Statt Stücken schauen wir uns seit einiger Zeit „Stückentwicklungen“ an. Alles ist irgendwie noch im Flow und das Ende der Aufführung offen. Denn die relative Konstante stellen wir dar, die einzubindenden ZuschauerInnen. Die klassische Show „Bühne dort – Publikum hier“ mutet für viele TheatermacherInnen nicht mehr zeitgemäß an. Reizvoller erscheint ihnen eher das Event zum Mitmachen. Also Zelda und World of Warcraft zum Anfassen? So ähnlich. Was zählt, ist die Aktivität, in die es uns zu versetzen gilt. Anfassen gehört in Zeiten der Pandemie nicht dazu, aber Interaktion geht auch auf Distanz. Angesichts geschlossener Bühnen verstärkt sich der Trend.

Großer Beliebtheit erfreut sich der Parcours – durch leere, geradezu dystopisch-geisterhafte Spielstätten wie 2020 in der Produktion Black Box. Phantomtheater für 1 Person (Stefan Kaegi/Rimini Protokoll) am Schauspiel Stuttgart. Das Format Parcours zählt schon lange zum Repertoire von Rimini Protokoll. Mit Kopfhörern wurde man in Stuttgart auf eine philosophisch anregende Reise durch den im Shutdown verlassenen Backstagebereich gelotst, durfte zuletzt auf die beleuchtete Bühne treten, um sich im gleißenden Gegenlicht dem Blick exakt einer Zuschauerin auszusetzen. Weitaus härter geht es in den stets für Diskussionen sorgenden Performances des Kollektivs Signa zu. Ganze Areale werden vom Ensemble bespielt, das damit eine in sich geschlossene Welt schafft, aus der man meist nicht rasch entkommen kann. 2017 begegnete man in einer ehemaligen Werkhalle in Hamburg sämtlichen Randgruppen der Gesellschaft, von Drogenabhängigen bis zu Kleinkriminellen. Passives Rezipieren? No way! Ständig muss man auf das Verhalten der SpielerInnen reagieren. Kurz davor realisierte die Gruppe mit Heuvolk in Mannheim ein Werk über eine Sekte. Da konnte man selbst erleben, wie Gehirnwäsche funktioniert und wurde in der Schlussszene zur Nacktorgie eingeladen.

Was jene radikalen und überwältigenden Entwürfe anstreben, ist die Herstellung von Grenzerfahrungen. Oder anders gesagt: die Arbeit am eigenen Selbst. Dass es zur permanenten Interaktion angehalten wird, birgt gerade für das politische Theater Potenzial und lässt sich an vielen jüngeren Inszenierungen studieren. Im Drama The Assembly / Die Versammlung (2020) an den Münchner Kammerspielen beobachten wir etwa ein Dinner von Schauspielern, deren aufeinanderprallende Haltungen zu Themen wie Migration oder Feminismus die auseinanderdriftende Gesellschaft spiegeln. Später werden wir dann selbst auf die Bühne gebeten, um unsere Meinungen dazu zu äußern. Gewiss erweisen sich all diese Darbietungen als sehenswert, teils gar kongenial. Doch wie viel Theater steckt da noch drin und wie verändert sich unter diesen Bedingungen unser Verhältnis zum Schauspiel? Man kann diese Gamification, die die Inszenierung zu einer Mischung aus Strategie- und Abenteuerspiel transformiert, möglicherweise als Brecht 2.0 verstehen. Sah er in Verfremdungseffekten – von unvorhergesehenen Rollenwechseln bis zur direkten Ansprache – die Voraussetzung, um das Publikum aus der passiven Konsumhaltung herauszukatapultieren, so dürften die aktuellen, partizipativen Formate Ähnliches bezwecken wollen. Die Wirkung ist jedoch eine gänzlich andere. Wer als BesucherIn direkt in die Story involviert wird, wie etwa bei den spielbaren Theaterstücken der Gruppe machina eX, die mit Mitteln des Computergames arbeitet, muss sich ständig spontan zum Gezeigten verhalten. Zwar avanciert man so für kurze Zeit zu einer MitautorIn/-regisseurIn. Verloren geht allerdings die reflexive Distanz.

Ein Brief mit Spielanleitung

Im Gegensatz zur klassischen Bühnenkonstellation, in der wir die Entwicklung der ProtagonistInnen innig begleiten, Zeichen und Codes entschlüsseln, sind wir in der Immersion nicht so sehr als Interpreten gefragt. Sie muss nicht unbedingt wie das Game eine Handlung einschließen, sie ermöglicht mitunter auch nur ein passives Eintauchen in die künstliche Welt. Nicht selten schwindet in ihr die Reibungsfläche, sodass die Reflexion von Alterität in den Hintergrund tritt, weil wir zu nah am Geschehen sind. Vortritt genießt stattdessen das Sinnliche. Schauspiel wird körperlich, ruft starke Gefühle hervor und gewinnt an Expressivität. Aber längst nicht alle derartigen Settings setzen auf unmittelbare Resonanzen. Passend zur Lockdown-Lage hat sich das Nationaltheater Mannheim mit dem Projekt Cecils Briefwechsel. Ein Post-Drama (2021) einen Coup zur Beteiligung des Publikums mit reichlich Zeitversetzung ausgedacht. Zunächst erhält man einen Brief mit diversen Utensilien: eine Telefonnummer, eine Spielanleitung, Teelichter sowie eine auffaltbare Kirche. Als Miniaturkulisse stellt sie einen Ort für eine mit dem Kerzenlicht zu beleuchtende Feier auf Toleranz und Diversität dar. Doch der Friede hält nicht lang. Mehrere männliche Rebellen wollen die pluralistische Gesellschaft unterwandern, indem sie einen Anschlag planen. Verlangt wird von uns, dass wir dazu selbst einen Brief aufsetzen, in Erwartung der nächsten, von den Ensemblemitgliedern verfassten Replik.

Trotz aller Bedenken lockt uns die Virtualisierung aus der Komfortzone des bloßen Zuschauens. Alle interaktiven Stückentwicklungen tragen zu einer Schärfung unseres Bewusstseins bei, eben für das gigantische Formen- und Ausdrucksrepertoire des Theaters. Es bestimmt auch mit Gamification seine Grenzen neu. Denn nur so bleibt es bei allem Wandel wohl das, was es sein soll: Raum für Kontroversen.



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Von Veritatis