Von Jan Mayer*

Vor Jahrzehnten, als noch in jedem Büro ein Faxgerät und ein Computer mit einem winzigen Monitor standen und niemand das Wort „Pandemie“ kannte, kam sie zu unserem Unternehmen. Ihr kleiner Betrieb ging als Teil einer untergegangenen Holdingmasse bankrott und deshalb samt seinen Beschäftigten zu uns. Wir freuten uns alle, zusammen zu sein.

Ihr erster Betrieb war seltsam. Obwohl er für schlechte Arbeitsorganisation, Produkte minderer Qualität und niedrige Löhne bekannt war, mussten alle Beschäftigten erzählen, dass sie sehr zufrieden sind. Selbst Kinder durften über die Arbeitsstätte ihrer Eltern nur Gutes sagen. Ihr gefiel es offenbar, sonst hätte sie sich nicht freiwillig zu einem langen Praktikum in der Holding-Zentrale gemeldet, die für die Merkwürdigkeiten ihres Betriebs verantwortlich war. Den Praktikanten sagte man Kontakte mit dem Komitee für Information, das in der Holding für Disziplin sorgte, nach.

Ihr gefiel es auch im neuen Unternehmen. Unser Chef fand sie niedlich und förderte sie. Er störte sich nicht an ihren Haaren und Kleidern, die so unordentlich blieben wie in der Zeit, als sie noch in der alten Firma gearbeitet hatte. Vielmehr gefiel es ihm, dass sie sich wie kein anderer Neuankömmling die wichtigen Regeln ihres neuen Betriebs angeeignet hatte: Beim Sprechen solle darauf geachtet werden, dass sich niemand verletzt fühlt und alle zufrieden sind.

Sie erntete Lob, wollte aber mehr – nach oben. Anpassungsfähig und fleißig, wartete sie geduldig ihren Augenblick ab.

Dieser kam schneller als erwartet. Als bekannt wurde, dass der Chef jahrzehntelang Bestechungsgelder entgegengenommen hatte, fand nur sie den Mut, ihn öffentlich herauszufordern. Alle Beschäftigten waren beeindruckt, als sie von ihr hörten: „Und ich sage, dass wir das System des Chefs abschaffen müssen“. Der Betrieb schien wie von einer frischen Brise gelüftet und sie wurde zum neuen Chef.

Klug oder schlau (der Unterschied spielt in unserer Firma keine Rolle) wie sie ist, ging sie zum guten Friseur und ließ sich auch endlich in der Kleiderauswahl beraten. Ihr neues, zurückhaltendes Outfit kam in unserem Unternehmen, in dem auf Äußerlichkeiten sehr geachtet wird, an. Schnell verstand sie zudem, dass der Chef ein Markenzeichen haben sollte. Sie hielt daher ihre Hände auf der Bauchhöhe und positionierte die Finger so, dass sie die Umrisse vom Herz bildeten. Unseren Beschäftigten, die sich außer einem Auslandsurlaub nichts so sehnlichst wie unbekümmertes Leben und Liebe wünschen, gefiel das ungemein.

Für die dauerhafte Unterstützung im Unternehmen musste sie sich jedoch einiges einfallen lassen. Und sie war erfinderisch.

Beispielsweise übermittelte sie jeden Tag eine kleine gute Nachricht. Sie vergaß niemals, dabei ihre Finger zum Herz zusammenzulegen. Da die allermeisten Angestellten bei uns die Obrigkeit respektieren, stellte sich bei ihnen ein Reflex ein: Wenn die Chefin nur ihre Hände vor ihrem Bauch hielt, fühlten sie sich bei ihr gut aufgehoben.

Sie entwickelte ihre eigenen Methoden im Umgang mit Gegnern im Betrieb. Die Gefährlichen trieb sie dazu, zu gehen. Den Übrigen bot sie große Posten und kollegiale Führung (in unserem Unternehmen wird in diesem Zusammenhang von „Groko“ gesprochen) an und übernahm bedenkenlos ihre Geschäftsideen, mögen diese noch so dumm gewesen sein. Die Angestellten in der Abteilung für Öffentlichkeit und Richtigstellung (ÖR) lobten sie deshalb als offen und innovativ.

Anders als ihr Vorgänger, der sich mit dieser Abteilung, in der es von narzisstischen Wirrköpfen nur so wimmelt, oft angelegt hatte, hörte die Chefin auf die schlecht ausgebildeten Wichtigtuer. Sie fühlten sich dann noch wichtiger und standen geschlossen hinter ihr. Wenn jemand ihre Entscheidungen kritisierte, schimpften sie ihn „Narr-Zicke“ („Nazi“).

Vor einiger Zeit, als aufgebrachte Arbeitslose unsere Firma stürmten, verfiel die Chefin in Panik. Sie beruhigte sich jedoch, als ihr berichtet wurde, dass sich in der ÖR Stimmung für eine „humanitäre Aktion“ breit gemacht hatte. Sie rief uns dann „Wir können es schaffen!“ zu. Anschließend ließ sie Betriebstore öffnen und stellte die Arbeitslosen an, obwohl die meisten von ihnen keine Berufsqualifikation mitbrachten.

In der ÖR-Abteilung fühlten sich Leute geschmeichelt und lobten die Chefin und ihre Anhänger als Gutmenschen, die für andere Firmen vorbildhaft seien. Trotzdem ist seitdem in der Firma eine gewisse Unruhe spürbar. Viele Beschäftigte vermuten nämlich zu Recht, dass die Neuanstellungen in einer für große Unternehmen guten Geschäftszeit erfolgten. Sie machen sich Sorgen über die Zukunft, wenn schlechte Konjunktur kommt.

Den meisten Beschäftigten sehen aber über alle Gefahren hinweg, auch darüber, dass in unserem Unternehmen bis heute Faxgeräte benutzt werden,   das Internet immer wieder zusammenbricht und Lieferungen chronisch verspätet eintreffen. Auf das gesunkene Leistungsniveau angesprochen, antworten sie gemäß ihren eigenen Wunschvorstellungen, dass die Lage in anderen Firmen noch schlimmer sei.

Obwohl die meisten immer noch glauben wollen, dass die Chefin weiterhin alles unter Kontrolle hat, lassen ihre zum Herz zusammengesetzten Finger keine Gefühle der Geborgenheit mehr aufkommen und ihre Ansprachen werden zunehmend als das erkannt, was sie immer schon waren: inhaltslose Gelaber. Sogar die ÖR-Angestellten beginnen sich von ihr zu distanzieren. Einige sollen dabei sein, Informationen über ihr Praktikum in der verschwundenen Holdingszentrale vor Jahrzehnten zu sammeln. Als ein seniler, trottliger Angestellter der ÖR forderte, dass sie der Firma noch zumindest vier weitere Jahre erhalten bleiben sollte, rief das nicht Mal müdes Lächeln hervor.

Die Chefin wird zunehmend mit Kritik konfrontiert. Diese hat aber einen irgendwie faden Beigeschmack…

Warum?

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Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

* Jan Mayer schreibt hier unter Pseudonym.
Bild:
Text: Gast



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