T. C. Boyle plaudert in einem Videoclip auf Youtube in seiner Frank-Lloyd-Wright-Villa auf dem Ledersofa sitzend über seinen neuen Roman: „Das wird ein Erfolg bei allen, die Haustiere jeglicher Art besitzen, egal ob Hunde, Katzen, Hamster oder – wie im Fall dieses Buches – einen Schimpansen.“

Schimpansen gehen ja wirklich immer. Sie sprechen auch, mit Menschen zumindest dann, wenn sie sich über Gebärden artikulieren können, wie Sam, das Schimpansenkind. Dies beweisen zu können, ist jedenfalls die Hoffnung von Guy, einem Privatdozenten am Institut für Psychologie an der University of California, Anfang 30, ehrgeizig und mit Hang zum nachmittäglichen Cocktail. Auf der ihm zur Verfügung gestellten Ranch untersucht er in einem auf mehrere Jahre angelegten Spracherwerbsprojekt, ob die nur von Menschen betriebene Aufzucht von Sam zu einer mit linguistischen Kriterien beschreibbaren Sprachfähigkeit des Affen führt. Die Antwort auf die Frage, ob echte Kommunikation zwischen Mensch und Tier möglich ist, lässt sich bei diesem Fremdpflege-Experiment also nur über einen Verrat erreichen: Sam denkt, er sei Mensch, „und das war ja auch der Sinn der Sache“. Wir befinden uns im Jahr 1979. Wissenschaft und Kultur sind im Umbruch: In der Psychologie wird der Behaviorismus alter Schule mit seinem strikten Reiz-Reaktions-Modell gerade durch Ansätze aus der Kognitions- und Emotionsforschung abgelöst, und auch in Musik und Mode („schlechter Teint, Hundehalsband, kupferrotes, ganz kurz geschnittenes Haar … das nannte man Punk, eine Mode, die aus L.A. stammte und gerade erst auf dem Campus angekommen war“) werden alte Paradigmen durch neue ersetzt.

Aimee ist Studentin der Frühpädagogik, Anfang 20, praktizierende Katholikin, schüchtern. Statt Punk hört sie lieber die Talking Heads. Einer Intuition folgend, heuert sie als Guys studentische Hilfskraft an, nachdem sie ihn mit Sam in einer Fernsehshow gesehen hat. Es entsteht eine Patchworkfamilie mit Guy, Aimee und Sam im Zentrum. Sam sitzt adrett angezogen mit am Tisch, Sam heckt Streiche aus, kifft und trinkt mit, isst Eis und Pizza, und: Er denkt. Das zumindest ist es, was Boyle insinuiert, wenn er den Roman aus verschiedenen Perspektiven entstehen lässt. Allen voran aus jenen von Guy und Aimee, aber eben auch aus der von Sam, der (im Buch stets in Großbuchstaben gesetzt) in den anschaulichen Begriffen denkt, die er gebärden kann, sich darüber hinaus aber Fragen nach seiner Existenz stellt, die sich auch in Gefühle kleiden: Zwischen Guy, Aimee und Sam entsteht, was bei New Order Bizarre Love Triangle hieß.

Was sich in den Jahren auf der Ranch noch wie normales Familienchaos mit dem Anstrich eines wissenschaftlichen Experiments ausnimmt, gerät aus dem Lot, als eine Studie erscheint, die Schimpansen die Mittel zum Spracherwerb abspricht. Sam, eben noch Primat inter Pares, wird von seinem Besitzer zurückgefordert, einem Affen dem Primat der Ökonomie unterwerfenden Professor (rasierter Schädel, weißes Ziegenbärtchen, schwarze Augenklappe, Vorname Donald), damit er ihn gegen gutes Geld der biomedizinischen Forschung im Zeichen von Aids zuführen kann.

Wer den Dokumentarfilm Project Nim aus dem Jahr 2011 über den Schimpansen Nim Chimpsky kennt, dem kommt bis hierhin einiges bekannt vor: Tatsächlich beruht die Grundidee von Boyles Geschichte auf entsprechenden Experimenten in dieser Zeit, wie sie auch der Film zeigt.

Sam wird getauft – katholisch

Nim Chimpsky, ironisch benannt nach Noam Chomsky, auf dessen wissenschaftliches Verdikt hin die Sprachforschung mit Schimpansen in dieser Form eingestellt wurde (im Buch: „Nur Menschen sind für Sprache programmiert, und das Einzige, was Affen im Sinn haben, ist, sich bei uns einzuschleimen“), ist ebenso historisches Vorbild wie die im Film auftauchenden reellen Personen. Boyle versetzt die Geschichte von der Ostküste der mittleren 1970er zur Westküste der späten 1970er und frühen 1980er und fügt einige Volten hinzu, die aus dem historischen Stoff erst jenen Roman werden lassen, der (leider nur) einen Tick bizarrer ist als die Wirklichkeit. So mutmaßt man dort, wo ein katholischer Pfarrer ins Spiel kommt, zuerst, Aimee wolle sich mit dem Schimpansen verheiraten lassen. Tatsächlich handelt es sich aber „nur“ um Sams Taufe – immerhin.

Die hier nicht nur kirchenrechtlich relevante Frage, ob es sich bei Sam eigentlich um ein Tier oder um eine Person handelt, und also auch, ob die Seele eines Schimpansen doch nur eine äffische Konstruktion ist, ist für Boyle jedoch gar nicht die entscheidende. Er hat Subversiveres im Sinn: „Er war so menschlich und zugleich auch wieder nicht, als wäre es der Zweck seiner Existenz, die menschliche Spezies zu unterwandern.“ Der Autor lenkt, der Affe denkt, nur Aimee bleibt im ersten Satz des Buches gefangen: „Sie lernte nicht.“

Sprich mit mir T. C. Boyle Dirk van Gunsteren (Übers.), Hanser 2021, 352 S., 25 €



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Von Veritatis