„Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“ – dieser Spruch ist heute untrennbar mit Marie Antoinette verbunden, Erzherzogin von Österreich, Königin von Frankreich und Navarra. Was viele dabei nicht wissen: Die Aussage ist historisch nicht überliefert und alles spricht dafür, dass sie schlicht erfunden ist. Insofern ist es etwas irreführend, vom Geist von Marie Antoinette zu sprechen, wenn man sich die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag ansieht. Deren Ergebnis ist nämlich erstaunlich. Die „Welt“ bringt es wie folgt auf den Punkt: „Seit Monaten sind die Fitnessstudios dicht. Glaubt man der Regierung, kann das so bleiben – als Alternative kommen schließlich Radfahren oder Gartenarbeit infrage. Die Branche ist außer sich. Und es gibt noch ein Problem: Die Zahl der Gartenbesitzer hält sich in Grenzen.“

Nach Ansicht der Bundesregierung sind baldige Öffnungen von Fitnessstudios und Sportvereinen nicht nötig. Zu diesem Schluss kommt die Regierung, weil ihrer Ansicht nach die Menschen auch so genügend Bewegung bekämen, wie die „Welt“ aus der Antwort auf der Anfrage schließt: „Nach derzeitiger Datenlage besteht in Folge dieser Beschränkungen kein signifikanter Rückgang der körperlichen Aktivität.“ Das ist erstaunlich. Meine ganz persönliche Erfahrung ist die umgekehrte – ich bewege mich weitaus weniger als früher. Viele Freunde und Bekannte, die früher aktiv waren, berichten von ähnlichem Erleben. Das ist natürlich keinesfalls repräsentativ und keinesfalls eine Widerlegung der regierungsamtlichen Erkenntnis in Sachen Bewegung.

Merkwürdig ist allerdings, mit welcher Begründung die Regierung zu dem Schluss kommt, es mangle ihren schutzbefohlenen Bürgern nicht an Bewegung: „Grund dafür könnten die Alternativen sein, mutmaßt die Bundesregierung und nennt allen voran die digitalen Ersatzangebote vieler Vereine und Fitnessstudios“, so die Antwort.  Weiter heißt es dann aber, konkrete Erkenntnisse dazu lägen der Bundesregierung allerdings nicht vor. Noch merkwürdiger.

„Sind Fitnessstudios plötzlich entbehrlich?“, fragt die „Welt“. „Ihre Existenzberechtigung will die Bundesregierung den Betrieben zwar nicht absprechen: ‘Sportvereine und Fitnessstudios unterstützen mit ihren Angeboten die Bevölkerung dabei, regelmäßig und ausreichend körperlich aktiv zu sein und somit dem Risiko verschiedener physischer Erkrankungen und psychischer Beschwerden vorzubeugen‘, heißt es in der Antwort.“ Diesem Ziel würden aber auch Aktivitäten im Alltag wie Fahrradfahren, längere Spaziergänge und Gartenarbeit dienen, schreibt die „Welt“ weiter: „Dabei hat schätzungsweise nur jeder zweite Deutsche überhaupt einen eigenen Garten.“

Mit solchen Aussagen macht man sich keine Freunde bei den Betreibern von Fitnessstudios seitens der Regierenden und Regierendinnen – entschuldigen Sie diesen Schlenker, aber manchmal mache ich mir doch Gedanken über das korrekte „Gendern“, auch wenn ich es prinzipiell ablehne. „Die Studiobetreiber sind entsetzt“, schreibt auch die „Welt“, denn deren Daten zur sportlichen Betätigung zeigten doch etwas ganz anderes. „Die Antwort ist bodenlos“, zitiert die Zeitung Birgit Schwarze, die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV): „Die Branche widerspricht den Aussagen der Bundesregierung scharf und verweist auf die vorläufigen Ergebnisse einer aktuellen Studie der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG).“

Dem Artikel zufolge sinkt die Motivation der Menschen, sich sportlich zu betätigen, mit zunehmender Dauer des Lockdowns immer weiter. „Alternative Trainingsformen wie Radfahren werden aktuell nur von knapp einem Viertel der Trainierenden tatsächlich praktiziert“, heißt es in der Studie laut „Welt“: „Die Folge: eine Verschlechterung des körperlichen Befindens.“ Offen gestanden deckt sich das haargenau mit meinem persönlichen Erleben. Machte ich vor dem Lockdown jeden Tag mindestens eine Stunde Sport und erwarb ich im vergangenen Frühjahr noch einen Heimtrainer, so ließ die Motivation, auf diesem gegen den Lockdown anzurudern, auf eine Art und Weise nach, die mich selbst erschreckt.

Erschrocken ist auch die Opposition. Die Antwort mache fassungslos und sei die Spitze vieler Respektlosigkeiten der Bundesregierung gegenüber der Leistung tausender Ehrenamtlicher und Sportunternehmer in der Pandemie – mit diesen Wörten zitiert die „Welt“ die sportpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Britta Dassler: „Sinn und Wirkung von Sportvereinen und FitnesssStudios sind niemals vergleichbar mit Gartenarbeit und Spazierengehen.“

Ganz anders als die Liberalen sind die Grünen dem Bericht zufolge nicht nur gegen eine Öffnung, sondern sogar gegen Öffnungsdebatten. Die kämen zu einem falschen Zeitpunkt. „Auch Fitnessstudios tragen zur Gesundheitsprävention bei, sie sind ein wichtiger Teil der Sportlandschaft“, sagte Monika Lazar, sportpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, der „Welt“: „In der aktuellen Lage, zu Beginn der dritten Welle, halte ich Öffnungen von Fitnessstudios für nicht vertretbar.“ Derzeit müsse alles darangesetzt werden, das exponentielle Wachstum bei den Neuinfektionen zu stoppen.

Die Welt zitiert noch aus einer aktuellen Erhebung des Hermann-Rietschel-Instituts der Technischen Universität Berlin. Die kam zu dem Schluss, dass die Infektionsgefahr in Fitnessstudios bei starker Auslastung tatsächlich hoch sei, allerdings stark falle, wenn sie etwa nur zu 30 Prozent ausgelastet sind – dann sei das Risiko der Ansteckung deutlich geringer als etwa in Großraumbüros, die weiter offen sind.

Umso zynischer wirkt der Verweis der Bundesregierung auf die Gartenarbeiten. Bei Marie Antoinette ist der Ausspruch mit dem Kuchen statt dem Brot nicht belegt. Bei der Bundesregierung ist nun eine Aussage, die zumindest in diese Richtung geht, schriftlich vorhanden und für die Nachwelt belegt.

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Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!


Bild: Shyntartanya/Shutterstock
Text: red




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Von Veritatis