A

Allgemeinmediziner Sie sind die Allrounder der Humanmedizin, garantieren die medizinische Grundversorgung seelischer und körperlicher Leiden. Als Hausärzte sind die Fachärzte für Allgemeinmedizin die ersten medizinischen Ansprechpartner und lokale Betreuer ihrer Patienten, aber keine Alleskönner (➝ Wollmilchsau). Sie vermitteln ihre Patienten gegebenenfalls an Spezialisten. Als Erst- und Vorortkontakt ist das vertrauensvolle Verhältnis des Arztes zum Patienten bedeutsam. Allgemeinmediziner sind auch für die Gesundheitsförderung ihres Umfelds oder ihrer Gemeinde zuständig. Diese droht in deutschen Kommunen wegzufallen. Gerade auf dem Land herrscht Arztmangel. Dann kann die Rund-um-die-Uhr-Versorgung nicht mehr gewährleistet werden. Bis Ende März können Atteste – coronabedingt – weiter fernmündlich ausgestellt werden, was vor allen Dingen älteren Menschen durch die Krise helfen soll. Tobias Prüwer

B

Bülowbogen Es war eine der legendären (west-)deutschen Vorabendserien. Praxis Bülowbogen lief von 1987 bis 1996 in der ARD. Günter Pfitzmann (1924 – 2003), Gründungsmitglied der Stachelschweine, kehrte als Dr. Peter Brockmann auf den Vorabendplatz zurück, zuvor hatte er den Drei Damen vom Grill (1977 – 1985) als Otto Krüger das Fleisch geliefert. Hier wie dort spielte er das Berliner Original mit Herz und Schnauze, stets zuverlässig amourös verstrickt. In seiner Praxis in Berlin-Schöneberg kam es zu zahlreichen Gastauftritten bekannter Schauspieler, einmal war sogar Ex-RAF-Terrorist Christof Wackernagel da, lesbische Liebe wurde thematisiert. Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt, Alkohol. Brockmann war nie nur Hausarzt für seine Patienten und Pfitzmann nie nur ein Volksschauspieler: „Boulevard ist verdammt schwer“, hat er einmal gesagt. Katharina Schmitz

D

Dr. A. Auch nachdem ich längst den Berzirk verlassen hatte, ist er mein Hausarzt geblieben. Auf den ersten Blick war er ein schlechter Arzt: Die Ausstattung stagnierte auf dem Niveau des Nadeldruckers, an meinem Befinden schien er mäßig interessiert. Es sei denn, es handelte sich um einen „Tennisarm“, den er selbst nur zu gut kannte, und er mir von seinem Tennisspiel berichten konnte. Unvergesslich auch ein Monolog über Putin und wie der die Oligarchen im Griff hat. Obwohl der Heilkunde zugetan, entsprach er, ein hagerer Norddeutscher, nicht dem Klischee des Ökos, aber gleich gar nicht dem des Erfolgsarztes. Er war eben der Doktor A., der mir gerade dadurch, dass er Wehwehchen nicht zu ernst nahm, ein gutes Gefühl gab (➝ TÜV). Dass er sich um seine Patienten kümmerte, wenn sie mehr als erhöhte Cholesterinwerte hatten, wurde mir klar, als er mit Sorge über ein depressives altes Ehepaar sprach, das vor mir dran gewesen war. Anfang des Jahres teilte mir seine türkischstämmige Assistentin mit, dass er aufgehört habe. Der alte Nadeldrucker war weg, der neue Doktor war noch nicht da. Ich muss ihm wohl eine Chance geben. Michael Angele

I

Irre Im ersten Lockdown schrieb der Feuilleton-Chef der Welt einen offenen Brief an Rainald Goetz. Ausnahmezustand! Da ist es Zeit, den Arzt unter den Literaten zu mobilisieren, dachte er sich. „Chronist der Gegenwart“ wird der Doppel-Doktor Goetz (Medizin/Geschichte) oft genannt. Sein Debütroman Irre führte 1983 in die Schattenwelten von Psychiatrie und nächtlichem Treiben in Clubs und Kneipen. Nicht nur Maxim Biller findet, dass diese Collage aus Eindrucksfetzen und Stimmengewirr eine neue Literaturepoche eingeläutet hat. Eine, in der mit dem Präzisionsbesteck des Pathologen seziert und mit teilnehmender Beobachtung die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden. Martina Mescher

K

Kennedy Sein Drogenarzt, Max Jacobson, wurde 1900 in Preußen geboren und studierte in Berlin Medizin. 1936 floh er nach New York und grub sich tief ins popkulturelle Gedächtnis ein. Nicht nur J.F.K., auch Liz Taylor, Truman Capote und Maria Callas ließen sich von seinen Pillen und Injektionen in produktive Euphorie versetzen. Jacobsons Cocktails aus Steroiden, Vitaminen und allerlei anderen Zutaten sollten Kennedys Rückenschmerzen lindern. Der Präsident wurde immer launischer. Als FBI-Laboranten das Wundermittel testeten, fanden sie Amphetamine. 1975 wurde „Miracle Max“ die Lizenz entzogen. Geblieben sind ein Song und der Bandname Dr. Feelgood. Marc Ottiker

L

Landärztemangel Sich mit Fieber oder Bauchschmerzen hinter das Lenkrad zu klemmen, ist keine gute Idee. Lebt man auf dem Land, gleicht der Weg zum Hausarzt fast logistischer Reiseplanung. Die Fläche ist dünn besiedelt, auch mit Arztpraxen. Und diese Versorgungslücke wird größer: Viele niedergelassene Ärzte und Ärztinnen sind im Rentenalter und den Nachwuchs zieht es nicht aufs Land. Die junge Ärzteschaft bevorzuge den „Glitzer der Großstadt“, lautet ein Vorwurf. Im Medizinstudium liegt der Frauenanteil bei fast 70 Prozent, auch weil sie häufiger den Numerus clausus knacken. Fehlt dem Dorf Kita und Grundschule, ist es kein Wunder, dass Landärztin kein Traumjob ist. Mit Instrumenten wie Landarztstipendium oder Landarztquote im Studium versucht die Politik dem Mangel entgegenzuwirken. Bis sich mögliche Effekte zeigen, dürften noch Jahre ins Land ziehen, die Ausbildung mit Studium und Facharzt dauert ein Jahrzehnt. Martina Mescher

M

Michail Bulgakow Er gilt nicht nur als einer der größten russischen Satiriker, sondern praktizierte eine Zeit lang auch als Landarzt ( Landärztemangel). Seine Erfahrungen verarbeitete er in den Arztgeschichten, einem Erzählband, der gern an angehende Mediziner*innen verschenkt wird. Dass die Erlebnisse aus den 1910er Jahren noch heute relevant sind, liegt an Bulgakows eindrücklicher Schilderung von der Entwicklung eines Anfängers zum Profi. Frisch von der Uni muss zum ersten Mal ein Bein amputiert werden. Nach weiteren Hindernissen (die Morphiumsucht des Vorgängers oder ein Patient, der all das verschriebene Chinin auf einmal konsumiert) überrennt die Landbevölkerung das Krankenhaus. „Angenommen, ich widme jedem meiner hundert Patienten nur fünf Minuten (…). Das sind fünfhundert Minuten, acht Stunden und zwanzig Minuten. Wohlgemerkt, hintereinander weg. (…) Außerdem operierte ich.“ Das überlastete Gesundheitssystem, schon damals ein Thema. Susann Massute

P

Poliklinik Als Kind konnte man sich in den Gängen verlieren, große Flächen, kurze Wege: In Polikliniken saßen Ärzte aus mehreren Fachrichtungen unter einem Dach: Hier der ➝ Allgemeinarzt, eine Tür weiter der Kinderarzt, Gynäkologe oder Zahnarzt. Sie waren gut vernetzt, zentral organisiert, praktisch für die Patienten. Konnten sich die Geräte teilen, alle hatten Einsicht in die Patientenakte. Die Ärzte waren angestellt in der Ambulanz, keine niedergelassenen Freiberufler. Nach 1990 wurden sozialistische Großpraxen zum „Auslaufmodell“, allerdings waren sie keine Erfindung der DDR: Polikliniken gab es schon in der Weimarer Republik. In den nuller Jahren kam das Modell unter neuem Namen zurück – es expandiert seither in ganz Europa. Maxi Leinkauf

R

Römische Kaiser Den Oberarzt gab es lange, bevor ihn Dr. Borsdorf in der Schwarzwaldklinik (➝Bülowbogen) popularisierte. Die römischen Kaiser nannten ihren Leibarzt „Archiatros“, dieser Oberarzt stand nur dem Kaiser persönlich zur Verfügung, wie später die Leibärzte an eine mächtige Person oder Familie gebunden waren – auf Abruf. Die Namen antiker Leibärzte sind überliefert, so wie es ihr Wirken ist. Oreibasios betreute nicht nur Kaiser Julian, sondern verfasste auch eine 72-bändige Enzyklopädie. Galen, der Leibarzt von Mark Aurel, galt 1.400 Jahre als medizinische Autorität. Seiner Viersäftelehre zufolge werden Krankheiten durch ein Ungleichgewicht von Blut, Schleim, Gelb- und Schwarzgalle ausgelöst. Oberarzt Borsdorf praktizierte sie nicht mehr. Tobias Prüwer

T

TÜV Mit einigen Autos war ich schon beim TÜV gewesen, aber die mir wichtigste Maschine, meinen eigenen Körper, hatte ich bisher immer der großen Durchsicht entzogen. Als Mediziner hat man das Glück, zu Kolleginnen gehen zu können, von denen man selbst fachlich viel hält. Meine tolle Hausärztin ließ sich meine Risikofaktoren aufzählen und empfahl mir auf Grundlage neuester wissenschaftlicher Studien – nichts zu tun.Was sei denn mit so einer Blutuntersuchung? Ja, das sei so eine deutsche Tradition. Die Deutschen würden Blut abnehmen und Blut abnehmen, ohne dass dieses Tun in zusätzlicher Lebenszeit resultierte. Sie riet mir lediglich zur Darmkrebsvorsorge und der Messung meines Blutdrucks, die sie sofort vornahm. Wenn ich Lust auf irgendwelche Untersuchungen hätte, könne ich gern kommen, aber sie empfehle mir, das Leben zu genießen. Ich fühlte mich dreißig Jahre jünger, als ich aus der Praxis meiner wunderbar nichts tuenden Hausärztin spazierte. Jakob Hein

W

Wollmilchsau Das mit den tradierten Werten ist ein Problem in unserem Gesundheitssystem. Wir wollen alle die neueste – und damit hoffentlich beste – Behandlung. Doch moderne Organisationskonzepte fehlen nicht selten in Praxen, die noch in Wohnungen ihren Standort, aber schon längst nicht mehr ihren Platz haben. Ähnlich gestrig sind die Ansprüche der Patienten, die glücklicherweise aus vergangener Zeit stammen. Sie wollen, dass der Hausarzt alle Fachdisziplinen beherrscht – und das bitte gleich gut. Das aber kann kein Mensch (notabene: Ärzte sind Menschen) leisten. Der beste Hausarzt ist der, der seine Patienten gut kennt und genauso gut seine eigenen Wissensgrenzen. Das dient auch der richtigen Diagnose. Jan C. Behmann

Z

Zeitfenster Behandlung am Fließband: Die meisten Patienten in Deutschland werden in Hausarztpraxen recht schnell abgefertigt. Eine internationale Studie hat ermittelt, dass sich Ärzte hierzulande im Durchschnitt knapp acht Minuten pro Patient nehmen. In Schweden sind es 22. Laut Gebührenordnung können Ärzte „eingehende“ Beratungen abrechnen – die dauern länger als zehn Minuten. Auswandern nach Skandinavien muss man deshalb aber nicht. Denn homöopathische Ärzte etwa können deutlich mehr Zeit pro Patient abrechnen – eine Erstanamnese von mindestens einer Stunde und quartalsweise Beratungen von mindestens 30 Minuten. Davon können Schulmediziner nur träumen. Wer aber Hilfe über den Placeboeffekt hinaus sucht, muss mit weniger Zeit zufrieden sein. Ach: Nehmen Sie doch erst mal Platz im Wartezimmer. Ben Mendelson



Source link

Von Veritatis