Im Sommer vor zwei Jahren schrieb ich an dieser Stelle schon einmal über die Klimabilanz deutscher Museen. Anlass war eine Offensive der Tate in London, die angekündigt hatte, sie werde für all ihre Häuser die Treibhausgasemissionen ermitteln und sie bis 2023 um zehn Prozent senken. „Climate Emergency“ lautete das Schlagwort. Von den deutschen Ausstellungshäusern, die ich daraufhin befragte, war der Martin-Gropius-Bau in Berlin das einzige, das eine CO₂-Bilanz erstellt hatte: 770 Tonnen im Jahr 2017. Vergangene Woche nun meldete sich die Pressestelle des Lenbachhauses in München. Die städtische Galerie hat erstmals für ihre beiden Standorte – das Lenbachhaus und den Kunstbau – eine detaillierte Klimabilanz erstellt. 531 Tonnen CO₂ wurden 2019 emittiert. Für einen Vergleich zwischen verschiedenen Museen eignen sich diese absoluten Zahlen nicht. Dafür sind die Häuser viel zu unterschiedlich, was ihre Ausstellungsfläche und die Größe ihrer Sammlungen betrifft. Die absoluten Zahlen sind längerfristig aufschlussreich dafür, zu sehen, welche Maßnahmen greifen oder was zusätzliche Emissionen verursacht. Interessanter sind für den Moment die Details: Was sind die Klimakiller, wo lässt sich ansetzen?

Eine Frage, die ich mir aber auch stelle, seit die Tate den Klimanotstand ausrief: Sind die Klimabilanzen von Museen überhaupt relevant? Auf 810 Millionen Tonnen beziffert das Umweltbundesamt den gesamten Treibhausgasausstoß 2019 in Deutschland. Matthias Mühling, der Direktor des Lenbachhauses, verweist auf ihre veränderte Aufgabe: „Früher waren Museen dafür da, Kunst zu zeigen. Dadurch, dass die Künstlerinnen und Künstler heute alle neuralgischen Themen unserer Gesellschaft in ihrer Kunst ästhetisch bearbeiten, sind wir automatisch in eine Vorbildfunktion als öffentliche Institution geraten, in der wir nicht sagen können: Mit der Kunst wollen wir das Wahre, Schöne, Gute, und alle anderen Bereiche der Gesellschaft sparen wir aus. Deshalb werden wir auch fast forensisch kritisch durch die Öffentlichkeit beobachtet. Ich kann nicht Ólafur Elíasson zeigen und mich dem Thema Klimaneutralität versperren.“ Das Lenbachhaus, dessen Atrium Elíassons Skulptur Wirbelwerk dauerhaft schmückt, ist eines von sechs Ausstellungshäusern, die am Pilotprojekt „Klimabilanz in Kulturinstitutionen“ der Kulturstiftung des Bundes teilnahmen. Die Kulturstiftung stellte ihnen eine Agentur zur Seite, mit deren Datenbank sich die Treibhausgase berechnen lassen. Lenbachhaus-Geschäftsführer Hans-Peter Schuster sah sich zuerst die Stromrechnungen an: „Dann wird es komplizierter. Was verursacht der Ausstellungsbetrieb? Ich habe mir zum Beispiel sämtliche Transportrechnungen geben lassen und händisch bei Google Maps ermittelt: Wie viele Kilometer wurde gefahren, wie viele Kilometer geflogen?“ Die Transportlogistik erwies sich – wenig überraschend – mit 34,8 Prozent als größter Posten, gefolgt von Kältemittelverlusten der Klimaanlagen mit 25,6 Prozent. Was die Kältemittelverluste betrifft, ist die Stellschraube klar: Sie traten ausschließlich im Kunstbau auf, dessen Klimaanlange 30 Jahre alt ist. Mit der Stadt München laufen jetzt Gespräche dazu, bis 2024 Gelder für die Sanierung zu bekommen. Schwieriger ist, welche Lehren man aus den Emissionen des Transports zieht. Weniger Leihgaben ins und aus dem Ausland? Mühling sagt: „Wir müssen darüber streiten, ob es Sinn macht, Kunstwerke zu fliegen, oder nicht. Wie viel Freude haben die Leute in São Paulo daran, Kandinsky zu sehen, der dort noch nie gezeigt wurde? Wir sagen jetzt nicht, wir reduzieren alles, aber wir schicken Kandinsky dann vielleicht nicht mehr nach Berlin, wo er ständig zu sehen ist, stattdessen fliegen wir die Werke nach São Paulo und lassen sie dort sechs Monate statt drei.“ Was hingegen nicht mehr gehen wird, ist Mühling sich sicher: Ausstellungen, für die Werke für sehr kurze Zeit durch die Welt geflogen werden.

Mit Flugzeug und Taxi

Auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben im Rahmen des Pilotprojekts Daten für zwei ihrer Häuser erhoben: das Albertinum und das Kunstgewerbemuseum. Sie haben den Verbrauch auf die einzelnen Besucher heruntergerechnet, im Albertinum sind es 6,68 Kilo, im Kunstgewerbemuseum 3,38 Kilo. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch beträgt in Deutschland rund 10 Kilo am Tag. Was noch aussteht, schreibt Thomas Geisler, Direktor des Kunstgewerbemuseums, sei eine differenziertere Auswertung der Besucher*innenmobilität, sprich: wie sie ins Museum kommen und wieder nach Hause. Die Bilanz der Kulturstiftung des Bundes habe gezeigt, welch enormen Anteil sie am Treibhausgasausstoß habe.

Heikel ist diese Frage aber vor allem für die vielen neuen, meist privaten Museen, die nicht mehr in den Metropolen gebaut werden, sondern oft bewusst an abgelegenen Orten, um ein ganzheitliches Erlebnis zu bieten. Über die Anreise zum Museum des Unternehmers Édouard Carmignac auf der Insel Porquerolles schrieb die Zeitschrift Weltkunst: „Man fliegt nach Marseille oder Nizza und fährt dann mit dem Auto oder Taxi in eineinhalb bzw. eindreiviertel Stunden zum Hafen La Tour Fondue auf der Halbinsel Giens. Das Boot legt in der Hochsaison 18-mal am Tag ab.“ Ólafur Elíasson war dort bisher nicht zu sehen.

Die Auswertung aller Ergebnisse des Pilotprojekts läuft noch bis Ende April. Mitte Mai folgt eine Publikation



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Von Veritatis