Lieber Volker Bruch,

an den Anfang sei hiermit ein großes Danke — mein großes Danke — gerückt, recht klassisch sozusagen oder normal eben. Aber halt! Da ist ja nun dieses irgendwie „Neue Normal“. Es hat sich eingeschlichen in die schläfrige Bürgerwelt, doch es wird mit jedem Tag vehementer und spürbarer, beinahe physisch schon. Und dieses neue Normal besagt: Wer auch nur leise öffentlich nachdenkt oder öffentlich Zweifel an der durch Regierung(en) und Medien verbreiteten Panik- und Angsterzeugung hegt, der sei ausgeschlossen!

Die Corona-Klima-Energie-Religion kann nicht ohne Strafe, war und ist sie doch auch bewährtes Element jeder monotheistischen Religion, davon war zu lernen. Und lässt sich dieser Bann auch noch nicht gänzlich umsetzen, dann bleibt ja noch das In-die-Ecke-stellen. Einige werden sich da an die Erzählungen von Großeltern oder Eltern und deren Schulbetrieb erinnern.

Ach ja, die Pädagogen und Lehrerverbände …, doch das soll hier nicht das Thema sein. In die Ecke wird auch gänzlich ohne Schulbetrieb gestellt — oder ist die Infantilisierung der Gesellschaft so weit vorangekommen, dass es probates Mittel überhaupt ist? Zumeist nun in die rechte Ecke wird gestellt. Kolja Zydatiss unternimmt es seit geraumer Zeit, für die Achse des Guten nach den Ausgestoßenen der Woche zu suchen, dass es den Anschein hat, es könnte mit dieser rechten Tummelecke auch bald vorbei sein, denn der Platz wird knapp und das Einrücken in die Mitte folgte zwangsläufig, die Namensliste jedenfalls schwillt beträchtlich. Und dann? Dann hätten wir beinahe doch wieder das alte „Normal“.

Aber nun will ich tatsächlich erst einmal meinen Dank abstatten für Ihre Teilnahme an der grandiosen Aktion „Allesdichtmachen“ und für Ihr „Angst-Audio-Interview“ bei 1bis19. Denn es scheint eben tatsächlich nicht mehr selbstverständlich, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und dies gegebenenfalls auch öffentlich zu tun. Wer die Kommentare zur Aktion in den sozialen Medien zur Kenntnis nimmt oder die Kommentarspalten sogenannter Leit- und Massenmedien betrachtet, der ist rasch desillusioniert.

Hass und Hetze allenthalben, Zeugnis einer intellektuellen Verkommenheit und Verrohung, die schaudern lässt.

Die Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zur Eindämmung der sogenannten Pandemie sind offensichtlich einfach nicht zu stellen. „Alternativlos“ heißt das Zauberwort der Politik. Und zudem: „Ein Widerwort, das strengt nur an und wäre überdies auch zwecklos“, notierte Lisa Eckhart unlängst mahnend. Das Virus lässt sich offenbar mit Gefängnisaufenthalten bestens bekämpfen. Fünf Jahre Knast drohen dem, der es wagt, in der Öffentlichkeit seine Cola zu trinken, oder sich erdreistet, nach Einbruch der Dunkelheit seinem Körper Bewegung zu gönnen.

Die Bundestagsabgeordnete Antje Tillmann (CDU = Corona-Diktatorische-Union) beschwichtigt gar auf meine Anfrage zum 4. Bevölkerungsschutzgesetz (allein das Wort verhöhnt) und betont, dass gegenüber einem ersten Entwurf „zahlreiche Änderungen erreicht“ wurden: „So beginnen die Ausgangsbeschränkungen erst um 22.00 Uhr“, heißt es da, und dabei wollte man doch den Bürger ursprünglich schon um 21.00 Uhr ins Bett schicken.

Wie hat diese fleißige Bundesregierung es nur geschafft, dem Virus dieses Stundengeschenk zu entlocken? Punktgenau wird es dann aber aktiv und so sei auf der Hut ein jeder, der da noch zur Berufsausübung eilt oder einem Betreuungsauftrag nachgeht, vom Umgangsrecht ist auch die Rede. Ganz generös heißt es in der E-Mail der Bundestagsabgeordneten (wenngleich in sehr sperrigem Deutsch): „Zudem gibt es jetzt verpflichtenden Distanzunterricht an Schulen bereits ab einer Inzidenz von 165. Präsenzunterricht darf nur bei Schutz- und Hygienekonzept stattfinden.“

Gab es diese aber nicht ohnehin seit Ausbruch des Corona-Wahns? Beglückungen also für den Bürger, denn „(an) Beerdigungen dürfen nunmehr 30 Personen (statt geplanten 15) teilnehmen“. Wäre sinnvoller aber nicht viel eher das würdige Abschiednehmen gewesen, statt unsinnigster und unmenschlicher Isolation der Sterbenden über Monate hin? Die Menschenwürde, gerne von der Politik, den Medien und überhaupt herausgekehrt — zu Recht freilich — setzt aber Freiheit voraus. Das scheint vergessen bei der Politik, den Medien und überhaupt. Oder hat der Zeitgeist bemerkt, dass Freiheit individualisiert, dass Freiheit somit Ungleichheit schafft. Das ängstigt dann wieder. Ungleichheit ist schließlich ein anderes großes Problem des politisch-medialen Zeitgeistes.

Hinfälligkeit, Krankheit, Abhängigkeit, Feindseligkeit, Hilflosigkeit machen Angst. Und die unablässig tätige Angstmaschinerie der Eskalationsbeauftragten zeigt Wirkung. Deshalb setzen viele Mitmenschen auf Sicherheit und vergessen die Freiheit. Das politische System reagiert entsprechend, kassiert die Freiheit und verspricht Sicherheit. Das Leben mag dabei auf der Strecke bleiben, wen interessiert es angesichts der lauernden Gefahren. Sollte Corona irgendwann doch zu schwächeln beginnen und dann einige Zeit benötigen für eine noch gelungenere Mutation und Rückkehr, verbleiben ja noch Strahlungswerte verschiedenster Art, das überaus beliebte CO2, Stahlbeton natürlich als Klimakiller und die Sache mit dem Feinstaub in der Luft ist nicht weniger anhängig. Die Religion der Angst darf weiter feiern, die Altäre sind geschmückt.

Leben aber — bedeutete das nicht ein Miteinander, bedeutete es nicht geistigen Austausch und gelegentlich sogar Berührung und Zärtlichkeit? Leben hätte es nicht zu tun mit dem Erleben des Sinnlichen jeglicher Art? Blieben da nicht zudem (gemeinsame) Arbeit, Bildung, Konzert und Theater eben sowie sportliche Betätigung und geselliges Spiel? Hingegen Leben wird nicht gewährt, mit einem neuen Handstreich dafür mal eine Ermächtigung für die Bundesregierung erteilt, um mit einer Art Notverordnung alle Bürger ein- beziehungsweise wegzusperren (nicht genug ist, an die Alten- und Pflegeheime zu erinnern) wie die Hühner vor Einbruch der Dunkelheit. Allerdings, die Hühner werden so vor den Füchsen geschützt, die Menschen nicht vor den Viren.

Wenn Kunst und Macht nicht miteinander kungeln, dann zeugt das von einem gesunden Verhältnis zueinander.

Eine solche Distanz zur Macht wäre auch den Medien angemessen, sie ging verloren. Künstler waren es 1989 in der DDR, die damit begannen, den Menschen die Augen zu öffnen und sie ermutigten, sich zusammenzuschließen, als sie Verlautbarungen des Neuen Forums zum Veranstaltungsbeginn vortrugen. Das hatte Signalwirkung.

Dem mächtigsten Despoten noch den Spiegel vorzuhalten, ist nicht zuletzt Aufgabe der Kunst. Ganz sicher ist es aber Aufgabe der Satire. Unbedingt ist Ulrich Tukur zuzustimmen: „Darf die Satire nicht mehr alles, und schlimmer noch, wird sie überhaupt nicht mehr verstanden, muss der Hofnarr schweigen.“ — „Ach, Deutschland“, mag man gemeinsam mit Georg Herwegh seufzen: „Laß‘ jede Freiheit dir rauben / Setze dich nicht zur Wehr, / Du behältst ja den grünen Glauben; / Schlafe, was willst du mehr?“

Sie, lieber Herr Bruch, haben gezeigt, dass der Schlaf kein Dauerzustand sein kann. Haben Sie Dank!



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Von Veritatis