Endlose Gegenwart. Tage ohne Pläne, Jahre ohne Ziele. So verläuft das Leben des Ich-Erzählers in Ulrich Peltzers neuem Roman Das bist du. Er taumelt durch das Berlin der 1980er Jahre, studiert Psychologie, zieht nachts um die Häuser und verehrt die Klassiker des Kinos. Dann erscheint Leonore, die geheimnisvolle Schönheit, die den Protagonisten von der einen auf die andere Sekunde in den Bann zieht. Wie sich die unbeschwerte Zeit der beiden anfühlte und warum diese intensive Lovestory ein tragisches Ende finden musste, erfahren wir aus der Retrospektive. Als würde man einen Koffer mit alten Polaroids öffnen, versucht die Hauptfigur die Erinnerungen zusammenzufügen. Und muss – als unzuverlässiger Erzähler – bekennen, dass „ich manchmal nicht mehr weiß, ob eine Episode, die ich gerade aufschreibe, sich zugetragen hat oder bloß erfunden ist“.

Von Anfang an geht es nicht primär um eine liaison d’amour, sondern um die Geburt eines Schriftstellers. Und wie in all seinen Werken verhandelt Ulrich Peltzer auch in Das bist du die Identitätskrise. Für seine Hauptfigur, eine Reminiszenz an den Eichendorff’schen Taugenichts, gilt die Devise: „Alles dransetzen, dass einen die Traurigkeit nicht auffrisst. Woanders sein.“ Um den immer wieder drohenden Selbstverlust in einer Gesellschaft ohne so etwas wie einen metaphysischen Überbau angemessen darzustellen, bedient sich der Autor hinter dem werdenden Autor immer wieder des Mittels der Dopplung. Von Codes, bestehend aus dem binären System von Zeichen und Bedeutung, bis hin zum psychoanalytischen Modell Sigmund Freuds, das den Menschen zwischen Triebnatur und Kulturnormen pendeln lässt, reichen die Hinweise auf die Zerrissenheit des modernen Subjekts. Dies erklärt wohl auch die herausfordernde, aber durch und durch überzeugende Architektur des Romans. Statt einer linearen Narration konfrontiert uns der Ich-Erzähler mit Prosabruchstücken – aus seiner Vergangenheit sowie seinen zahllosen Leseeindrücken.

Wann war das? Irgendwann

Gleich einem Labyrinth können wir uns durch unzählige Gänge und Pfade seiner Lektüren bewegen. Schriften von Arthur Rimbaud, Marguerite Duras und Rolf Dieter Brinkmann spannen unterhalb der Oberfläche loser Gedächtnisfragmente ein Netz aus Denkweisen und Stimmungen auf. Gerade in den Texten von Letzterem entdeckt der Protagonist „Landschaften, Zustände, Verlorenheiten, in denen ich mich wiederfand“. Den einzigen Halt gewährt die Literatur, das Verliebtsein in Werke voll tragischer Schönheit, darunter beispielsweise Brinkmanns geniales Cut-up-Buch Rom, Blicke von 1979 über dessen Reise von Köln zur Villa Massimo oder Duras’ Die Verzückung der Lol V. Stein aus dem Jahr 1964, das man dann sofort auch lesen will.

„Wie Sternschnuppen tauchen manchmal Bilder auf, Szenen ohne Anfang und Ende, dann wieder Nacht. Wann war das? Irgendwann“ – so lautet die ästhetische Anleitung, die der 1956 in Krefeld geborene Peltzer seinem melancholischen Helden in den Mund legt. Zweifelsohne muss man diesen Roman trotz mancher Längen als ein einziges Funkeln wahrnehmen. Peltzers lakonische Komposition verbindet lichterne Poesie mit Anspielungsreichtum und entwickelt überdies eine Ethik des Lesens. Lesen ist da nicht einfach Konsum, sondern Voraussetzung für eine sich immer weiter ausformende Individualität, bedeutet, sich für das Andere zu öffnen.

„Mich interessieren die Ränder mehr als das Zentrum“, bekennt der dichtende Held, der am Leben zu scheitern droht und im Schreiben spät seines rettenden Ankers gewahr wird. Peltzers Buch lädt uns daher zu einer Geschichte ein, die zwischen schlafwandlerischem Nebel und luziden Erkenntnismomenten changiert. Aktuell mutet diese Weise des Erzählens nicht unbedingt an, sie ist vielmehr zeitlos und zutiefst bewundernswert.

Das bist du. Roman Ulrich Peltzer Fischer 2021, 288 S., 22 €



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Von Veritatis