu werden. Unbestritten sind seine großen Verdienste im Kampf gegen Korruption sowie sein Mut und sein Charisma. Unbestritten sind aber auch seine grenzwertigen rassistischen Aussagen und seine Aufrufe zur Gewalt etwa gegen Kaukasier. Der österreichische Russlandexperte Prof. Dr. Mangott nennt Nawalny einen „radikalen russischen Nationalisten“. Selbst wenn Nawalny sich in der jüngsten Vergangenheit von derlei Äußerungen distanziert hat, ist es schon erstaunlich, dass sie bei der Beurteilung seiner Person inzwischen überhaupt keine Rolle mehr spielen. Es ist zudem an der Zeit, mit einem großen Missverständnis aufzuräumen. Nawalny und seine erneute Verhaftung bzw. Verurteilung waren sicherlich der Auslöser für die großen Demonstrationen in Russland, aber der Kern besteht nicht in einer Solidarisierung mit Nawalny, sondern hat mit einer latenten Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen zu tun. Beim oppositionellen Fernsehsender Dodschd, der von diesen Demonstrationen live und ausführlich berichtet hat, kamen immer wieder Menschen zu Wort, die ausdrücklich keine Anhänger Nawalnys waren. Und auch wenn Nawalny gerade unter jungen Russen viele Anhänger besitzt, so hat eine Umfrage des renommierten Meinungsforschungsinstituts Lewada ergeben, dass nur zwei Prozent der Wahlberechtigten für ihn als neuen russischen Präsidenten stimmen würden. Das alles mindert nicht die Empörung, die angesichts der erneuten Verurteilung Nawalnys entstanden ist, aber hilft dabei, die tatsächliche politische Bedeutung Nawalnys in Russland besser einzuordnen.
 
Lassen Sie uns noch auf ein anderes Thema eingehen – wobei das ja auch mit Russland bzw. der öffentlichen Diskussion um Russland zusammenhängt. Sie haben ein aktuelles Buch mit dem Titel „Respekt geht anders – Betrachtungen über unser zerstrittenes Land“ verfasst. Sie sprechen in dem Buch davon, dass in Deutschland ein „aggressives Klima der Intoleranz“ vorherrsche, wenn es um Meinungen gehe, die außerhalb des Mainstreams stehen. Was genau meinen Sie?

Die Ideologisierung und moralische Aufladung unserer Debatten und die daraus folgende Polarisierung, die zwangsläufig auf eine Radikalisierung hinausläuft. Das alles ist gefährlich für eine demokratische, pluralistische Gesellschaft, die nur ein gewisses Maß an Polarisierung aushält, wenn sie funktionieren soll. Klimawandel, Mobilität, Gleichberechtigung bzw. gendergerechte Sprache und natürlich auch das Thema Russland – überall sind die Meinungskorridore bedrückend schmal geworden. Mit anderen Worten: Andersdenkende sind kein selbstverständlicher Bestandteil unserer grundsätzlich lebendigen offenen Gesellschaft mehr, sondern Störfaktoren, die man besser gar nicht erst zu Wort kommen lässt, oder sogar Feinde, die es mit aller Konsequenz auszugrenzen gilt. Natürlich finden sich in meinem Buch aus den unterschiedlichsten Bereichen konkrete Beispiele dazu.

Ihr Buch soll ein Plädoyer für den respektvollen Streit sein. Teilen Sie folgende Einschätzung: Das öffentliche Klima ist so geprägt, dass ein echter Streit, aber auch die echte Debatte, die echte Diskussion, kaum noch vorkommen. Nimmt man nur mal die großen öffentlichen „Diskussionsplätze“, das heißt: Talkshows wie Anne Will oder „Illner“, in den Fokus, dann sieht man in aller Regel fünf oder sechs Stühle und eine Meinung. „Gestritten“ wird allenfalls um Ansichten, die sich in einem sehr engen Rahmen bewegen.

Anständig streiten ist eine anstrengende Sache. Anständig in doppeltem Sinne. Man muss in der Lage sein, jemandem bis zum Ende zuzuhören und nicht schon nach dem ersten Halbsatz innerlich die Klappe fallen zu lassen, nach dem Motto: ich weiß ja eh, was der jetzt sagt. Zur Debatte gehört das Bedürfnis, den jeweils anderen zu überzeugen, aber ebenso die Bereitschaft, sich selbst überzeugen zu lassen. Solange der zweite Teil dieser Grundhaltung eher als Schwäche oder Umfallen ausgelegt wird, ist damit nicht zu rechnen.

Nun gibt es ja in unserer Gesellschaft durchaus auch fundamental voneinander abweichende Meinungen. Nur: Wie gehen Medien damit um?

In der Verallgemeinerung ist das schwer seriös zu beantworten. Aber sagen wir mal so: Ich stelle zunehmend eine Tendenz fest, so etwas wie ein Pfadfinder sein zu wollen. Und zwar Pfadfinder nicht als Lotse durch die Fülle an Informationen, sondern Pfadfinder, um die Mediennutzer, wie ich vorhin schon sagte, auf den „richtigen“ Weg zu bringen. Diese Art von Bevormundung lehne ich ab.

Problematisch finde ich auch die zunehmende Bedeutung der sozialen Medien. Es ist richtig, dass diese die Teilhabe an der öffentlichen Diskussion vereinfachen. Auf der anderen Seite verstärken sie die negativen Tendenzen, die eine respektvolle Diskussion verhindern. Shitstorms, Hass, Beleidigungen, Empörung – all das findet sich hier in gesteigerter Form. Ich frage mich schon, ob es gut ist, wenn die etablierten Medien auf jeden dieser Shitstorms reagieren und ihn durch ihre Berichterstattung auch noch verstärken. Auch das trägt zur Polarisierung bei und zum Eindruck einer unversöhnlichen, gespaltenen Gesellschaft.

Wie sollte eine Gesellschaft, die Pluralismus hochhält, mit unterschiedlichen Ansichten umgehen?

Na, sie zugänglich machen. Was sonst? Und stärker gegen Hass auf Andersdenkende vorgehen, vor allem im Internet. Aber das ist leichter gesagt als getan. Wir reden so viel von Werten und grenzen uns damit von anderen Staaten ab, über die wir uns gleichzeitig moralisch erheben. Wie wäre es denn, mit allen möglichen Mitteln auf allen möglichen Ebenen in unserer Gesellschaft ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass nur ein offener, angstfreier Diskurs dafür sorgen kann, dringend notwendige Veränderungen – innen- und außenpolitisch – so voranzutreiben, dass die Menschen sie nicht nur mittragen, sondern aktiv befördern, weil sie die Freiheit hatten, sich umfassend zu informieren, auf breiter Front Argumente auszutauschen, über sinnvolle Kompromisse nachzudenken und dann entscheiden zu können.

Und eines ist mir zum Schluss noch wichtig: Kann es sein, dass all die Aufregung, Empörung und Unversöhnlichkeit, die in unseren öffentlichen Debatten sichtbar werden, gar nicht den Zustand unserer Gesellschaft spiegeln, sondern auch viel mit der Eigenlogik von Medien zu tun haben? Denn nach meinem Eindruck sind die meisten Menschen viel vernünftiger und versöhnlicher, als es unsere Debatten nahelegen.

Lesetipp: Krone-Schmalz, Gabriele: Respekt geht anders. Betrachtungen über unser zerstrittenes Land. C.H. Beck Paperback, 16. Oktober 2020. S. 174. 14,90 Euro.



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Von Veritatis