A

Aktenschrank In den guten alten Zeiten gehörte der Aktenschrank zur Grundausstattung eines jeden Büros. Hort aller wichtigen Informationen und vor allem in Hollywood-Filmen immer wieder das Möbel, in dem die größten Geheimnisse schlummern und also entdeckt werden müssen. Wohl deshalb ist er in dem Film Being John Malkovich Dreh- und Angelpunkt für den Plot von Regisseur Spike Jonze. Der Aktenschrank verdeckt eine kleine Tür, durch die der Angestellte Craig Schwarz hindurchgeht und direkt im Kopf von John Malkovich landet. Er fühlt wie er. Er sieht, was Malkovich sieht. Und er nimmt an dessen Leben teil. Der absurde Trip dauert 15 Minuten, danach wird Schwarz aus der geheimen Kammer herausgeschleudert – der Auftakt für eine Parabel über Geheimnisse, Kontrolle und Voyeurismus. Für sein Erstlingswerk wurde Drehbuchautor Charlie Kaufman gleich für einen Oscar nominiert. Gewonnen hat er ihn erst später mit einem anderen Drehbuch. Aber die Idee, was passiert, wenn man Zugang zu dem geheimsten Ort des Menschen hat, ist nach wie vor seine beste. Philip Grassmann

B

Blaubart Ritter Blaubart musste verreisen. Überall im Schloss durfte seine Frau sich während seiner Abwesenheit umschauen, nur in diese eine Kammer sollte sie nicht sehen. Dabei war da nichts Besonderes drin, außer den Leichen ihrer ebenso neugierigen Vorgängerinnen. Und jetzt ist sie geschockt und am Schlüssel klebt Blut, und als er deswegen merkt, dass sie es gemerkt hat, ist es vorbei mit der Ehe. Aber wenn er nicht gewollt hat, dass sie die verbotene Tür aufschließt, warum gab er ihr dann den Schlüssel? Es waren doch schon so viele Leichen in der Kammer? Er wollte aber wissen, ob er jetzt endlich die Richtige gefunden hat, der er wirklich vertrauen kann. Aber sie dachte: Wie soll ich jemandem wirklich vertrauen, der sagt, ich darf alles sehen, aber die eine kleine Kammer nicht? Das Geheimnis glücklicher Ehen (Lessing) ist, den Kammerschlüssel niemals rauszurücken und die Tür niemals zu öffnen – und nein, es gibt keine Schreckenskammer, wirklich nicht, Schatz, wie kommst du darauf? Ruth Herzberg

E

Easter Eggs Seit es Videospiele gibt, haben Entwickler*innen Freude daran, Easter Eggs zu verstecken (manchmal ohne das Wissen ihrer Vorgesetzten). Diese Ostereier können ein Signet, eine popkulturelle Referenz oder auch ein Geheimlevel sein. Es dauert mitunter Jahre, bis alle Geheimnisse gefunden werden. 1990 veranstaltete Nintendo einen Wettbewerb, dessen Gewinner seinen Namen in einem namentlich noch nicht genannten Spiel verewigen durfte. Legend Of Zelda: A Link To The Past erschien dann 1992. Erst in den frühen 2000er Jahren erhielt der Sieger, Chris Houlihan, seine öffentliche Anerkennung, da die Schatzkammer mit seinem Namensschild fast unmöglich (und nur mithilfe eines Bugs) zu betreten war. Heute dauert es dank einer gut vernetzten Community (Tutorial) nicht lang, neue Game-Geheimnisse zu lüften. Susann Massute

H

Hinterzimmer Als ich mein erstes Hintergrundgespräch der Linksfraktion besuchte, staunte ich: nicht über die üppigen Platten mit Prosciutto, Salmone, eingelegtes Gemüse; auch Sozialisten wissen gut zu speisen, schon klar. Als aber im Nebenzimmer eines noblen Italieners in Berlin-Mitte die Kellner nicht mehr mit Wein um die Tafel schritten, sondern mit Menüs, schwante mir: Das war nur die Vorspeise! Tatsächlich genehmigten sich fast alle der 15, 20 Journalist*innen noch ein Hauptmenü auf Kosten der Fraktion. Bei der Partei ging es bescheidener zu, karge Tische in einem Hinterzimmer des Karl-Liebknecht-Hauses, Wasser, Kaffee, Tee, Snacks.

So oder so, meist war es ernüchternd, mochten Pressesprecher auch an die „Unter drei“-Etikette erinnern: Man darf die hier artikulierte Sicht der Politiker*innen auf die Dinge nicht veröffentlichen. Doch einen richtigen „Hintergrund“ gibt es ohnehin nur unter vier Augen. Größere Runden dienen dazu, Journalisten Raum zur Profilierung zu geben, für als Fragen verkleidete Vorträge über ihre Sicht der Dinge. Sebastian Puschner

K

Kanalisation Borderlife war ein Street-Art-Projekt des italienischen Künstlers Biancoshock. Im Jahr 2016 verwandelte er verlassene Kanalschächte in Mailand in Kleinsträume: eine Mini-Dusche, eine Küche, ein Wohnzimmer. Diese geheimen Zimmer in der Kanalisation sehen putzig aus, doch ist der Hintergrund überaus ernst: Das Projekt soll an Menschen erinnern, die unter extremen Bedingungen leben müssen – wie etwa jene Straßenkinder in Bukarest, die im Winter in der Kanalisation leben und dort Schutz vor der Kälte suchen.

Stets ist die Kunst des Mailänders Biancoshock ephemer: Sie ist nur von kurzer Dauer, flüchtig – und mäandert zwischen den Polen des Humorvollen und Kritischen. Sein Projekt erinnert an einen künstlerischen Eingriff in einem Berliner U-Bahn-Schacht: Im Februar 2016 tauchte dort wie aus dem Nichts ein möbliertes Schlafzimmer (Oberstübchen) mit laufendem Fernseher und Zimmerpflanzen auf. Installiert hatte es das Berliner Kollektiv „Rocco und seine Brüder“, und auch diesem Werk wohnt ein kritischer Geist inne: Wohnungsnot und Gentrifizierung machen erfinderisch. Rocco und seine Brüder boten das Zimmer sogar bei Airbnb an: „Ideal für Pendler und Penner“. Marc Peschke

L

Lessing In meinem Bücherregal, das keine geheime Drehtür enthält (sonst hätten Sie die Freude, in meiner Abstellkammer neben dem Putzeimer zu landen), steht, noch aus Studienzeiten, The Norton Anthology of English Literature. Sie enthält Doris Lessings brillante Kurzgeschichte To Room 19 (1963). Die Handlung erscheint zunächst deutlich profaner als etwa die von Charlotte Perkins Gilmans The Yellow Wallpaper (1892), in der eine junge Mutter in der – vom Arzt-Ehemann verordneten – Abgeschiedenheit eines fremden Zimmers der Wahnvorstellung verfällt, hinter der Tapete sei eine Frau gefangen, die von ihr befreit werden müsse. To Room 19 ist aber nicht weniger beklemmend. Susan und Matthew Rawlings führen eine scheinbar perfekte Ehe (Blaubart): Beide haben Karriere gemacht, eine Familie gegründet, vordergründig mangelt es an nichts. Doch Susan fühlt sich zunehmend fremd in der Rolle der Ehefrau und Mutter, was Lessing viel subtiler erzählt, als es so hingeschrieben klingt. Ihr „eigenes Zimmer“ findet sie in einem Stundenhotel. Als ihr Mann ihr auf die Schliche kommt, erscheint es ihr einfacher, ihm eine vermeintliche Affäre zu beichten als das, was sie dort wirklich tut: nichts. Susans Geschichte endet in diesem Zimmer, und auch sie endet schlimm. Christine Käppeler

O

Oberstübchen Sie brauchen nicht hinter einen Spiegel zu gucken, um in einen geheimen Raum schauen zu können. Vor fast zwei Dekaden arbeitete ich in einem OP. 19 Grad, fußkalt – die Emotionen auch. Doch da war dieser eine Arzt, von dem alle raunten, der wisse einfach alles, sei so umfangreich gebildet. Sogleich sei er aber noch nie geflogen, nenne nur ein klappriges Fahrrad sein Eigen. Heute würde ich ihn an seinen Augen erkennen. Diese beseelten Augen mit Tiefe wie ein Sprung in den Atlantik. Es sind die Menschen, die ihr eigenes geheimes Zimmer entdeckt haben. Der Weg dahin ist steinig und wirkt a priori wenig erstrebenswert. Doch wie dieser Arzt oder auch der „arme Poet“ in Spitzwegs gleichnamigen Gemälde haben diese Menschen das innere Ich als die einzig wahre Landschaft ihres Selbst erkannt und davon Besitz ergreifen können. Denn der Mensch ist eben nicht das, was er denkt zu sein. Nicht mal die anderen sind die, die er denkt, dass sie es seien. Setzen Sie sich ganz ruhig hin und schauen Sie in sich. Na, werden Sie unruhig? Dann müssen Sie an der Rezeption zu Ihrem eigenen geheimen Zimmer noch etwas warten. Doch tun Sie es, es lohnt sich! Jan C. Behmann

T

Tutorial Versteckte Geheimräume, das klingt filmreif (Aktenschrank). Die meisten entstehen aus profanen Gründen. Im Netz gibt es viele Anleitungen, um geheime Wände und Zimmer in den eigenen vier Wänden einzubauen, die für Wertgegenstände oder als Panic Room gedacht sind. Das interessiert vor allem Vermögende und Prepper, also Menschen, die sich auf den Katastrophenfall vorbereiten. Handwerkende zeigen auf Youtube, wo und wie sich geheime Räume verstecken lassen. Ein Raum hinter einem Buchregal oder Spiegel, ein Schrank als Tür und ein Geheimraum unter dem Fußboden; das sind die Klassiker.

Do it yourself: In einem türlosen Durchgang können Sie einen Türrahmen montieren und darin statt einer Tür die Rückseite eines Regals einhängen. Mit Brettern und Gegenständen beschwert, wirkt es wie ein normales Regal. Teure und speziell angefertigte Regale öffnen sich nur, wenn ein bestimmtes Buch herausgenommen wird. Doch nur bei einer massiven Tür lässt sich nicht durch Klopfen überprüfen, ob dahinter ein Hohlraum liegt. Lächerlich wirkt ein Panic Room, der hinter einer Ikea-Pressspanwand „gesichert“ ist. Ob selbst gemacht oder angefertigt: Wenn einschlägige Videos Hunderttausende Klicks haben – wie können Sie dann glauben, dass Einbrecher sie nicht kennen? Ben Mendelson

V

Verfolgung Das berühmteste Zimmerversteck in der Nazi-Zeit befand sich wohl im Achterhuis in der Amsterdamer Prinsengracht 263. Hinter einer getarnten Tür lebte die nach Holland geflüchtete Familie Frank über zwei Jahre, nachdem die deutsche Wehrmacht das Land überrollt hatte und die Verfolgung der Juden begann. Aus der Enge des Verstecks berichtete Anne Frank in ihrem Tagebuch, und Generationen von Jugendlichen folgten erschüttert ihrem Schicksal. Solche Schlupfwinkel gab es in dieser Zeit überall im besetzten Europa. Viele überlieferte Briefe und Tagebücher der Verfolgten zeugen vom Edelmut der Helfer, die – oft unter Lebensgefahr – bereit waren, Juden zu verstecken. „Wir dachten, er sei der Engel, der uns rettet“, notiert eine griechische Gymnasiastin 1943 in ihr Tagebuch über einen Arzt, bei dem sie untertaucht. Es gab aber auch die Denunzianten: „Die Frau macht nichts mehr anderes, als Juden zu versorgen“, schrieb 1944 ein Nachbar in einer anonymen Anzeige in Amsterdam. „Ob die Herren wohl einmal auf diese Dame achten wollen, es sind Kommunisten.“ Ulrike Baureithel

Z

Zauberer Unzählige geheime Räume tun sich in der Fantasyliteratur auf. Oft verbirgt sich dort das Böse im vertrauten Gemäuer. Hier soll nur einer exemplarisch genannt werde – nein, es handelt sich nicht um Marion Zimmer Bradley. Deren Bestselleradaption der Artussage Nebel von Avalon spielt sich vor allem draußen ab. Es ist, man ahnt es: Harry Potters Kammer des Schreckens. In diesem zweiten Band nimmt die Story endlich Fahrt auf, treten herrliche Charaktere wie der Hauself Dobby und die Maulende Myrte das erste Mal auf. Letztere ist das Gespenst einer Schülerin, die in der Schreckenskammer durch den tödlichen Basiliskenblick starb. Durch eine abgelegene Toilette (Tutorial) dringt Harry Potter in die Kammer ein und macht dem Monster den Garaus. Tobias Prüwer



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Von Veritatis