Religion und Macht

Um auf die vielen offenen Fragen plausible Antworten zu finden, soll im Folgenden der Versuch gemacht werden, die bisher am ehesten überzeugende Theorie (Observatorium) zu ergänzen mit Überlegungen über die politische Rolle der systematischen Naturbeobachtung und über die Bedeutung der Geheimhaltung für die Gewinnung und Erhaltung der Macht im Inkareich.

Dessen Herrschaftssystem war eine religiös überhöhte absolute Macht über eine Bevölkerung, deren wichtigste Rolle darin bestand, sich beherrschen zu lassen. Wie so oft in der Geschichte der Menschheit spiegelte die Architektur von Palästen und Tempeln, von Häusern und Städten genau diese Machtverhältnisse. Das galt für die Hauptstadt Cusco und das gilt, dies soll hier gezeigt werden, auch für ein Observatorium für eine langfristige Erforschung der Himmelskörper in Machu Picchu.

Zunächst zu Cusco: Der dem Sonnengott gewidmete Tempel Coricancha in Cusco war die heiligste Stätte des Inkareichs. Er wurde von den Spaniern weitgehend zerstört und durch das Kloster Santo Domingo überbaut. Inzwischen sind aus den Tempelruinen einige Mauerreste wieder freigelegt und vermitteln einen Eindruck von Räumlichkeiten und Größenverhältnissen.

Was es in Cusco n i c h t gibt, sind riesige Tempelhallen, die der Ausdehnung des Inkareichs, der Macht und dem Reichtum seiner Könige entsprochen hätten. Die massiven (und trotz des harten Steins geradezu fein ziselierten) Mauern lassen eher die Vermutung aufkommen, dass hier das Volk draußen gehalten werden sollte. Die Untertanen mussten ihre Opfergaben vor den Toren des Tempels ablegen. Was im Inneren vorging, blieb dem einfachen Volk verborgen. Die Kenntnis der Rituale war Herrschaftswissen. Nur so konnten gezielt Informationen nach draußen transportiert werden, mit denen die Ehrfurcht, wohl auch die Angst der Menschen wachgehalten werden sollten.

Ein Blick in andere Kulturen

Ihr spezifisches Herrschaftssystem mögen die Inkas selbst geschaffen haben, vielleicht auch, ohne viel ältere, ähnliche Muster gekannt zu haben. Wahrscheinlich ist aber die Überhöhung irdischer Macht in die Transzendenz mehrfach in verschiedenen Kulturen „erfunden“ worden.

Die Pharaonen in Ägypten haben so geherrscht. Der Pharao war heilig und musste nach dem Tod einbalsamiert werden, damit er in menschlicher Gestalt auch für sein Volk den Weg ins Jenseits bereiten konnte.

Im Judentum ist die Absonderung des „Heiligsten“, der Bundeslade, durch einen Vorhang im Tempel augenfällig beschrieben worden. Verborgen wurde ein Ort, den auch der oberste Priester nur einmal im Jahr betreten durfte, weil Gott dort „sichtbar“ wurde.

Selbst das Christentum hat seine Überzeugungskraft mit dem „Stern von Bethlehem“ zu stärken versucht, dem die Hirten und die „Weisen aus dem Morgenland“ bis zur Krippe folgten. Die Angereisten wurden in frühen Schriften als „Sterndeuter“, seit dem Mittelalter als „Könige“ bezeichnet.

Architektur neu interpretieren

Angesichts solcher Parallelen sollte man sich die Baustruktur von Machu Picchu noch einmal genauer ansehen:

Dort haben die Inkas eine relativ schwer zugängliche Kleinstadt auf einem Bergsattel in 2400 m Höhe für etwa 1000 Menschen gebaut, mit eigener Terrassenlandwirtschaft auf steilen Hängen, eigener Wasser- und Abwasserversorgung.

Die Gebäude des Städtchens unterscheiden sich in den Grundrissen und Größen nicht sehr auffällig. Bemerkenswert ist das Fehlen eines als Palast zu erkennenden Gebäudes, es gibt nicht einmal eine Art höfischen Hotels – die Architektur der Anlage gibt keinen Anlass zu der Vermutung, der Herrscher und seine Entourage hätten sich in Machu Picchu längere oder auch nur kürzere Zeit aufhalten wollen. Ebenso fehlen größere Versammlungsräume oder Plätze.

Es scheint, die Inkas haben den riesigen Aufwand, in schwierigstem Gelände eine raffinierte Infrastruktur zu erstellen, nicht für die Nutzung durch den dorthin reisenden Herrscher selbst betrieben.

Wenn man nach Sinn und Zweck fragt, dann muss man auch Funktionen in Betracht ziehen, die auf lange Dauer angelegt waren und dies nur für eine niemals wachsende Zahl von Einwohnern – das Gelände war nicht erweiterungsfähig. Was sollten die Bewohner dort tun? Und was haben sie getan, außer zu leben? Und warum haben sie den Ort schließlich verlassen, ohne von den Spaniern vertrieben worden zu sein, die den Platz nie gefunden hatten?

Der kleine Tempel im Zentrum von Machu Picchu umschließt (wie beim Felsendom in Jerusalem!) einen offenbar heiligen, wuchtigen Stein. Der im Tempel verehrte Gott-König wird damit – in Machtkategorien ausgedrückt – als derjenige apostrophiert, dem die gewaltigen Bergspitzen gehören. Die Ausrichtung des Tempels auf die wichtigsten Jahresdaten (Sommer- und Winter-Sonnenwende, Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr und Herbst) setzte ein gefestigtes Kalendersystem voraus. Auch die steinerne Skulptur des Sternbildes verweist auf die Astronomie und deren kultische Bedeutung.

Hinter der – wo anders als in Cusco – getroffenen Entscheidung, Machu Picchu zu bauen, stand also der Erfahrungshintergrund einer Kultur, die über Jahrzehnte, bei der Beobachtung der Himmelskörper eher über Jahrhunderte, Wissen akkumuliert hatte. In vielen heutigen Veröffentlichungen wird vor allem die praktische Bedeutung dieser Kenntnisse hervorgehoben, zum Beispiel bei den Entscheidungen über den Zeitpunkt von Aussaat und Ernte. Dies sollte aber für ein tropisches Land mit relativ geringen jahreszeitlichen Veränderungen und mehreren Ernten im Jahr nicht überbewertet werden.

Sehr viel wichtiger war in der ganzen Kulturgeschichte der Menschheit die Vorhersehbarkeit kosmischer Ereignisse. Wer Sonnen- und Mondfinsternisse vorhersagen, einen Kometen ankündigen und die Konstellation besonders heller Sterne im Voraus beschreiben konnte, war offenbar im Besitz übernatürlicher Kräfte und zum Schamanen geboren.

Herrscher taten gut daran, sich solches Wissen anzueignen, die Erforscher an sich zu binden und die Erkenntnisse geheimzuhalten. Viele Regierungen und alle Logen überleben noch heute nach dem gleichen Prinzip. Nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten kennt die Geheimnisse; alle anderen werden gezielt davon ausgeschlossen. Denn Wissen ist Macht und Nicht-Wissen ist Ohnmacht.

Schon 1500 Jahre vor den Inkas entstand ein Text, der diesen klassischen Herrschaftsmechanismus sehr deutlich zum Ausdruck brachte. In dem apokryphen (d.h., nicht in die Bibel aufgenommenen) „Buch der Weisheit“ (Kapitel 7, 17-19), das dem jüdischen König Salomon zugerechnet, aber wohl erst ca. 50 vor Christus geschrieben wurde, rühmt sich der Herrscher:

„Gott hat mir gegeben, weislich zu reden ……

Denn er hat mir gegeben gewisse Erkenntnis alles Dinges, dass ich weiß, wie die Welt gemacht ist, und die Kraft der Elemente …..

Der Zeit Anfang, Ende und Mittel; wie der Tag zu- und abnimmt, wie die Zeit des Jahres sich ändert ……

Und wie das Jahr herumläuft; wie die Sterne stehen ……

Ich weiß alles, was heimlich und verborgen ist, denn die Weisheit, so aller Kunst Meister ist, lehret mich‘s“

Verschwiegen hat das Buch der Weisheit nur, dass es nicht „die Weisheit“ war, aus der die Forschungsergebnisse stammten, sondern die jahrzehntelange Arbeit vieler geduldiger Forscher, die Tag für Tag und vor allem Nacht für Nacht den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne beobachtet hatten.

Eine Schrift, um Wissen über Generationen zu tragen

Für Machu Picchu fehlt noch ein weiterer Mosaikstein, um eine Theorie vorzulegen, die Erklärungen für viele offene Fragen anbieten könnte. Für diesen letzten Theoriebaustein lohnt es, das Thema anzusprechen. Eine Schrift, die es vielleicht niemals gab, die aber möglicherweise verborgen ist in dem komplizierten System der Schnurknoten, der Quipus. Mit der Länge der Schnüre, ihrer Farbe, der Zahl und Anordnung der Knoten konnte über ein komplexes, semiotisches Zeichensystem kommuniziert werden. Es ging um Mathematik, Statistik, Buchhaltung und Steuern.

Es sind zu wenige der Schnüre erhalten, um diese Zeichen ganz entziffern zu können. Aber es bestehen keine Zweifel, dass es sich um eine Mnemotechnik handelte, um das Festhalten von Daten, die über die Erinnerungsfähigkeit des menschlichen Gedächtnisses hinaus reichten. Mit besonderer Ausbildung entwickelten sich wahrscheinlich Spezialisten – zum Knüpfen und zum Lesen oder Deuten dieser „Bibliotheken“ aus Wolle, Baumwolle oder Haaren. Man kann sich kaum vorstellen, wie ohne ein solches System, nur durch mündliche Überlieferung, die Ergebnisse der Erforschung der Himmelskörper über viele Generationen hätten weitergetragen werden können.

Es muss Spezialisten für jeden Himmelskörper, für die Sonne, den Mond und die Sterne gegeben haben. Deren Erkenntnisse waren für den Inka-König noch sehr viel wichtiger als die in Schnüren und Knoten festgehaltenen Ernteerträge. Nur mit Hilfe der beobachtenden Wissenschaftler konnte sich der König als allmächtiger Inhaber transzendenter Wahrheiten darstellen. Die Experten waren deshalb zur Begründung und Festigung seiner Macht unentbehrlich. Und sie waren zur Geheimhaltung verpflichtet. Sie durften nicht nach getaner Arbeit in den Straßen der Hauptstadt Cusco spazieren gehen und irgend jemandem andeuten können, wann die nächste Sonnenfinsternis erwartet werde.



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Von Veritatis