Corona wirkt nicht gleich, aber auf der kommunikativen Ebene haben die Auswirkungen der Pandemie schon etwas Gleichmacherisches: Überall kommunizieren opake Kacheln, auch und vor allem an den Unis. Unzureichende Ausrüstung, instabiles W-Lan, die vielstimmig studierende Wohngemeinschaft oder einfach die Scham, sich im verschlafenen Selbst oder einem unordentlichen, oft privaten Umfeld zu präsentieren – es gab viele, auch soziale Gründe für die massenhafte Bildflucht in Videokonferenzen. Das Mysterium der „schwarzen Quadrate“ hellte sich erst allmählich im Wintersemester auf, als immer mehr Studierende Farbe bekannten. Welch eine Erholung für mich als Lehrende, wenn die Stimme nicht mehr nur aus dem Off tönte, sondern Kontur bekam, quäkende Kinder und rumorende Mitstudierende im Hintergrund eingeschlossen.

Seit 23 Jahren biete ich an der Humboldt-Universität zu Berlin Seminare an, die Studierende aus den gewähnten Höhen der Alma Mater in die Niederungen der Praxis führen sollen. Eigentlich besteht das Kerngeschäft darin, den Studierenden den sich mühsam antrainierten akademischen Duktus wieder auszutreiben und Schwellen abzubauen: Wenn ihr jemals was werden wollt im Journalismus, müsst ihr angstfrei sprechen können mit den Menschen. Wer das autodidaktisch hinter sich hat, weiß, welche Herausforderung das ist.

Das Institut musste nun ganz neu planen, denn gerade die eingeübten Praxisangebote funktionierten nicht mehr. Mit 25 Studierenden Archivstaub aufwirbeln, eine Ausstellung realisieren wie meine Kolleg:innen, oder ins Theater gehen, wie ich es im Sommer vorhatte: All das war nicht mehr möglich. Dazu geschlossene Bibliotheken und keinerlei Räume, selbst für die rudimentärsten Aktivitäten. Wie „Flugis“, wie Flyer an den Unis früher hießen, habe ich den Studierenden im Juli ihre Arbeiten vor dem Institut zugeworfen, mit kleinen Ansagen. Digital wollte ich es nicht machen, aber auch meine Wurflösung war unbefriedigend.

Dann kam der lange Winter der Agonie und des fortgesetzten halbgaren Lockdowns. Inzwischen routinierter im Umgang mit der digitalen Uni-Plattform, experimentierten wir zusammen: Online-Programme wie Etherpad und H5P, spontan eingeladene Besucher, die von ihrer Arbeit erzählten, Zoom macht’s möglich. Bloß keine Langeweile aufkommen lassen! Immer auf Trab halten! Hatten Lehrende bis dahin noch die Illusion, ingeniöse Welterklärer, Wissensvermittler und Adjutanten subversiven Denkens zu sein, ließ sich nicht mehr verleugnen: Wir sind digital gestützte Kopfanimateur:innen.

Sogar infiziert wird studiert

Allerdings ließ sich auch etwas anderes beobachten. Sie waren plötzlich wirklich da, die Studierenden. Das übliche Abbröckeln im Laufe des Semesters, das sporadische Auf- und Abtauchen, das nach dem Friday-Night-Fever grundsätzlich verspätet und mit verquollenen Augen Aufploppen in der Blocksitzung am Samstagmorgen: nichts davon. Dafür verstörend pünktlich abgegebene Thesenpapiere und super vorbereitete Referate. Ich habe nie wirklich herausbekommen, womit das zu tun hatte. Meine These: Ihnen war einfach so langweilig im isolierten Daheim, dass Uni Abwechslung bedeutete, selbst für die, die unmittelbar von Corona betroffen waren, wegen Infektion, Jobverlust und vielem mehr. Auch das gab es.

Manchmal habe ich davon geträumt, mit diesen so wenig abgelenkten, nicht unendlich diversifiziert durch Berlin treibenden, konzentrierten Studierenden zusammenzusitzen und richtig zu sprechen, auch über unsere Gegenstände hinaus. Denn im Unterschied zu früheren Phasen, als unsere Seminare in Uni-Streiks aufgingen oder anderen politischen Erregungen, aus denen ein „Projekt“ hervorging, fehlten die Körper, die, und nur die, die Welt in Bewegung versetzen können. Die unterschwelligen diskreten Gesten, das einverständige Lachen nach einem Witz, das Einfangen der an der Unterkante der Aufmerksamkeit Driftenden und, ja, auch manchmal die Kneipenrunde, das ist digital nicht zu simulieren.

Niemand von uns hätte sich vor einem Jahr vorstellen können, dass wir in dem nun beginnenden Sommersemester noch einmal als Kachel posieren, zum dritten Mal. Es gibt Studierende, auch in meiner privaten Umgebung, die noch nie eine Uni von innen gesehen haben und in einem Jahr ihren Bachelor machen sollen. Was wird aus ihnen? Auf meinem Schreibtisch liegen die korrigierten Arbeiten aus dem abgelaufenen Semester. Die „Winterlinge“ müssen noch warten. Ich hoffe immer noch, dass ich sie zumindest einmal leibhaftig zu Gesicht bekomme.



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Von Veritatis