Die seit Monaten anhaltende Debatte um die Corona-Politik und deren in allen Bereichen unserer Gesellschaft spürbare Folgen hat die Menschen in unserem Land polarisiert. Das schadet nicht nur dem sozialen Frieden und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern auch der Qualität der Argumente, die wir so dringend im engagierten Diskurs austauschen müssen. Wir wollen die Diskussion wieder versachlichen, um im Rahmen des demokratischen Spektrums den Raum für einen freien Dialog zu schaffen und offenes Denken verstärkt zu ermöglichen. Vor allem dürfen wir nicht den Verschwörungsfanatikern, Extremisten und Demokratiefeinden das Feld überlassen, wenn es um die kritische Bestandsaufnahme und das konstruktive Hinterfragen der Corona-Maßnahmen geht. Wir wollen weg von der erregten Zuspitzung in den Medien, weg von Konformitätsdruck und einseitiger Lagerbildung in der Gesellschaft und weg von einem unguten Schwarz-Weiß-Denken. Gefragt ist eine grundsätzliche Offenheit auch für den möglichen Irrtum, in der grundlegenden Annahme, dass auch das Gegenüber im Streit von besten Motiven geleitet sein und grundsätzlich recht haben kann. Gerade mit Blick auf die anstehende und notwendige Aufarbeitung einer der schwersten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sollte gelten: Tauschen wir uns besonnen, in Ruhe, ohne Angst, mit Sinn für die Zwischentöne und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen aus, auf der Basis eines Zusammenlebens in Freiheit und einer von uns allen geteilten Diskussions- und Streitkultur: hart in der Sache, aber moderat im Ton (fortiter in re, suaviter in modo). Für die offene und freie Gesellschaft.

Svenja Flaßpöhler

Chefredakteurin Philosophie Magazin

Dass inzwischen Freunde raten, sich besser nicht kritisch zur Corona-Politik der Bundesregierung zu äußern, weil man so leicht den eigenen Ruf ruinieren und in die rechte Ecke gestellt werden könnte, bereitet mir große Sorge. Wenn wir verlernen oder uns nicht trauen, differenzierte Kritik zu äußern, gefährden wir das Kernprinzip der Demokratie und stärken ihre Feinde.

Caroline Link

Regisseurin

Demokratie funktioniert nur, wenn jeder Einzelne grundsätzlich anerkennt, dass auch die Meinung von Andersdenkenden gehört werden muss. Unsere Welt ist kompliziert. Ein friedlicher Austausch von Standpunkten, auch außerhalb der eigenen Blase, schützt vor Radikalisierung.

Uwe Eric Laufenberg

Intendant Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Regisseur und Schauspieler

In einer Demokratie muss es intelligentere Lösungen als ein Wegsperren geben. Die Wissenschaften müssen mit unterschiedlichen Studien im produktiven Streit bleiben. Die Politik muss dem Bürger Eigeninitiative abverlangen. Und Vertrauen herstellen. Orthodoxie und Katholizismus müssen nicht nur in der Religion jederzeit neu befragt werden.

Wulf Kansteiner

Zeithistoriker und Professor, Universität Aarhus/Dänemark

Ich lebe schon lange im Ausland. Ich bin auf die Toleranz meiner Mitmenschen angewiesen und ein großer Fan von Völkerverständigung durch alltäglichen Umgang. Die Schließung von Grenzen, losgelöst von rationalen medizinischen Erwägungen, und die Aufwertung des Imaginationsraumes „Nation“ erschrecken mich. Es ist in unser aller Interesse, dass Grenzen für Pendler, Ein- und Auswanderer und Flüchtlinge durchlässig sind. Freizügigkeit ist Friedenspolitik und Menschenrecht.

Rebecca Niazi-Shahabi

Publizistin

Das Schlimme am Totalitarismus ist ja nicht, dass Böse Böses vorhaben, sondern dass das Gutgemeinte maßlos ausgedehnt wird, bis es schließlich alles andere in der Gesellschaft verschlingt. Der oder die „total Gute“ ist auch deswegen so gefährlich, weil die total Guten bis zum letzten Moment glauben, sie seien auf der richtigen Seite.

Helmut Schleich

Kabarettist

Der Wegfall der Live-Kultur verändert die Gesellschaft. Etwas gemeinsam anzuschauen, über dieselben Dinge zu lachen, sich an denselben Dingen zu reiben, ist ein ganz wichtiges Moment für eine Gesellschaft. Die Leute vereinzeln sonst, sie hängen nur noch im Internet und am Fernseher rum. Aber ich glaube auch, dass den Regierenden, namentlich Merkel und Söder, persönlich nichts fehlt, wenn Live-Kultur nicht stattfindet. Es stellt sich also die Frage: Sind die Regierenden unkultiviert?

Géraldine Schwarz

Journalistin und Autorin

Es wäre fatal, die Widerstandsfähigkeit unserer Institutionen und Gesetze zu überschätzen. Die Stabilität unserer Demokratie hängt vom Überleben ihres Geistes ab, ungeschriebene Normen für alle:
• Respektiere die Meinungsfreiheit und politische Legitimität deines Gegners, aber ziehe eine Grenze bei antidemokratischen Kräften.
• Fordere nicht nur Rechte ein, sondern handle für das Gemeinwohl.
• Verwechsle nicht Meinung mit Wissen.
• Akzeptiere, dass dein Wille nicht immer erfüllt werden kann.

Sebastian Pflugbeil

Physiker, Gründungsmitglied „Neues Forum“, Großvater

Vielleicht sind Bürger, die unter der Diktatur des Proletariats aufgewachsen sind und sich im Herbst 1989 mit der Obrigkeit angelegt haben, etwas empfindlich. Damals haben wir erlebt, wie ein signifikanter Teil der Einwohner von einem Tag auf den anderen begann, als Bürger offen miteinander zu reden, miteinander nachzudenken. Ich habe nie gefragt: Bist du Genosse, kommst du von der Stasi? Das waren die freiesten Wochen meines Lebens. Wir pochten auf die Verfassung: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit, Post- und Fernmeldegeheimnis, Unverletzlichkeit der Wohnung. Viele Kirchen öffneten für uns die Türen, sie waren oft so voll wie zuletzt in der Reformationszeit. Verdammt noch mal – wo sind wir heute gelandet!

Mithu M. Sanyal

Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin

Es geht nicht um Sicherheit versus Freiheit, sondern darum, wahrzunehmen, dass widerstrebende Bedürfnisse alle eine Berechtigung haben können. Bei der Debatte um die Schulöffnung etwa schien es nur Pro und Kontra zu geben. Warum haben wir nicht stattdessen kreativ überlegt und den Schulbeginn um 8.00 Uhr gekippt? Alle Studien zeigen, dass der Schüler*innen und Lehrer*innen schadet und in der ersten Stunde gar kein vernünftiges Lernen möglich ist. Lasst uns die Chancen der Corona-Krise nutzen.

Thorsten Kingreen

Verfassungs- und Gesundheitsrechtler, Universität Regensburg

Ich wünsche mir, dass wir uns aus der kurzatmigen binären Diskussion über mehr oder weniger Lockdown lösen und stattdessen gemeinsam darüber streiten, wie wir als Gesellschaft lernen können, durch nachhaltige Prävention mit diesem und einem nächsten Virus zu leben, ohne uns als Bildungs-, Kultur- und Wirtschaftsstandort zu ruinieren.

Michael Meyen

Medienforscher und Professor, Ludwig-Maximilians-Universität München

Eine offene Gesellschaft braucht eine Bühne, auf der alle vor aller Augen alles verhandeln können – ohne Stempel (Verschwörer, Nazi, Antisemit) und ohne Angst um Leib und Leben (Julian Assange). Nach dem Ende der DDR dachte ich: Jetzt kommt es, das Reich der Freiheit. Heute gibt es eine Debatte um Cancel Culture, ein Netzwerk Wissenschaftsfreiheit und dieses Manifest. Die große Bühne ist klein geworden, weil wir den Journalismus dem Kommerz, der Politik und der Moral ausgeliefert haben.

Franziska Augstein

Publizistin

Zuallererst die Bundesregierung und die Länderregierungen sollten sich auf die Kultur des Meinungsaustauschs besinnen. Regieren per Verordnung ist nicht demokratisch. Entsprechend kommen die Anti-Corona-Maßnahmen bei der Bevölkerung an. Entsprechend wird die Bevölkerung in wachsender Zahl reagieren: politverdrossen oder aggressiv.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Bundesjustizministerin a. D., stellv. Vorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Ja, es gibt genug Anlässe zu Frust und Ärger in Pandemiezeiten, die zu massiven Freiheitsbeschränkungen geführt haben und deren Ausgang unbekannt ist. Lasst uns faktenreich und respektvoll streiten und um Argumente ringen, ohne persönliche Beleidigungen und Beschimpfungen. Das ist das Salz der Demokratie und ihre Stärke. Aussprechen, Zuhören, Erklären und Verständigen führen zum Miteinander, absolute Wahrheiten hat niemand. Dürfte doch nicht so schwierig sein!

Johann König

Galerist

Zu einer offenen Gesellschaft gehört die Kunst. Und die Kunst ist selbst eine offene Gesellschaft. Museen, Galerien und auch ihre Besucher haben ihre eigene Mündigkeit. Menschen, die für sich selbst sorgen können und ihre eigenen Entscheidungen treffen, sind besser als Regeln, die sich ohnehin nicht durchsetzen lassen – das ist das übereinstimmende Resultat der Kunstgeschichte wie auch der politischen Geschichte durch die Jahrhunderte.

Unter shop.freiheit.org/#!/Veranstaltung/G5NEW findet am 25. März von 19 bis 20 Uhr eine Online-Debatte zum Thema statt. Es diskutieren Jürgen Overhoff, René Schlott, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Franziska Augstein

Dietrich Brüggemann

Filmregisseur, Drehbuchautor und Musiker

Bei Brecht war der Vorhang zu und alle Fragen offen. Heute sehen wir den Vorhang immer noch zu, aber alle Fragen beantwortet. Die Bewertung steht immer schon fest, bevor die Nachricht überhaupt überbracht wurde, und dann gehen sich alle an die Gurgel. Als Film wäre das ganz unterhaltsam, aber selbst da läuft es sich tot. Lasst uns wieder neugierig sein und das Existenzrecht unserer Mitmenschen nicht andauernd in Frage stellen. Dafür aber unseren eigenen Standpunkt. Der kann gar nicht genug in Frage gestellt werden. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die Fragen wieder offen sind.

Ulf Erdmann Ziegler

Schriftsteller

Nun endet die Zwischenherrschaft der Virologen. Covid-19 war doch nicht die Pest, wir werden damit leben müssen. Leute mit Gehältern und Balkonen fanden das alles erträglich. Ihre persönliche Furcht hat sie zu furchtsam gemacht. Was wir dabei den Kindern, den Alten und den Armen angetan haben, wird nicht so leicht wiedergutzumachen sein. Die Kultur muss einen neuen Gesellschaftsvertrag aushandeln; ihr Gewicht bei der Bewältigung der Verluste wird erheblich sein.

Magnus Klaue

Germanist und Autor

Wichtiger als ein Plädoyer für abstrakten Liberalismus und die Abgrenzung gegen Obskurantisten scheint mir zu sein, sich gegen eine Tendenz zum Obskurantismus auszusprechen, die auf Seiten der Maßnahmen-Befürworter zu beobachten ist, welche von Corona wie von einer Gottheit sprechen („Das Virus bestraft Halbherzigkeit“, A. Merkel). Bürgerliche Freiheitsrechte sind keine Sonderrechte, sondern Möglichkeitsbedingung aller anderen Rechte, auch der Forschungs- und Lehrfreiheit. Ohne jene verlieren diese ihre Substanz und bestehen bestenfalls als Rechtsfiktion fort.

Jan Josef Liefers

Schauspieler, Musiker und Regisseur

Ein System, dass Kunst für nicht systemrelevant erklärt, ist ein System ohne Relevanz. Um Grundrechte dermaßen lange auszusetzen, bedarf es erstklassiger Gründe, die immer wieder der öffentlichen Gegenrede ausgesetzt werden und ihr standhalten müssen.

Maximilian Steinbeis

Jurist und Chief Editor „Verfassungsblog“

Ich halte die Diagnose des Manifests für nicht überzeugend und die vorgeschlagene Therapie für falsch. Sie tut, als handle es sich bei dem Konflikt, um eine bloße Meinungsverschiedenheit, die sich in einem vernünftigen klärenden Gespräch ausräumen ließe, und nicht um eben dies: einen Konflikt zwischen divergierenden Interessen, geführt um Lebenschancen, Ressourcen und Macht. Sie entpolitisiert die gegenwärtige Situation in einem Moment, wo nichts nötiger wäre als Politik. Sie blendet aus, in welchem Maß der Konflikt längst um die Kontrolle über die Diskursregeln geführt wird. Und Sie wird viele derjenigen, die hier zum Dialog eingeladen werden, vermutlich nur noch wütender machen, jedenfalls aber nichts gegen die Wut ausrichten.

Hanns Zischler

Schauspieler

Wenn sich aufgeklärt wähnende Menschen im März 2021 über den öffentlich geäußerten Kindheitswunsch einer Grünen-Politikerin „empören“, sie habe „Indianderhäuptling“ werden wollen, müssen wir dann nicht Kafkas Aphorismus von 1913 – also mitten aus der Karl-May-Zeit – „Wunsch, Indianer zu werden“ sofort säubern? Hätte die Politikerin nicht schon als Kind wissen müssen, dass Jahrzehnte später ihr dieser Lapsus vorgehalten würde!

Volker Bruch

Schauspieler

Meinungsfreiheit ist die Basis der Demokratie. Wenn jede grundsätzliche Kritik am Regierungskurs weiterhin pauschal als verschwörungstheoretisch und rechts abgetan wird, verkommt die Meinungsfreiheit zu einem theoretischen Privileg und jegliche Wahrheitsfindung wird im Keim erstickt. Wir brauchen einen echten, angstfreien Diskurs in den Leitmedien.

Arno Luik

Autor

„Eine kleine, persönliche Geschichte: Meine Schwester ist schwer krank. Sie muss nun umziehen in betreutes Wohnen. Ihre Kinder helfen ihr beim Umzug. Ein paar Enkelkinder sind dabei, tollen herum (wo sollen sie auch hin?), helfen ein bisschen beim Packen, da kommen Nachbarn (die meine Schwester seit Jahrzehnten kennen) und sagen: ,Das geht nicht, dass diese Kinder hier rumspringen. Das verstößt gegen die Auflagen. Sorgen Sie dafür, dass die sofort weggehen. Oder wir holen die Polizei.‘ Deutschland, im Frühjahr 2020.“ So fing ein Essay zum Thema Corona an, den ich genau vor einem Jahr auf Wunsch eines Wochenmagazins schrieb, das sich als „kritisch und links“ versteht. Die Redaktion lehnte nach mehreren Abstimmungen den von ihr bestellten Text, der sich mit den Nebenwirkungen der Corona-Maßnahmen befasste, schließlich ab, unter anderem mit dieser Begründung: Es sei „derzeit nicht opportun, die Regierungspolitik zu kritisieren“.

Manfred Geier

Wissenschaftlicher Publizist

Nicht nur als Staatsbürger, sondern auch beruflich motiviert, unterstütze ich das Manifest der Offenen Gesellschaft. Denn als Philosophiehistoriker, der sich seit Jahrzehnten für die Programmideen der Aufklärung engagiert, von Immanuel Kant bis Karl Popper, sehe ich mit Erschrecken, wie eigener Verstandesgebrauch und mündige Selbstverantwortung durch eine Staatsgewalt außer Kraft gesetzt werden, die sich der kritischen Auseinandersetzung entziehen will.

David Schneider-Addae-Mensah

Rechtsanwalt

Ein einzelnes Virus darf nicht dazu führen systematisch Grund-, Freiheits- und Menschenrechte auszuhebeln, Menschen panisch oder depressiv zu machen und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden. Es ist grundsätzlich nicht Aufgabe des Staates für die Gesundheit des Einzelnen zu sorgen. Staatliche Fürsorge wird schnell zu staatlicher Bevormundung mit Zwang und Gewalt. Die Grundfreiheiten auf Krankheit und auf Ableben garantieren dem Einzelnen jedoch ein hohes Maß an Autonomie.

Corinna Kirchhoff

Schauspielerin

Wir brauchen dringend den Austausch differenzierter Gedanken, unterschiedlicher Einschätzungen zur Situation, ohne Konformitätsdruck, Vorverurteilung oder gar Stigmatisierung, wir dürfen uns nicht spalten lassen.

Uwe Volkmann

Rechtswissenschaftler und Hochschullehrer

Je länger die Pandemie andauert, desto dringlicher wird die Frage, welche Einschränkungen unserer grundlegenden Freiheiten wir für das Ziel ihrer Bekämpfung weiter in Kauf nehmen wollen, wo überhaupt die Grenze zwischen staatlicher und individueller Gesundheitsverantwortung künftig verlaufen soll und mit welchem Risiko wir als Gesellschaft insgesamt zu leben bereit sind.

Jürgen Overhoff

Universitätsprofessor und Bildungshistoriker

Ideelle Werte entziehen sich jeder Nutzenkalkulation. Sie gelten bedingungslos, schielen auf keinen Effekt. So verhält es sich mit der Freiheit. Wird sie eingeschränkt, nimmt die geistige Unversehrtheit des Menschen Schaden. Seit der Aufklärung sind Gedanken- und Bewegungsfreiheit Grundlagen unseres Zusammenlebens. Aus Sorge um das körperliche Wohl darf der Staat dies nicht in Frage stellen. Sonst wird er, wie Wilhelm von Humboldt wusste, „moralisches Übel anrichten, um physisches zu verhüten“.

Wulf Kansteiner

Zeithistoriker und Professor

Ich lebe schon lange im Ausland. Ich bin auf die Toleranz meiner Mitmenschen angewiesen und ein grosser Fan von Völkerverständigung durch alltäglichen Umgang. Die Schliessung von Grenzen losgelöst von rationalen medizinischen Erwägungen und die Aufwertung des Imaginationsraumes „Nation“ erschreckt mich. Es ist in unserer aller Interesse, dass Grenzen für Pendler, Ein- und Auswanderer und Flüchtlinge durchlässig sind. Freizügigkeit ist Friedenspolitik und Menschenrecht.

Michael Esfeld

Professor für Wissenschaftsphilosophie

Statt Panikmache sollten wir zu einer sachlichen Diskussion der verschiedenen Strategien zum Umgang mit der Pandemie kommen, die alle mit Vernunft vorgetragenen Stimmen berücksichtigt. Respekt der Menschenwürde und der Grundrechte, die jedem Menschen von Natur zukommen und nicht der Verfügungsgewalt des Staates unterliegen, sind die Grundlage der Demokratie und der offenen Gesellschaft.

Johanna Krumin

Sängerin

Skepsis bedeutet ursprünglich: Hinsehen, Prüfen.
Skeptische Stimmen pauschal zu diffamieren oder den moralisch abzuwerten, der Fragen stellt, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Politisches Unrecht oder Verschwörungen gibt es, seitdem es Politik gibt. Machiavelli hat das Fachbuch dazu geschrieben.
Wird Naivität zur neuen Tugend erhoben? Wenn ja: Warum?
Spinner sind Spinner, aber Unrecht ist Unrecht.
Eine gesunde Gesellschaft sollte genau hinschauen, wo der Unterschied liegt.

Hedwig Richter

Historikerin

Was ist das für eine Zumutung: Beständig mit anderen Meinungen konfrontiert zu sein, mit Kritik, mit Gleichgültigkeit gar, mit Unverständnis und womöglich auch mit Dummheit. Aber was für ein Reichtum ist das! Das Leben in einer pluralen Gesellschaft, die immer diverser wird, ist eine Zumutung – und ein Geschenk, das wir hegen und pflegen sollten.

Ulrike Guérot

Politikwissenschaftlerin

Als jemand, der bereits zwei Morddrohungen bekommen hat, weil ich mich öffentlich kritisch gegenüber den Lockdown-Massnahmen geäußert habe, erlebe ich zum ersten Mal eine bis dato nicht-gekannte Polarisierung einer öffentlichen Diskussion am eigenen Leib, nämlich eine Situation, in der kritische Personen an den Rand einer fest gefügten und in ihren Grundannahmen fast verbarrikadierten Debatte gedrängt und obendrein bedroht werden. Es ist dringend Zeit, diese Diskussion zu versachlichen und wieder Sprecher & Argument zu trennen. Nicht jeder, der sich kritisch zu den Corona-Maßnahmen äußert, ist ein „Aluhut“, Reichsbürger oder „rechts“.

Moritz Rudolph

Politischer Theoretiker

Man ahnt, dass Corona die Bundesrepublik verändern wird. Wie genau, weiß man allerdings noch nicht. Bildet sich ein exekutiv-technokratischer Komplex? Der gleich noch die ökologische Krise anpackt? Kommt eine kybernetische Wende? Was bedeutet das für den Staatscharakter? Ist das überhaupt noch die alte Bundesrepublik? Um Corona zu verstehen, werden Deutungen notwendig sein, auch verwegene. Manche werden danebenliegen. Hören will man sie trotzdem. Dann könnten es Hochzeiten des politischen Denkens werden.

René Schlott

Historiker

Maßnahmen, Disziplin, Verordnungen, Abstand und „die Zahlen“ drohen zur Signatur unserer Gesellschaft zu werden. Der Notstand wird mehr und mehr zur Gewohnheit. Fatalismus, Lethargie und Empathielosigkeit machen sich breit. Nichts aber ist so gefährlich für unsere Demokratie wie Gleichgültigkeit.

Michel de Montaigne

Philosoph

Ein noch junger Bube in Sparta, der einen Fuchs gestohlen (die Spartaner fürchteten mehr die Schande der Dummheit bei einem Diebstahle, als wir die Strafe unsrer Bosheit fürchten) und unter seinem Mantel versteckt hatte, wollte lieber erdulden, daß er ihm den Bauch zerbisse, als daß er den Diebstahl eingestanden hätte.

Daniel Behle

Opernsänger und Komponist

Kulturelle Veranstaltungen müssen eine Sonderstellung erlangen. Ein Land, welches seine Kultur aus Ahnungslosigkeit verbietet, da sich diese durch Vielschichtigkeit in Form und Art einer spröden behördlichen Kategorisierung widersetzt, ist ein armes Land. Die Wichtigkeit einer ausführenden Kultur für ein friedliches Miteinander wird in der Pandemie deutlich und sollte uns ein Ansporn sein die Zukunft zu ihren Gunsten zu ändern.

Felix Meyer

Sänger, Texter und Dokumentarfotograf

Das strikte Entweder/Oder im Denken ist ein Treiber der Zwietracht geworden in einem Moment, in dem wir mehr denn je gegenseitiges Verständnis bräuchten. Wir drohen, unseren Kindern eine zu großen Teilen zerstörte oder verseuchte Umwelt und eine unerhört ungerechte Gesellschaft zu hinterlassen. Wir dürfen nicht auch noch die Art und Weise vergiften, in der wir über all das reden können, was gerade mit uns passiert. Unsere größte Kompetenz ist es schließlich, für andere Menschen Menschen zu sein.

Jörg Phil Friedrich

Philosoph und Publizist

Gerade für brisante gesellschaftliche Diskussionen sollte das Prinzip der nachsichtigen Interpretation gelten, das zuerst davon ausgeht, dass der Diskussionspartner zwar eine andere Perspektive hat, aber für seine Sicht der Welt auch plausible Gründe angeben kann. Wenn diese mir fremd sind, sollte ich zunächst versuchen, die Perspektive zu verstehen, statt Dummheit oder böse Absicht zu vermuten. Der Irrtum kann auch bei mir liegen.

Mathias Richling

Satiriker und Kabarettist

Am Anfang der Corona-Zeit wollte man wegen Überlastung der Gesundheits-Systeme nicht entscheiden müssen, wen man überleben lässt und wen nicht. Heute warnen Schäuble und Welthungerhilfe wegen unterbrochener Lieferketten für Bauern aufgrund der Maßnahmen vor Millionen von Hungertoten. Lässt man also Millionen verhungern, damit Zehntausende nicht an Corona sterben? Das ist hoher politischer Sarkasmus. Der ergänzt wird, wenn beliebige Politiker anmerken, man wolle nicht, dass Menschen sterben. An Corona. Man entscheidet also doch. Denn an allem anderen dürfen sie verenden.



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Von Veritatis