Die Greensill Capital hat sich im Dschungel der Schattenbanken verzockt – ihr Aus trifft Kleinanleger sowie deutsche Kommunen

Die Verwirrung beginnt schon damit, ob es sich bei Greensill um eine Bank handelt. Oder um ein Fintech-Start-up, das sich zur Finanzierung seiner globalen Geschäfte eine deutsche Regionalbank gekauft hat. Und sie nun mit in den Abgrund reißt.

Noch bis vor wenigen Tagen kannten nur die wenigsten die Greensill Capital und ihre Tochter, die in Bremen angesiedelte Greensill Bank. Heute steht der Name für eine gigantische Finanzpleite, die vor allem deutsche Kommunen und Kleinanleger betrifft: Das Bundesland Thüringen wird wohl 50 Millionen Euro verlieren, die Stadt Monheim am Rhein 38 Millionen, Eschborn in Hessen 35 Millionen. Ist dafür – wie im Fall Wirecard vor ein paar Monaten – die Finanzaufsicht mitverantwortlich? Sind es die Stadtkämmerer, die in einem Umfeld negativer Zinsen unbedingt noch ein bisschen Rendite herausholen wollten und offenbar aus der Lehman-Brothers-Pleite vor zwölf Jahren nichts gelernt haben? Ist es die Gier aufseiten der Anleger, die den „Finanzhasardeuren“ in die Hände spielt?

Einzelne Schuldige für den milliardenschweren Schadensfall sind schnell gefunden – ein eingeübtes Spiel in der medialen Öffentlichkeit. Doch einfach nur „Skandal“ zu rufen und Unfähigkeit oder gar kriminelle Energie am Werk zu sehen, wäre falsch. Denn im Fall der Bremer Greensill Bank, wo immerhin drei Milliarden Euro und damit mehr als bei dem Bezahldienstleister Wirecard im Feuer stehen, geht es wohl an erster Stelle um strukturelle Ursachen: um die Folgen eines globalen Kapitalismus zwischen Schattenbanken und digitalen Plattformen, der immer mehr Märkte beherrscht.

Bei Greensill zeigt sich das auf beiden Ebenen, auf denen die Gruppe agierte. Da ist auf der einen Seite das Kerngeschäft der 2011 in London gegründeten Greensill Capital: Lieferketten-Finanzierung. Greensill zwischenfinanziert für Unternehmen die Rechnungen ihrer Lieferanten, wofür es die Mittel global agierender Investoren und des weltweiten Kapitalmarkts mobilisiert. Und da ist auf der anderen Seite die 2014 erworbene Greensill Bank in Bremen, vormals bekannt als Nordfinanz Bank, gegründet 1927 als Norddeutsche Finanzierungs-AG. Für das globale Fintech Greensill Capital ist sie vor allem ein Vehikel, um zusätzlich private Gelder – Einlagen von privaten Anlegern, Kommunen, Behörden – für das Kerngeschäft der Lieferketten-Finanzierung einzusetzen.

All das ist kein Geschehen abgehobener Finanztransaktionen. Greensill arbeitet mit dem sogenannten Reverse Factoring als einer Quelle von Unternehmensfinanzierungen für ganze Lieferketten von Waren, die gerade in Krisenzeiten wie derzeit gefragt ist. Dabei kauft und vorfinanziert ein bankähnliches Institut Forderungen von Lieferanten gegen die Abnehmer. Es streckt Firmen Barmittel vor und bezahlt ihre Rechnungen bei Lieferanten sofort. Für die prompte Begleichung gibt es einen Abschlag. Später fordert Greensill den vollen Rechnungsbetrag vom Kunden zurück und steckt den Gewinn ein.

Credit Suisse zieht zurück

Das Geschäft hat einen hohen Kapitalbedarf: Greensill braucht Geld, um Rechnungen zu begleichen, für die es Wochen oder Monate später bezahlt wird. Also „verpackt“ man die kurzfristigen Forderungen in Wertpapiere, die Investoren zum Kauf angeboten werden, um so Liquidität zu generieren. Solche Fonds, die zum Beispiel von der Schweizer Bank Credit Suisse aufgelegt worden waren, stellten Greensill die Mittel für seine Geschäfte zur Verfügung. Die Credit Suisse hatte immerhin rund zehn Milliarden Dollar dafür eingeworben. Weil die Forderungen gegen einen Zahlungsausfall versichert waren, galt auch ihre Verbriefung als sicher. Nur: Als die Versicherer mit Tokio Marine an der Spitze kalte Füße bekamen, zog auch die Schweizer Großbank die Reißleine. Greensill Capital saß auf dem Trockenen.

Was aber bewog die Versicherer zum Ausstieg? Im Februar war herausgekommen, dass auf die global agierende Familienholding des britisch-indischen Unternehmers Sanjeev Gupta – einem wichtigen Kunden von Greensill – zeitweise zwei Drittel der Forderungen entfielen: ein enormes Klumpenrisiko. Zu Gupta gehört die britische Liberty Steel, an die Thyssenkrupp noch vor einigen Wochen das traditionsreiche frühere Kerngeschäft Stahl losschlagen wollte. Als Credit Suisse dann für ihre „Supply-Chain-Fonds“ den Handel aussetzte, kam die Sache ins Rollen. Es folgten Insolvenzanträge von Greensill in Australien und London. So weit die erste Ebene des großen Finanzkapitals.

Ganz anders sieht es auf der zweiten Ebene der Gruppe aus. Hier verhängte die Finanzaufsicht Bafin den Zahlungsstopp. Denn die Bank in Bremen konnte der Behörde die Existenz von bilanzierten Forderungen nicht nachweisen, die sie von der Muttergesellschaft angekauft hatte. Die Greensill Bank betrieb bis dato das Plattformgeschäft mit besonderen Konditionen für Privatleute – es sollen etwa 15.000 sein – und Institutionen: circa 50 Städte und Gemeinden.

Um Anleger zu finden, setzte die Greensill Bank auf Online-Vermittler. Die mittlerweile populären Zinsportale vermitteln über das Internet Sparer an meist kleine und weniger bekannte Banken und locken mit höheren Zinsen, als bei traditionellen Adressen zu haben wären. Diese Kreditinstitute bekommen dadurch Zugang zu Kunden, die sie sonst nicht erreichen. In Zeiten von Nullzinspolitik der Notenbanken werden Konditionen angeboten, die Sparkassen, Volksbanken oder auch die großen Geldhäuser nicht bieten. Über Internetplattformen werden Festgeldanlagen bei Instituten in Litauen, Bulgarien, Malta oder Estland vermittelt; die Zinsportale treten dabei unter so vertraut klingenden Namen wie Weltsparen oder Zinspilot auf. Immer mit dem Hinweis, dass Guthaben bis 100.000 Euro durch nationale Einlagensicherungsfonds geschützt sind. Die Plattformen wiegen die Anleger so in Sicherheit und verleiten sie zu riskanten Investments. Auch tradierte Geldhäuser, früher kritisch zur neuen Konkurrenz, sind inzwischen teilweise an den Zinsplattformen beteiligt und kooperieren mit ihnen. So offerieren sie den über Nullzinsen murrenden Kunden Hinweise auf Angebote mit Anlagen, die noch etwas abwerfen, und halten sich so unrentable Einlagen vom Hals.

Einlagen versechsfacht

Die Greensill Bank sammelte auf diesem Wege sehr schnell sehr viel Geld ein: Die aktuellen Kundeneinlagen sollen sich auf rund 3,6 Milliarden Euro summieren. Allein von 2018 auf 2019 hatten sie sich von 582 Millionen auf 3,2 Milliarden Euro nahezu versechsfacht. Deutsche Privatanleger sollen nach Schätzungen etwa eine Milliarde Euro bei der Greensill Bank deponiert haben. Deren Bilanzsumme war Ende 2020 auf rund 4,5 Milliarden Euro explodiert.

Die Zinsportale gehören als Fintechs zu der Gruppe der in den vergangenen Jahren besonders gehypten Start-ups; was die Regulierung angeht, gehören sie zum Schattenbanksektor. Dementsprechend gehen sie auch mit ihrer Verantwortung um: Man schaue sich Profitabilität, Liquidität und Eigentümerstruktur der Geldinstitute, an die man vermittle, an, heißt es dann. Aber es sei eben Sache der Aufsicht und der Wirtschaftsprüfer, deren Bücher zu prüfen. So wollen sich die Fintechs aus der Affäre ziehen.

Laut einer EU-Richtlinie hat jedes Mitgliedsland der Europäischen Union Sicherungssysteme zu installieren, nach denen Einlagen bis zu jeweils 100.000 Euro geschützt sind. Wie die Länder das organisieren, ist ihre Sache. Teilweise haben Banken oder ihre Verbände Sicherungsfonds aufgelegt, teilweise springt der Staat ein. Die Einlagen von Privaten bei der Greensill Bank sind bis zu einer Höhe von 100.000 Euro von der Entschädigungseinrichtung deutscher Banken abgesichert; Kleinanleger werden also keinen Verlust tragen müssen. Die Einlagensicherung gilt für Tagesgeld, Festgeld und Girokonten sowie für Sparguthaben und Sparbriefe von Privatleuten. Für die Kommunen gilt die Absicherung nicht, deren Gelder dürften futsch sein, was dazu führen könnte, dass betroffene Kommunen ihre Verluste durch Kürzungen bei ihren sozialen Leistungen ausgleichen.

In den Jahren nach dem Ausbruch der Weltfinanzkrise 2007/08 haben die Schattenbanken stetig an Bedeutung gewonnen. Das sind Unternehmen, die ähnliche Geschäfte wie die klassischen Banken betreiben, aber nicht die gleichen strengen Vorgaben erfüllen müssen und weniger streng kontrolliert werden. Dazu zählen Hedgefonds, Kreditfonds, Verbriefungsvehikel, aber auch immer öfter Technologie-Firmen mit Geschäftsmodellen im Finanzbereich. Dies, obwohl ja die Finanzialisierung mittels massenhafter Verbriefungen die Krise 2007 mit ausgelöst hatte. Doch die seitdem herrschende Niedrigzinspolitik zur Rettung der Kapitalmärkte bewirkt eine Tendenz zur Enteignung schwacher Akteure, die nicht wohlorganisiert und profitabel in Finanzmärkten agieren können. In der Lücke dieser schwierigen Zugänge agieren die Fintechs, etwa indem sie leichten Zugang zu entfernten Angeboten mit Scheinsicherheit offerieren.

Bei Greensill geht es, soweit bisher bekannt – anders als bei Wirecard –, nicht um kriminelle Energie. Vielmehr ist es die Funktionsweise der strukturellen Anreize, das eingesetzte Kapital so effektiv wie möglich zu nutzen, die in einer solchen Implosion aufscheint. Dass die Aufseher mit der immer stärkeren Vermischung von Technologie und Finanz, mit Algorithmen und Bankgeschäft und der globalen Vernetzung der Finanzwelt nicht Schritt halten, ist gerade Teil des Spiels. Befürworter der Deregulierung der Märkte argumentieren, dass die Finanzialisierung eine überlegene Art des Umgangs mit Risiken aller Art in der globalen Konkurrenz der Unternehmen ermögliche. Durch Verbriefung werde das Risiko bewertet, verteilt und eingepreist, das Finanzsystem und die globale Warenzirkulation somit stabiler. Doch diese Hoffnung hat sich bereits 2008 als falsch erwiesen.

Am Montag hat die BaFin ein Insolvenzverfahren für die Greensill Bank, vormals Nordfinanz Bank, eingeleitet.

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Von Veritatis