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Können Sie sich an die Zeit erinnern, als es an den kleinen Regionalbahnhöfen noch keine Digitalanzeigen gab? Damals ist es mir oft so gegangen, dass ich sehr knapp vor oder kurz nach der eigentlichen Abfahrtszeit am Bahnhof ankam. Wenn dann niemand am Gleis stand und auf den Zug wartete, wusste ich nicht, ob dieser schon durchgefahren oder noch in Anfahrt war.

Dieser sehr persönliche Kommentar von Michael Scharfmüller erschien im Printmagazin Info-DIREKT, Ausgabe 35, als Vorwort

An das unangenehme Gefühl – zwischen Bangen und Hoffen – erinnere ich mich noch heute. Diese Ungewissheit hinderte mich daran eine Entscheidung zu treffen und dementsprechende Taten zu setzen: Hatte man den Zug versäumt, musste man sein Glück per Anhalter probieren oder eine Telefonzelle suchen, um seine Verspätung bzw. sein Nichterscheinen anzukündigen. Verließ man den Bahnsteig jedoch zu früh und die Regionalbahn fuhr mit etwas Verspätung doch noch ein, stand man erst recht wie ein begossener Pudel da.

Weshalb ich Ihnen das erzähle? Ganz einfach, weil mich diese Situation an die heutige politische Lage erinnert. Auch jetzt stellt sich nämlich für viele die Frage: Lohnt es sich noch gegen das Unrecht aufzustehen, oder ist der Zug in Richtung Diktatur und Totalitarismus längst abgefahren – und wir haben es nur noch nicht bemerkt.

Widerständiges Leben als Teil der Identität

Beim Nachdenken darüber hat mir jemand eine Geschichte von einem alten Bauern erzählt, der wusste, dass auf seinen Feldern bald ein Einkaufzentrum aus dem Boden gestampft wird. Trotzdem brachte er im Frühjahr die Saat aus. Dass er trotz der anrückenden Bagger hoffte, noch eine Ernte einzufahren, glaube ich nicht. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass er seine Felde bestellte, weil Bauern das eben immer so machen. Hätte er das nicht getan, wäre er kein Bauer mehr gewesen. Dann hätte er neben seinen Feldern auch noch seine Identität verloren.

Vielleicht ist es bei mir – und vielleicht auch bei Ihnen – ähnlich. Vielleicht spielt es gar keine so große Rolle, ob wir noch hoffen dürfen. Wir haben uns dafür entschieden nicht alles zu glauben, was uns gesagt wird, und nicht alles zu fressen, was uns vorgesetzt wird. Sollten wir dieses Verhalten jetzt ändern, weil es vielleicht keine Hoffnung gibt?

Dran bleiben

Ich bin davon überzeugt, dass wir als Bürger, die einmal Lust daran verspürten „sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen“, nicht einfach auf Knopfdruck wieder Teil der grauen Masse werden können. Und selbst wenn es klappen würde, wären wir dann wirklich glücklicher als jetzt? Ich denke nicht – auch, wenn die Vorstellung den „Mut einmal müde sein zu lassen“ manchmal verführersicher klingt, als es tatsächlich ist.

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Von Veritatis