„Wir haben über Irrtum und Wahrheit schlechthin nicht zu urteilen“, schreibt der preußische Historiker Leopold von Ranke. „Es erhebt sich uns Gestalt um Gestalt, Leben um Leben, Wirkung und Gegenwirkung. Unsere Aufgabe ist, sie bis auf den Grund ihrer Existenz zu durchdringen und mit völliger Objektivität darzustellen.“ Liest man das Buch Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard, in dem Bernhards Halbbruder, Universalerbe und Nachlassverwalter Peter Fabjan seine Erinnerungen protokolliert, bekommt man den Eindruck, er habe sich von Rankes Bemerkung zum Motto genommen. Zum objektiven Biografen taugt Fabjan freilich nicht – es ist aber auch nicht sein Anliegen, abzurechnen oder über Wahrheit und Irrtum zu entscheiden. Vielmehr geht es ihm darum, den „Herkunftskomplex“ der Familie darzustellen und parallel dazu seine eigenen Erinnerungen an Thomas Bernhard und die Menschen, mit denen er sich umgab, festzuhalten.

Dasein als Nebenfigur

Da wäre beispielsweise Bernhards Großvater mütterlicherseits, der weitestgehend erfolglose Schriftsteller Johannes Freumbichler, Freigeist und Mentor wie auch Prototyp des von Bernhard immer wieder beschriebenen „Geistesmenschen“. Zum 18. Geburtstag schenkt er dem Enkel eine Sammlung selbst verfasster Knittelverse: „So wie es in die Feder läuft und ohne viel Bedenken, |Will ich dir väterlich hier Rat auf Ratschlag schenken.“ Kurze Zeit später verstirbt er. „Das Zentrum aber“, schreibt Fabjan, „war und blieb Hedwig Stavianicek.“ Bernhard-Enthusiasten ist sie als sein „Lebensmensch“ bekannt. Stavianicek stammt aus großbürgerlichen Verhältnissen, sie lernt Bernhard während eines Aufenthalts in der Lungenheilanstalt Grafenhof kennen – und wird zur frühen Mäzenatin. Die platonische Freundschaft der beiden hält bis zu ihrem Lebensende und darüber hinaus: Als sie 1984 fast 90-jährig stirbt, wird sie auf dem Grinzinger Friedhof in Wien beigesetzt; fünf Jahre später bestattet man Thomas Bernhard an ihrer Seite.

Peter Fabjan gibt seinem Buch den bernhardesken Untertitel Ein Rapport. Zutreffend wäre aber auch: eine Anamnese. Im Bericht Fabjans, der bis zum Jahr 2001 in Gmunden als Internist praktizierte, sucht man vergeblich nach Konjunktiven: Fabjan schreibt auf, was gewesen ist, enthält sich aber eines Urteils. Schnörkellos berichtet er von gemeinsamen Freunden und Reisen, unterfüttert das Skizzierte mit eigenen Notizen und reichlich Archivmaterial – Fotografien von Menschen und Häusern, faksimilierten Briefen, Postkarten. Über diesem umfangreichen Fundus, der auch für die wissenschaftliche Bernhard-Rezeption von herausragendem Interesse sein dürfte, tritt die Person Fabjans in den Hintergrund, existiert mitunter lediglich in der Funktion des Chauffeurs oder, später, des behandelnden Arztes. Die Launen und Invektiven des Halbbruders werden ihm dabei zu Indikatoren für dessen Zustand: „Als seine Unleidlichkeit wieder zum Vorschein kommt“, notiert Fabjan im Zusammenhang mit einem aus gesundheitlichen Gründen abgebrochenen Urlaub, „sind wir beruhigt. Er ist wieder der, den wir kennen.“

Obgleich zum Dasein als Nebenfigur verdammt, erzählt Fabjan aber auch die eigene Geschichte: Kindheit und Medizinstudium, die Gmundner Ordination, das Leben mit Gattin Anny und nicht zuletzt die Lebensaufgabe der Nachlassverwaltung. Das Zentrum, das er jedoch unermüdlich umkreist und auf das er sich stets wieder bezieht, bildet der Patient, die Person Thomas Bernhards. Auf diese Weise entstehen zwei faszinierende Anamnesen: die des Patienten und die des Arztes.

Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport Peter Fabjan Suhrkamp 2021, 195 S., 24 €



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Von Veritatis